Objekte des Monats: Der Blasennebel NGC 7635

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NGC 7635 ist ein Emis­si­ons­ne­bel im nörd­li­chen Stern­bild Kas­sio­peia. Er wur­de am 3. Novem­ber 1787 von dem deutsch-bri­ti­schen Astro­no­men Fried­rich Wil­helm Her­schel ent­deckt. Her­schel beschrieb das Objekt als sehr schwa­chen Nebel von gerin­gem Aus­maß in der Nähe eines Sterns der 9. Grö­ßen­klas­se. Sein Sohn John beob­ach­te­te den Nebel am 30. Sep­tem­ber 1829. Er führ­te ihn unter der Bezeich­nung GC 4947 in sei­nem „All­ge­mei­nen Kata­log der Nebel und Stern­hau­fen (GC)” auf. Auf­grund sei­ner unge­wöhn­li­chen Form, die vor allem auf lang belich­te­ten Auf­nah­men sicht­bar wird, trägt NGC 7635 auch den Eigen­na­men „Bla­sen­ne­bel“ (Bubble Nebu­la). Im Cald­well-Kata­log von Sir Patrick Cald­well Moo­re ist das Objekt als Cald­well 11 gelis­tet und die HII-Regi­on, in der der Nebel liegt, als Shar­pless 162 (Sh2-162). Auf­grund sei­ner kreis­för­mi­gen Gestalt wird NGC 7635 manch­mal auch als unge­wöhn­li­cher pla­ne­ta­ri­scher Nebel klassifiziert.

Heimat eines Blauen Hyperriesen

Der Bla­sen­ne­bel ist eines der inter­es­san­tes­ten Objek­te des nörd­li­chen Stern­him­mels, besitzt aber nur eine gerin­ge Flä­chen­hel­lig­keit. Mit einer schein­ba­ren Hel­lig­keit von 11,0 mag und einer Aus­deh­nung von 15 x 8 Bogen­mi­nu­ten kann er unter einem dunk­len Land­him­mel bereits in mit­tel­gro­ßen Tele­sko­pen beob­ach­tet wer­den. Er zählt zur Grup­pe der „Wolf-Ray­et-Nebel” und befin­det sich 7.100 Licht­jah­re von der Erde ent­fernt im Per­seus-Arm unse­rer Milch­stra­ße. Ande­re Quel­len geben eine Ent­fer­nung von 11.300 Licht­jah­ren an. Er umgibt einen 8,7 mag hel­len, jun­gen, mas­se­rei­chen Hyper­rie­sen der Spek­tral­klas­se O6,5 mit der Bezeich­nung BD+60°2522 (SAO 20575). Bei die­sem Stern han­delt es sich wahr­schein­lich um einen Wolf-Ray­et-Stern. Wolf-Ray­et-Ster­ne sto­ßen gro­ße Men­gen Mate­rie in ihre Umge­bung aus. Die­se Stern­win­de wer­den durch die inten­si­ve Strah­lung die­ser Ster­ne auf bis zu 4.000 km/s beschleu­nigt. Ein sol­cher Stern kann bis zu 33-mal die Mas­se der Erde pro Jahr ver­lie­ren. BD+60°2522 ist nur vier Mil­lio­nen Jah­re alt und stößt durch sei­nen inten­si­ven Ster­nen­wind gro­ße Men­gen an Gas aus. Die­ses Gas brei­tet sich kugel­för­mig in die Umge­bung aus. Dabei erreicht es Geschwin­dig­kei­ten von bis zu 1.800 bis 2.500 Kilo­me­ter pro Sekun­de. Die­ses Gas trifft anschlie­ßend mit Über­schall­ge­schwin­dig­keit auf das Gas einer rie­si­gen Mole­kül­wol­ke (Sh2-162), die sich über mehr als 130 Licht­jah­re erstreckt. Dabei bil­det sich eine Stoß­wel­le, die die äuße­re Hül­le der Gas­bla­se bildet.

Blasennebel (NGC 7635)
Der Bla­sen­ne­bel (NGC 7635) im Stern­bild Kas­sio­peia – Auf­nah­me von Bern­hard Hubl, Quel­le: CCD-Gui­de, Astro­no­mi­scher Arbeits­kreis Salzkammergut

