Die turbulente Jugend junger Planetensysteme

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Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben die bis­her detail­lier­tes­ten Schnapp­schüs­se von Pla­ne­ten­sys­te­men in einer Ära auf­ge­nom­men, die lan­ge Zeit im Dun­keln lag. Die ALMA-Stu­die ARKS (ALMA sur­vey to Resol­ve exo­Kui­per belt Sub­s­truc­tures, etwa: ALMA-Stu­die zur Auf­de­ckung von Sub­struk­tu­ren in Exo-Kui­per-Gür­teln) hat mit Hil­fe des Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) die schärfs­ten Bil­der aller Zei­ten von 24 Trüm­mer­rin­gen auf­ge­nom­men, den stau­bi­gen Gür­teln, die nach der Ent­ste­hung von Pla­ne­ten zurück­blei­ben. Die­se Schei­ben sind das kos­mi­sche Äqui­va­lent zu den Teen­ager­jah­ren von Pla­ne­ten­sys­te­men – etwas rei­fer als neu ent­stan­de­ne, pla­ne­ten­bil­den­de Schei­ben, aber noch nicht ganz erwachsen.

Eine fehlende Seite in den Familienalben von Planeten

„Wir haben oft die Baby­fo­tos von Pla­ne­ten gese­hen, die sich gera­de bil­den, aber bis jetzt fehl­te die Jugend­pha­se“, sagt Mer­edith Hug­hes, Asso­cia­te Pro­fes­sor für Astro­no­mie an der Wes­ley­an Uni­ver­si­ty in Midd­le­town, Con­nec­ti­cut, USA, und Co-PI (Co-Prin­ci­pal Inves­ti­ga­tor, etwa: wis­sen­schaft­li­che Mit­ver­ant­wort­li­che) die­ser Studie.

ARKS Galerie
Die­se ARKS-Gale­rie licht­schwa­cher Trüm­mer­schei­ben zeigt neue Details ihrer Struk­tur: Gür­tel mit meh­re­ren Rin­gen, aus­ge­dehn­te glat­te Halos, scharf begrenz­te Rän­der sowie uner­war­te­te Bögen und Klum­pen, die auf den Ein­fluss for­men­der Pla­ne­ten hin­deu­ten. Zugleich macht sie ihre che­mi­sche Zusam­men­set­zung sicht­bar: Die bern­stein­far­be­nen Berei­che mar­kie­ren Lage und Men­ge des Staubs in den 24 unter­such­ten Schei­ben, die blau­en Berei­che hin­ge­gen die Ver­tei­lung und Häu­fig­keit von Koh­len­mon­oxid­gas in den sechs gas­rei­chen Sys­te­men. – Cre­dit: © Sebas­tián Mari­no, Sor­cha Mac Mana­mon, and the ARKS collaboration

„Trüm­mer­rin­ge ste­hen für die von Kol­li­sio­nen gepräg­te Pha­se des Pla­ne­ten­ent­ste­hungs­pro­zes­ses“, erklärt Tho­mas Hen­ning, Wis­sen­schaft­ler am MPIA (Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie) und Co‑I (Co-Inves­ti­ga­tor, etwa: wis­sen­schaft­lich mit­ver­ant­wort­li­ches Team­mit­glied) von ARKS. „Mit ALMA kön­nen wir die Ring­struk­tu­ren sicht­bar machen, die auf die Anwe­sen­heit von Pla­ne­ten hin­wei­sen. Par­al­lel dazu suchen wir mit Hil­fe von direk­ter Bild­ge­bung und Radi­al­ge­schwin­dig­keits­stu­di­en nach jun­gen Pla­ne­ten in die­sen Systemen.“

Das Pen­dant zu die­ser Pha­se in unse­rem eige­nen Son­nen­sys­tem ist der Kui­per­gür­tel, ein Ring aus eisi­gen Bruch­stü­cken jen­seits von Nep­tun, der Hin­wei­se gewal­ti­ger Kol­li­sio­nen und Pla­ne­ten­wan­de­run­gen vor Mil­li­ar­den von Jah­ren lie­fert. Durch die Unter­su­chung von 24 Exo­pla­ne­ten-Trüm­mer­gür­teln hat das ARKS-Team einen Ein­blick in die Vor­gän­ge in unse­rem Son­nen­sys­tem gewon­nen, als sich der Mond bil­de­te und die Pla­ne­ten um ihre end­gül­ti­gen Posi­tio­nen ran­gen und manch­mal sogar ihre Umlauf­bah­nen tauschten!

