Auf meinem Schreibtisch steht eine Tasse frisch gebrühter Kaffee. Es ist 6 Uhr morgens, während ich diesen Bericht schreibe. An Schlaf ist immer noch nicht zu denken. Die letzte Nacht war zu eindrücklich. In der Zwischenzeit treffen auf Social Media immer mehr Polarlichtfotos vom Abend des 19. Januar 2026 ein. Diese „Nacht der grün-pulsierenden Polarlichter” wird man sicher nicht so leicht vergessen. Was war passiert?
Am 18. Januar 2026 um 18:08 Uhr UTC verursachte die Sonnenfleckengruppe AR 4341 einen X1,9‑Flare mit einem koronalen Massenauswurf (CME). Dieser CME war nicht direkt zur Erde gerichtet, sondern streifte die Umlaufbahn unseres Planeten lediglich. Die schnellen Plasmateilchen des Sonnenwinds versprachen jedoch in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar einen schweren geomagnetischen Sturm der Kategorie G4, wie das NOAA prognostizierte. Das hieß für Beobachter vor allem in Europa und Nordamerika, nach spektakulären Polarlichtern Ausschau zu halten. Und tatsächlich traf die Teilchenwolke nicht, wie vorausgesagt, zwischen 2 und 4 Uhr ein, sondern einige Stunden früher, nämlich gegen 21 Uhr Mitteleuropäischer Zeit.
Ich habe gerade LPIndies aktuelles Video über den für diese Nacht erwarteten geomagnetischen Sturm auf YouTube fertig geschaut und nehme mein Tablett zur Hand, um einen Blick auf meine SpaceWeather-Seite mit der DWD-Webcam in Falkenberg zu werfen: Was ist das? Horizontnah zeigt sich ein grünlicher Polarlichtbogen mit einigen rötlichen Streamern. Da die Kameraausrüstung schnell griffbereit ist, fahre ich, mehr oder weniger warm eingepackt, nur 15 Minuten später raus nach Treppendorf. Dort angekommen ist die Kamera mit dem Kit-Objektiv schnell aufgebaut. Mit bloßem Auge ist noch nichts zu sehen, allerdings zeigt das vor wenigen Sekunden mit meiner Canon EOS 6D geschossene Testfoto bereits einen beeindruckenden, horizontnahen roten Vorhang.
Pünktlich zur Neumondzeit sieht man vor Ort nicht die Hand vor den Augen, sodass ich blind nach meinem Handy taste. Ich schicke schnell eine Meldung in die WhatsApp-Gruppe der Südkurve mit dem Hinweis, dass aktuell horizontnahe und relativ helle Polarlichter zu sehen sind. Nur zehn Minuten später dreht die Aurora auf, sodass nun tatsächlich schon erste blasse Streamer mit bloßem Auge wahrnehmbar sind. Auch der Horizont hat sich in diesen wenigen Minuten merklich aufgehellt. In nördlicher Richtung ist ein leicht rötlicher Schimmer erkennbar, ähnlich wie vor eineinhalb Jahren, am 10. Mai 2025.
Das ist jedoch noch nicht alles. Nun gewinnt die Aurora an Höhe und Helligkeit. Gegen 22:10 Uhr intensiviert sich zudem der grüne Streifen am Horizont. Er ist plötzlich nicht mehr horizontnah, sondern steigt in seiner Höhe auf. Auch der rote Vorhang im Norden hinter den kahlen Bäumen ist nun deutlich besser zu erkennen. Ich versuche, einige Freunde anzurufen oder per WhatsApp-Textnachricht zu erreichen, doch ich bekomme nur eine ziemlich kurz angebundene Freundin an die Strippe. Eine weitere Bekannte sieht leider nichts, da entweder die Beobachtungsbedingungen in Münster zu schlecht sind (Nebel) oder die Lichtverschmutzung in der Stadt ihr einen Strich durch die Rechnung macht. Doch das ist noch nicht der Höhepunkt des Naturschauspiels.
„Guckt verdammt noch mal jetzt in Richtung Norden, da könnt Ihr helle Polarlichter sehen!“
Plötzlich bemerke ich ein helles Licht entlang des nach Osten verlaufenden Feldwegs. Es ist weder ein Polarlicht noch ein unbekanntes Flugobjekt, sondern ein Fahrzeug, das sich langsam auf mich zu bewegt. Es ist ungefähr 100 Meter entfernt. Nun erkenne ich es: Die Polizei! Zwei nette Beamte steigen aus und wundern sich, was ich hier zu nachtschlafender Zeit zu suchen habe. Nachdem sie meinen Personalausweis überprüft haben, kommen wir ins Gespräch. Sie sagen, dass sie vom nahegelegenen Umspannwerk eine Alarmmeldung erhalten haben. Das erst im letzten Jahr neu gebaute Umspannwerk liegt nur 400 Meter von meinem Standort entfernt. Tatsächlich ist der Ort dort hell erleuchtet.
„Ein starker Sonnensturm kann Ströme in den elektrischen Anlagen induzieren“, sage ich. „Vermutlich hat das Polarlicht einen Einfluss auf die Anlage, sodass die automatisierte Nachricht vorhin rausging“, spekuliere ich weiter. Ich bekomme fragende Blicke von den Beiden: „Welches Polarlicht?“ „Na, das, was Sie hier in Richtung Norden sehen können. Der helle Streifen dort ist Polarlicht, und auch der rötliche Schimmer über den Bäumen.“ Die Beamten sind erstaunt, denn von einem Polarlicht haben sie noch nichts gehört. Ich hole schnell meine Kamera und zeige ihnen ein paar Aufnahmen, dann steigen die Beiden wieder in ihr Fahrzeug und wünschen mir für den restlichen Abend noch viel Erfolg.