Die nahe­zu per­fekt run­de Bla­se des Bla­sen­ne­bels hat einen Durch­mes­ser von etwa 7 Licht­jah­ren. Das ist mehr als die dop­pel­te Distanz von unse­rer Son­ne zum nächs­ten Stern, Pro­xi­ma Cen­tau­ri. Es ist anzu­mer­ken, dass sich der Mut­ter­stern nicht genau im Zen­trum der Bla­se, son­dern leicht ver­setzt gegen­über dem Zen­trum befin­det. Dies ist dar­auf zurück­zu­füh­ren, dass der Stern­wind auf einer Sei­te der Bla­se auf dich­te­re Regio­nen kal­ten Gases trifft und ihr somit die­se Asym­me­trie ver­leiht. Die unre­gel­mä­ßi­ge Struk­tur der Bla­se wird durch die unter­schied­li­che Dich­te des Mate­ri­als in der rie­si­gen, benach­bar­ten Mole­kül­wol­ke ver­ur­sacht. Im Nord­os­ten befin­det sich mehr Mate­rie als im Süd­wes­ten. Somit kann sich der stel­la­re Wind des Sterns in die­se Rich­tung weni­ger stark aus­brei­ten. Die star­ke UV-Strah­lung des Sterns regt das Gas der Mole­kül­wol­ke zum Leuch­ten an. Bil­der, die mit dem Welt­raum­te­le­skop Hub­ble auf­ge­nom­men wur­den, zei­gen rechts vom Stern einen Kamm aus dich­te­rem Gas. Der unte­re Bereich die­ses Kamms liegt näher am Stern und ist daher hel­ler. Er ist der ultra­vio­let­ten Strah­lung stär­ker aus­ge­setzt und erfährt in Ver­bin­dung mit dem star­ken Wind eine inten­si­ve­re Pho­to­eva­po­ra­ti­on. EGGs (Eva­po­ra­ting Gas­eous Glo­bu­les), die denen im Adler­ne­bel (M 16) ähneln, wur­den eben­falls nach­ge­wie­sen. EGGs sind Mate­rie­trop­fen mit einer Grö­ße, die dem Son­nen­sys­tem ent­spricht. In ihnen schei­nen die Bedin­gun­gen für die Ent­ste­hung von Ster­nen und mög­li­cher­wei­se von Pla­ne­ten güns­tig zu sein. Die EGGs in NGC 7635 sind jedoch sowohl in Win­kel- als auch in phy­si­ka­li­scher Hin­sicht grö­ßer als in M 16.

NGC 7635 (HST)
Der Bla­sen­ne­bel in einer Auf­nah­me des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops – Cre­dit: NASA, ESA, and the Hub­ble Heri­ta­ge Team (STScI/AURA), via Wiki­me­dia Commons

Der Stern, der den Bla­sen­ne­bel gebil­det hat, gehört zur Stern­as­so­zia­ti­on Cas­sio­peia OB2. Er besitzt den 15-fachen Durch­mes­ser unse­rer Son­ne, eine Mas­se von rund 45 Son­nen­mas­sen, eine Ober­flä­chen­tem­pe­ra­tur von 38.000 Kel­vin sowie eine Leucht­kraft von 398.000 Son­nen. Er hat den größ­ten Teil sei­ner Mas­se und sei­nes äuße­ren Was­ser­stoffs ver­lo­ren. Der Stern legt nun tie­fe­re Schich­ten frei, die mit Pro­duk­ten der Kern­fu­si­on wie Heli­um, Stick­stoff und Koh­len­stoff ange­rei­chert sind. Ursprüng­lich besaß er eine Mas­se von etwa 60 Son­nen­mas­sen. Vor rund 40.000 Jah­ren begann der Stern, einen Teil sei­ner Stern­hül­le in den Welt­raum abzu­sto­ßen. Die­se bewegt sich seit­dem mit einer Geschwin­dig­keit von 28 bis 36 Kilo­me­tern pro Sekun­de nach außen. Mit einer abso­lu­ten Hel­lig­keit von ‑5,5 mag zählt BD+60°2522 zu den hells­ten Ster­nen in unse­rer Milch­stra­ße, was man auf­grund sei­ner schein­ba­ren Hel­lig­keit von rund 8 Grö­ßen­klas­sen nicht unbe­dingt ver­mu­ten wür­de. Wür­de er in der­sel­ben Ent­fer­nung wie Siri­us ste­hen, wür­de er uns mit einer Hel­lig­keit von ‑8,7 mag erschei­nen und sogar am Tag­him­mel sicht­bar sein. Schät­zun­gen zufol­ge hat der Stern noch 10 bis 20 Mil­lio­nen Jah­re zu leben, bevor er in einer gewal­ti­gen Super­no­va explo­diert, das Mate­ri­al des Bla­sen­ne­bels zer­reißt und in das inter­stel­la­re Medi­um zerstreut.

In der Nähe von NGC 7635 befin­det sich auch der jun­ge, offe­ne Stern­hau­fen Mes­sier 52. Die­ser steht mit einer Hel­lig­keit von 7,3 mag aller­dings weit im Vor­der­grund des Bla­sen­ne­bels. M 52 besitzt einen Durch­mes­ser von etwa 19 Lichtjahren.