Teenager-Scheiben: schwer zu „fotografieren“, unmöglich zu ignorieren

Trüm­mer­rin­ge sind licht­schwach, hun­der­te oder sogar tau­sen­de Male dunk­ler als die hel­len, gas­rei­chen Schei­ben, in denen Pla­ne­ten ent­ste­hen. Das ARKS-Team hat die­se Her­aus­for­de­run­gen gemeis­tert und Bil­der die­ser Schei­ben in bei­spiel­lo­ser Detail­ge­nau­ig­keit pro­du­ziert. Wie Teen­ager, die sich vor der Kame­ra ver­ste­cken, haben es die­se schwa­chen Schei­ben geschafft, sich jah­re­lang vor den For­schen­den zu ver­ber­gen. Dank ALMA kön­nen Astro­nom­in­nen und Astro­no­men nun ihre kom­ple­xen Struk­tu­ren erken­nen: Gür­tel mit meh­re­ren Rin­gen, brei­te und glat­te Halos, schar­fe Kan­ten und sogar uner­war­te­te Bögen und Klumpen.

ALMA
Das Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) auf dem Cha­jnan­tor Pla­teau in Chi­le bei Nacht. – Cre­dit: © ESO/B. Taf­re­shi (twanight.org)

Aller­dings macht ALMA mit sei­nen Dut­zen­den von ein­zel­nen Radio­te­le­sko­pen kei­ne Bil­der im klas­si­schen Sin­ne. Statt­des­sen sam­melt es Radio­si­gna­le, die von Staub­par­ti­keln und Mole­kü­len aus­ge­sen­det wer­den und anschlie­ßend ver­ar­bei­tet und kor­re­liert wer­den müs­sen. Jedes Tele­skop trägt zum end­gül­ti­gen Bild bei, das aus dem Strom der Radio­wel­len zusam­men­ge­fügt wird.

„Wir sehen eine ech­te Viel­falt – nicht nur ein­fa­che Rin­ge, son­dern mehr­rin­gi­ge Gür­tel, Halos und star­ke Asym­me­trien, die ein dyna­mi­sches und tur­bu­len­tes Kapi­tel in der Geschich­te der Pla­ne­ten offen­ba­ren“, fügt Sebas­tián Mari­no hin­zu, Pro­gramm­lei­ter von ARKS und außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Exe­ter, Großbritannien.

Highlights und Premieren von ARKS

• Ein neu­er Maß­stab: ARKS ist die größ­te und detail­reichs­te Unter­su­chung von Trüm­mer­rin­gen, ver­gleich­bar mit einem „DSHARP für Trüm­mer­rin­ge“, und setzt damit einen neu­en Gold­stan­dard.
• Eine dyna­mi­sche, tur­bu­len­te Jugend: Etwa ein Drit­tel der beob­ach­te­ten Rin­ge weist kla­re Unter­struk­tu­ren auf (meh­re­re Rin­ge oder deut­li­che Lücken), was auf Merk­ma­le hin­deu­tet, die aus frü­he­ren Pha­sen der Pla­ne­ten­ent­ste­hung stam­men oder von Pla­ne­ten über einen viel län­ge­ren Zeit­raum geformt wur­den.
• Uner­war­te­te Viel­falt: Wäh­rend eini­ge Schei­ben kom­ple­xe Struk­tu­ren aus frü­he­ren Jah­ren bei­be­hal­ten, erschei­nen ande­re ruhi­ger und deh­nen sich zu brei­ten Gür­teln aus, ähn­lich wie wir es von der Ent­wick­lung des Son­nen­sys­tems erwar­ten.
• Hin­wei­se auf pla­ne­ta­ri­sche Umwäl­zun­gen: Vie­le Schei­ben wei­sen Anzei­chen für Zonen der Ruhe und des Cha­os auf, mit ver­ti­kal „auf­ge­bläh­ten” Regio­nen, ähn­lich wie in unse­rem Son­nen­sys­tem, wo sich ruhi­ge klas­si­sche Kui­per­gür­tel-Objek­te und sol­che, die durch die eins­ti­ge Wan­de­rung des Nep­tun ver­streut wur­den, ver­mi­schen.
• Über­ra­schen­de Gas­res­te: Meh­re­re Schei­ben behal­ten Gas viel län­ger als erwar­tet. In eini­gen Sys­te­men kann ver­blei­ben­des Gas die Che­mie der wach­sen­den Pla­ne­ten beein­flus­sen oder sogar Staub in aus­ge­dehn­te Halos hin­aus­trei­ben.
• Asym­me­trien und Bögen: Vie­le Schei­ben sind ungleich­mä­ßig, mit hel­len Bögen oder exzen­tri­schen For­men, was auf gra­vi­ta­ti­ve Ein­flüs­se von unbe­kann­ten Pla­ne­ten, Über­res­te von frü­he­ren Pha­sen wäh­rend der Pla­ne­ten­wan­de­rung oder Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Gas und Staub hin­deu­tet.
• Bereit­stel­lung öffent­li­cher Daten: Alle ARKS-Beob­ach­tun­gen und ver­ar­bei­te­ten Daten wer­den der astro­no­mi­schen For­schung welt­weit frei zur Ver­fü­gung gestellt, um wei­te­re Ent­de­ckun­gen zu ermöglichen.

