Messier 60 (NGC 4649) ist eine elliptische Galaxie im Sternbild Jungfrau (Virgo). Sie wurde am 11. April 1779 von dem deutschen Astronomen Johann Gottfried Köhler in seiner privaten Sternwarte in Dresden zusammen mit M 59 entdeckt, als er einen Kometen (C/1779 A1 Bode) im selben Abschnitt des Himmels beobachtete. Er notierte: „Zwei sehr kleine Nebel, kaum sichtbar in einem 3‑Fuß-Teleskop: Der eine über dem anderen.“ Der italienische Astronom Barnaba Oriani entdeckte die Galaxie einen Tag und Charles Messier nur vier Tage später unabhängig von Köhler. Im Zuge seiner Suche entdeckte Messier eine weitere Galaxie im Virgo-Galaxienhaufen (M 58), die Köhler offensichtlich übersehen hatte. Er fügte das Objekt schließlich zu seinem berühmten Nebelkatalog hinzu. Messier beschreibt M 60 als „etwas deutlicher” als M 58 und M 59 sowie als Nebel ohne Sterne.
In seinen Aufzeichnungen vermerkte er auch den Kometen, der zwischen dem 13. und 14. April 1779 an M 60 vorbeigezogen war. Dieser zog so nahe an den Galaxien vorbei, dass er in Messiers Fernrohr im gleichen Blickfeld erschien und die beiden anderen Galaxien regelrecht überstrahlte. Aus diesem Grund entdeckte Charles Messier die Galaxien erst in der Nacht darauf. Messier 60 bildet ein attraktives Paar mit der in unmittelbarer Nähe liegenden Spiralgalaxie NGC 4647. Sie wurde am 15. März 1784 von dem deutsch-britischen Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel entdeckt. Herschel erkannte beide Objekte als Doppelnebel, ebenso wie sein Sohn John, der es als „ein sehr schönes und merkwürdiges Objekt“ bezeichnete. Beide Galaxien sind auch als Arp 116 in Halton Arps Katalog der ungewöhnlichen und wechselwirkenden Galaxien verzeichnet.
Eine elliptische Riesengalaxie
Messier 60 ist hell genug, um mit jedem Teleskop beobachtet zu werden. Es handelt sich um eine der drei großen elliptischen Riesengalaxien im Virgo-Galaxienhaufen, dem mehr als 1.300, möglicherweise sogar mehr als 2.000 Galaxien angehören. Dieser befindet sich im Zentrum des Virgo-Superhaufens, zu dem auch die Lokale Gruppe gehört. M 60 ist das östlichste Messier-Objekt dieses Haufens und die dritthellste Galaxie. Nur Messier 49 (8,4 mag) und Messier 87 (8,7 mag) erscheinen leuchtkräftiger. Als die am weitesten östlich gelegene Messier-Galaxie des Virgo-Clusters ist M 60 auch die letzte in einer Reihe von drei Galaxien (M 58, M 59 und M 60), die in das Sichtfeld eines auf diesen Bereich des Himmels gerichteten Teleskops geraten. Messier 60 liegt 56,7 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Die Galaxie ist das dominierende Mitglied eines Subclusters von vier ziemlich isoliert stehenden Galaxien. Die wird als M60-Gruppe (Virgo-Cluster C) bezeichnet. Gleichzeitig gilt sie als die nächstgelegene bekannte isolierte kompakte Galaxiengruppe.

Die Galaxie ist vom Hubble-Typ E2. Einige Quellen klassifizieren sie jedoch als linsenförmige Galaxie des Hubble-Typs S0. Der Wert E2 weist auf eine Abflachung von 20 % hin, wodurch die Galaxie fast rund erscheint. Sie besitzt eine scheinbare Helligkeit von 8,8 mag und einen scheinbaren Durchmesser von 7,4 x 6,0 Bogenminuten. Im Gegensatz zu Spiralgalaxien weisen elliptische Galaxien keine organisierten Strukturen auf und erscheinen dem Beobachter eher langweilig. Die in Teleskopen leicht abgeplattet erscheinende Galaxie hat einen wahren Durchmesser von 118.000 Lichtjahren. Ihr äußerer Halo könnte sogar noch größer sein. Sie besitzt eine Masse von über einer Billion Sonnen. Ihre absolute Helligkeit beträgt ‑22,3 mag, was einer intrinsischen Leuchtkraft von 71 Milliarden Sonnen entspricht. Im Halo der Galaxie vermutet man bis zu 5.100 kugelförmige Sternhaufen. Das entspricht der 20-fachen Anzahl an Kugelsternhaufen, die unsere eigene Galaxie beherbergt (ca. 150 bis 200).