Beobachtung

Unter einem dunk­len Land­him­mel und in einer per­fekt kla­ren Nacht kann der Bla­sen­ne­bel mit einem 6‑Zöller als sehr schwa­cher, über­ra­schend gro­ßer, läng­li­cher Licht­fleck um einen Stern der 8. Grö­ßen­klas­se beob­ach­tet wer­den. Dies ist der hells­te Bereich des Bla­sen­ne­bels mit einer Aus­deh­nung von rund 3 Bogen­mi­nu­te, der visu­ell erfass­bar ist. Mit einer Öff­nung von 8 bis 10-Zoll ist der Nebel immer noch sehr schwach und schwer zu beob­ach­ten. Bei Ver­grö­ße­run­gen um das 70-fache erkennt man mit indi­rek­tem Sehen, dass der leicht sichel­för­mi­ge Licht­fleck eine etwas unre­gel­mä­ßi­ge Struk­tur besitzt – vor allem, wenn man einen O‑III- oder UHC-Fil­ter ein­setzt, der den Kon­trast gegen­über der Umge­bung noch etwas stei­gern kann. Eine Bla­sen­form ist mit die­ser Öff­nung aller­dings noch nicht zu erken­nen. Der hells­te Bereich des Nebels kon­zen­triert sich um den Zen­tral­stern her­um. Nörd­lich und süd­öst­lich davon sind schwä­che­re Nebel­schwa­den zu erken­nen. In der Mit­te erscheint der Nebel etwas dicker und hel­ler als am Rand. Die bei­den Enden lau­fen spitz nach außen aus, wodurch er eine „wes­pen­tail­le­ar­ti­ge“ Form erhält. Die bei­den Ster­ne der 7. und 8. Grö­ßen­klas­se in der Nähe von NGC 7635 stö­ren die Beob­ach­tung etwas. Mit Tele­sko­pen ab 16 bis 18-Zoll Durch­mes­ser lässt sich erken­nen, dass der schwa­che Nebel unre­gel­mä­ßig ist und sich in Nord-Süd-Rich­tung erstreckt.

Aufsuchkarte
Auf­such­kar­te für NGC 7635 & Mes­sier 52 – erstellt mit SkytechX

NGC 7635 ist zir­kum­po­lar. Er kann am bes­ten im Spät­som­mer bis in den Win­ter hin­ein beob­ach­tet wer­den, wenn das Stern­bild Cas­sio­peia hoch an unse­rem Him­mel steht. Der Nebel befin­det sich im nord­west­li­chen Bereich des Stern­bilds, in der Nähe der Gren­ze zum Stern­bild Per­seus und etwa 6° west-nord­west­lich von Beta Cas­sio­peiae. Um den Bla­sen­ne­bel zu fin­den, ver­län­gern wir die Stre­cke zwi­schen Sche­dar (Alpha Cas, 2,2 mag) und Caph (Beta Cas, 2,3 mag) über Beta hin­aus um das 1,2‑fache. Hier sto­ßen wir auf den Stern­hau­fen M 52. Der Bla­sen­ne­bel befin­det sich etwa ein hal­bes Grad süd­west­lich die­ses offe­nen Hau­fens. Außer­dem kann der 6,9 mag hel­le Stern HD 220057 als Ori­en­tie­rung die­nen, der sich süd­west­lich von NGC 7635 befindet.

Steckbrief für NGC 7635

Daten und Fak­ten für den Bla­sen­ne­bel NGC 7635 in der Kas­sio­peia (Cas­sio­peia)
Objekt­na­meNGC 7635
Kata­log­be­zeich­nungLBN 549, Sh 2–162
Eigen­na­meBla­sen­ne­bel, Bubble Nebula
TypEmis­si­ons­ne­bel, EN
Stern­bildKas­sio­peia (Cas­sio­peia)
Rekt­aszen­si­on (J2000.0)23h 20m 45,0s
Dekli­na­ti­on (J2000.0)+61° 12′ 42″
V Hel­lig­keit11,0 mag
Win­kel­aus­deh­nung15,0′ x 8,0′
Durch­mes­ser7 Licht­jah­re
Ent­fer­nung7.100 Licht­jah­re
Beschrei­bungvF,*8 inv l excen­tric; in Sh2-162, H IV 52;Bubble Nebula;L neb ring
Ent­de­ckerFried­rich Wil­helm Her­schel, 1787
Stern­at­lan­tenCam­bridge Star Atlas: Chart 1, 2 & 7
Inter­stel­larum Deep Sky Atlas: Chart Chart 8 & 15
Mill­en­ni­um Star Atlas: Charts 1069–1070 (Vol III)
Pocket Sky Atlas: Chart 71
Sky Atlas 2000.0: Chart 3
Urano­me­tria 2nd Ed.: Chart 18

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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