Es ist kurz nach 22:30 Uhr. Plötzlich tauchten extrem helle weiß-grüne Flecken hoch am Himmel auf, die sich horizontal ausdehnen. Einfach krass! Ein breiter, extrem heller, grünlicher Lichtstrahl geht quer über den Nordhimmel. Die gesamte Szenerie am Himmel ist dynamisch, wie man es aus Skandinavien kennt. Die Polarlichter werfen regelrecht Schatten auf den Erdboden und tauchen die Umgebung in ein trübes Licht. Nun bereue ich, dass ich mein 15-mm-Weitwinkelobjektiv nicht auf der Kamera habe. Mit nur 24 mm Brennweite am Vollformat sind die Polarlichter bei Weitem nicht in ihrer gesamten Ausdehnung zu erfassen. Ich erkenne nun einen helles grünes Band, das sich durch das Sternbild Orion bis in den Zenit erstreckt. Die Intensität und Ausdehnung des Bandes verändert sich immer wieder. Pulsierende wolkenartige Vorhänge verschwinden und tauchen an anderer Stelle wieder auf.
Ein Bogen verläuft quer über den Nordhimmel. Seine Helligkeit variiert sehr stark und er verschwindet plötzlich niedrig über dem westlichen Horizont. Nun sind im Nordosten, im Zenit und in Richtung Südwesten Polarlichtbögen zu erkennen, die wie helle, mehr oder weniger stark begrenzte Wölkchen erscheinen. Über dem südwestlichen Horizont tauchen plötzlich sehr helle Vorhänge auf, die mehrere Minuten lang an Ort und Stelle verbleiben. Unser Südkurvenmitglied Stefan postete in der Gruppe derweilen Folgendes: „In dem Moment, als dieses starke grüne Licht erschien, ist bei meinem Handy der Empfang von LTE auf E gesprungen. Eventuell hängt das damit zusammen.“ Nach dem Höhepunkt um 22:45 Uhr nahm die Polarlichtaktivität langsam wieder ab. Es blieb allerdings ein rötlicher Vorhang in einer Höhe von 60 Grad im Norden bestehen. Auch der horizontnahe grüne Vorhang hatte sich weiter in Richtung Norden verlagert.
Um 23:15 Uhr packe ich die Ausrüstung ein und fahre die fünf Minuten zurück nach Hause, um mich für Phase zwei startklar zu machen. Ich nutze die Gelegenheit, mich wärmer anzuziehen und eine zweite Kamera mit einem Ultraweitwinkelobjektiv auszurüsten. Kurz darauf bin ich in Richtung Radensdorf, zu meinem angestammten Beobachtungsplatz, unterwegs. Kurz vor Mitternacht komme ich am Beobachtungsort an. Es ist alles ruhig. Das Sternbild Orion hat den Meridian bereits überschritten. Der Große Wagen steht senkrecht mit der Deichsel nach unten in Richtung Nordosten. Aber nichts. Mit bloßem Auge ist lediglich ein heller Schimmer niedrig über dem Nordhorizont wahrnehmbar. Allerdings verzeichnet meine Kamera nahezu strukturloses, rötliches Polarlicht im Norden bis hoch in den Zenit.
Ein Blick auf die SpaceWeather-App zeigt den Grund: Die Protonendichte und die Geschwindigkeit der Teilchen sind mit 1.100 km/s immer noch sehr hoch. Das Erdmagnetfeld zeigt mit 60 nT nach wie vor einen extrem hohen Wert. Leider ist dieses Magnetfeld in Richtung Norden ausgerichtet, sodass es nun keine negativen Werte mehr anzeigt. Vor zwei Stunden, zum Höhepunkt des Substorms, verzeichneten die Magnetometer einen Bz-Wert zwischen ‑50 und ‑60 nT. Ich packte die Kamera zurück ins Auto und fahre heim, in der Hoffnung, dass sich dieser Wert im Laufe der Nacht noch ändern und das Erdmagnetfeld schließlich wieder nach Süden weisen würde. Leider trat dies bis zum Morgengrauen nicht mehr ein.
Die Chancen stehen gut, dass heute Abend wieder Polarlichter über Deutschland sichtbar sind. Entscheidend sind dafür die Teilchendichte, Geschwindigkeit der Protonen und Ausrichtung des Magnetfelds. Vorher benötige ich allerdings noch eine Mütze Schlaf… 😀
Weiterführende Links
AKM-Forum – Polarlicht 2026−01−19÷20 – extrem hell | Astrotreff – Polarlicht am 19. / 20. Januar durch X1,9‑Flare | Astronomie.de – Helle Polarlichter | heise online – Heftiger Sonnensturm, perfektes Wetter | WELT – Starker Sonnensturm lässt den Himmel über Deutschland leuchten | Frankfurter Rundschau – Sonnensturm lässt Polarlichter über Deutschland tanzen | Stuttgarter Zeitung – Polarlichter heute – Dauervorhersage aktuell | SpaceWeatherLive.com | Polarlicht-Vorhersage für Deutschland



















Hallo Dieter, vielen Dank... :)