Die Begleiter von Messier 60
In unmittelbarer Nähe zu Messier 60, etwa 2,5 Bogenminuten von ihr entfernt, befindet sich die kleine Balkenspiralgalaxie NGC 4647. Sie steht wahrscheinlich in Wechselwirkung mit M 60 und weist einen Durchmesser von 55.000 Lichtjahren auf. Sie steht 61 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt, besitzt 10 Milliarden Sterne und ausgedehnte Sternenstehungsgebiete. Die beiden optischen Scheiben der Galaxien scheinen sich zu überlappen. Obwohl die Überlappung ihrer Halos auf eine solche gravitative Interaktion hindeutet, zeigen fotografische Aufnahmen keinerlei Anzeichen von Verzerrungen, wie sie bei so nahe beieinanderliegenden Galaxien zu erwarten wären. Dies legt nahe, dass die beiden Galaxien in Wirklichkeit nur aufgrund eines perspektivischen Effekts überlagert sind und möglicherweise etwas weiter voneinander entfernt stehen. Hubble-Beobachtungen deuten jedoch darauf hin, dass eine Gezeitenwechselwirkung zwischen M 60 und NGC 4647 eventuell bereits begonnen hat. Neuere Studien belegen diesen Verdacht jedoch nicht.

Die beiden Galaxien bilden daher ein rein optisch gebundenes Galaxienpaar, was als Arp 116 (Holm 448) bezeichnet wird. Halton Arp gliederte seinen Katalog ungewöhnlicher Galaxien nach rein morphologischen Kriterien in Gruppen ein. Laut Arp gehört diese Galaxie zur Klasse der „Elliptischen Galaxien in der Nähe von Spiralgalaxien, die diese stören“. Eine Typ‑I Supernova mit der Bezeichnung SN 1979A wurde in NGC 4647 im Jahr 1979 beobachtet. Am 16. April 2022 entdeckte der japanische Amateurastronom Koichi Itagaki einen weiteren hellen Lichtpunkt in der Scheibe von NGC 4647. Dieser stellte sich ebenfalls als Supernova vom Typ Ia heraus. Die Supernova SN 2022hrs erreichte nur eine Woche später eine maximale Helligkeit von 12,6 Magnituden. Dadurch konnte die Entfernung zu NGC 4647 neu bestimmt werden. Sie befindet sich demnach nun 91 Millionen Lichtjahre entfernt und liegt daher deutlich im Hintergrund von Messier 60.
In der unmittelbaren Umgebung von M 60 wurde 2013 die ultrakompakte Zwerggalaxie M60-UCD1 entdeckt. Sie befindet sich 22.000 Lichtjahre von der Hauptgalaxie entfernt und enthält ein 21 Millionen Sonnenmassen schweres supermassereiches Schwarzes Loch. Die Zwerggalaxie entstand wahrscheinlich vor rund 10 Milliarden Jahren bei einer Kollision mit einer anderen Galaxie. Sie stellt das übrig gebliebene Zentrum dieser Galaxie dar. Die Zwerggalaxie besitzt einen Durchmesser von nur 300 Lichtjahren und enthält rund 140 Millionen Sonnen. Bemerkenswerterweise befindet sich etwa die Hälfte ihrer Masse in einem Radius von nur etwa 80 Lichtjahren. M60-UCD1 gilt daher als die kleinste und masseärmste Galaxie mit einem bestätigten zentralen Schwarzen Loch. Sie ist möglicherweise die dichteste bekannte Galaxie mit einer außergewöhnlich hohen Sternendichte von mehr als hundert Sternen pro Kubiklichtjahr im lokalen Universum. Die Sterndichte ist damit etwa 15.000 Mal höher als in der Sonnenumgebung. Das bedeutet, dass die Sterne etwa 25 Mal näher beieinander liegen. Während der Kollision mit M 60 wurden aufgrund der gravitativen Kräfte viele Sterne und Dunkle Materie aus der Hauptgalaxie herausgerissen. Vermutlich wird die Zwerggalaxie in ferner Zukunft komplett mit M 60 verschmelzen.
Auch im Zentrum von Messier 60 vermutet man ein supermassereiches Schwarzes Loch mit einer Masse von etwa 3,4 bis 4,5 Milliarden Sonnenmassen. Es ist derzeit inaktiv und zählt zu den größten bekannten Schwarzen Löchern im lokalen Universum. Seine Masse entspricht etwa dem 1.000-fachen der Masse des Schwarzen Lochs im Zentrum unserer Milchstraße. Die Röntgenstrahlung der Galaxie zeigt einen Hohlraum, der durch Jets entstanden ist, welche das Schwarze Loch in früheren aktiven Phasen ausgestoßen hat. Die Bewegung von M 60 durch das Intercluster-Medium des Virgohaufens führt zu einem Ram-Pressure-Stripping von Gas aus dem äußeren Halo der Galaxie. Am 28. Januar 2004 wurde in M 60 eine Supernova vom Typ Ia entdeckt. Bei ihrer Entdeckung wies sie nur eine Helligkeit von 18,8 Größenklassen auf und war bereits am Abklingen. Sie war vermutlich etwa ein halbes Jahr zuvor aufgeleuchtet. Sie blieb jedoch unbemerkt, da sich M 60 zu diesem Zeitpunkt nahe ihrer Konjunktion mit der Sonne befand.
Beobachtung
Messier 60 ist unter einem dunklen Landhimmel bereits in einem 10×50-Fernglas relativ deutlich als kleiner, verschwommener Lichtfleck zu erkennen. Mit einem 3 bis 4‑Zoll Refraktor und mittleren Vergrößerungen von 60-fach erscheint die Galaxie als unscharfer, ovaler Lichtfleck mit einem etwas helleren Zentrum. Unter guten Sichtbedingungen ist mit einer Öffnung von 5‑Zoll und einer höheren Vergrößerung auch ihr Begleiter NGC 4647 mit indirektem Sehen nachweisbar. Er erscheint als nordwestliche Ausbuchtung des Halos. Mit 6 bis 8‑Zoll Öffnung und 70 bis 100-facher Vergrößerung erscheint M 60 etwas heller und ausgedehnter. Der Kern erscheint sternartig und sehr hell, der Kernbereich eher diffus. Die Helligkeit der Koma nimmt nur mäßig zur Mitte hin zu. Sie bildet mit zwei schwächeren Sternen ein flaches, gleichschenkliges Dreieck. NGC 4647 erscheint nur als strukturloser, 12 mag heller und nur eine Bogenminute großer Lichtfleck. Dieser wird vom äußeren Halo von M 60 ab einer Öffnung von 8‑Zoll etwas überlappt.
Mit Teleskopen ab 10-Zoll Öffnung besitzt die Begleitgalaxie ein etwas helleres, diffuses Zentrum und scheint durch einen dunklen Streifen von M 60 getrennt zu sein. Mit noch größeren Teleskopen erscheinen beide Galaxien recht hell. Die Helligkeit von M 60 nimmt zum Zentrum hin nur mäßig zu. Auffällig ist hier der sternförmig erscheinende, schwache Kern. Der Kernbereich von NGC 4647 ist nahezu gleichförmig hell und wird von einem ebenso gleichförmigen, leicht fleckigen Halo umgeben. Nur 25 Bogenminuten nordwestlich von M 60 befindet sich die elliptische Galaxie M 59 mit einer Helligkeit von 9,7 Größenklassen. Mit mittleren Vergrößerungen befinden sich beide Messier-Objekte im selben Gesichtsfeld eines Teleskops.
Messier 60 ist ein typisches Objekt des Frühlingshimmels und des Frühsommers und steht nahe der Grenze zum Sternbild Coma Berenices. Die Galaxie ist relativ einfach aufzufinden, denn sie steht ca. 7° westlich von Rho Virginis und 4 ½ Grad westlich und etwas nördlich von Epsilon. Ausgehend vom Stern Vindemiatrix (Epsilon Vir, 2,8 mag) ziehen wir eine Linie in Richtung Denebola (Beta Leo, 2,1 mag). Ungefähr 5° westlich von Epsilon Vir steht ein Dreieck aus Sternen der 6. und 7. Größenklasse, das sich um Rho Vir (4,9 mag) gruppiert. Die Galaxie befindet sich etwa 1 ½ Grad nördlich dieser Gruppe.
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Steckbrief für Messier 60 & NGC 4647
Daten und Fakten für die Galaxien Messier 60 und NGC 4647 in der Jungfrau (Virgo)| Objektname | Messier 60 NGC 4647 |
| Katalogbezeichnung | NGC 4649, UGC 7898, PGC 42831, MCG 2−33−2, KCPG 353B, ARP 116 UGC 7896, PGC 42816, MCG 2−33−1, ZWG 71.15, KCPG 353A, IRAS12410+1151 |
| Typ | Galaxie, E2 Galaxie, SBc Ring |
| Sternbild | Jungfrau (Virgo) |
| Rektaszension (J2000.0) | 12h 43m 39,8s 12h 43m 32,5s |
| Deklination (J2000.0) | +11° 33′ 11″ +11° 34′ 58″ |
| V Helligkeit | 8,8 mag 11,4 mag |
| Flächenhelligkeit | 12,9 mag 13,2 mag |
| Winkelausdehnung | 7,6′ x 6,2′ 2,9′ x 2,3′ |
| Positionswinkel | 105° 125° |
| Absolute Helligkeit | -21,462 ‑19,926 |
| Durchmesser | 118.000 Lichtjahre 55.000 Lichtjahre |
| Entfernung | 56,7 Millionen Lichtjahre 61 Millionen Lichtjahre |
| Beschreibung | vB,pL,R,f of Dneb; NGC 4647 @ 2.5′ pF,pL,lE115,np of Dneb; H III 144;NGC 4649 @ 2.5′ |
| Entdecker | Johann Gottfried Köhler, 1779 Friedrich Wilhelm Herschel, 1784 |
| Sternatlanten | Cambridge Star Atlas: Chart 11 Interstellarum Deep Sky Atlas: Chart 45 & D2 Millennium Star Atlas: Charts 723–724 (Vol II) Pocket Sky Atlas: Chart 45 Sky Atlas 2000: Chart 14 Uranometria 2nd Ed.: Chart 90 |











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