Schlussfolgerungen: Unser Sonnensystem war einst eine wilde Fahrt

Die Ergeb­nis­se von ARKS zei­gen, dass die­se Teen­ager­pha­se eine Zeit des Über­gangs und der Tur­bu­len­zen ist. „Die­se Schei­ben doku­men­tie­ren eine Zeit, in der die Pla­ne­ten­bah­nen durch­ein­an­der­ge­ra­ten waren und gewal­ti­ge Ein­schlä­ge, wie der­je­ni­ge, der den Mond der Erde geformt hat, jun­ge Son­nen­sys­te­me geprägt haben“, sagt Luca Matrà, Co-PI der Stu­die und außer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor am Tri­ni­ty Col­lege Dub­lin, Irland.

Durch die Unter­su­chung Dut­zen­der Schei­ben um Ster­ne unter­schied­li­chen Alters und Typs trug ARKS dazu bei, zu ent­schlüs­seln, ob chao­ti­sche Merk­ma­le ver­erbt, von Pla­ne­ten geformt oder durch ande­re kos­mi­sche Kräf­te ent­stan­den sind. Die Beant­wor­tung die­ser Fra­gen könn­te Auf­schluss dar­über geben, ob die Geschich­te unse­res Son­nen­sys­tems ein­zig­ar­tig oder die Norm war.

Ausblick: Auf der Suche nach planetenbildenden Kräften

Die Ergeb­nis­se der ARKS-Stu­die sind eine Fund­gru­be für Astro­no­men, die nach jun­gen Pla­ne­ten suchen und ver­ste­hen wol­len, wie Pla­ne­ten­fa­mi­li­en wie unse­re eige­ne ent­ste­hen und sich neu ordnen.

„Die­ses Pro­jekt gibt uns eine neue Per­spek­ti­ve für die Inter­pre­ta­ti­on der Kra­ter auf dem Mond, der Dyna­mik des Kui­per­gür­tels und des Wachs­tums gro­ßer und klei­ner Pla­ne­ten. Es ist, als wür­de man die feh­len­den Sei­ten im Fami­li­en­al­bum des Son­nen­sys­tems hin­zu­fü­gen“, fügt Hug­hes hinzu.

MN

Hintergrundinformationen

Die ARKS-Stu­die ist das Ergeb­nis der Arbeit eines inter­na­tio­na­len Teams von etwa 60 Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern unter der Lei­tung der Uni­ver­si­ty of Exe­ter (Groß­bri­tan­ni­en), des Tri­ni­ty Col­lege Dub­lin (Irland) und der Wes­ley­an Uni­ver­si­ty (Midd­le­town, Con­nec­ti­cut, USA). Wei­te­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie unter https://arkslp.org/.

Das Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) ist eine inter­na­tio­na­le astro­no­mi­sche Ein­rich­tung, die von der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO), der US-ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Sci­ence Foun­da­ti­on (NSF) und den Natio­nal Insti­tu­tes of Natu­ral Sci­en­ces (NINS) Japans in Zusam­men­ar­beit mit der Repu­blik Chi­le betrie­ben wird. ALMA wird von der ESO im Namen ihrer Mit­glied­staa­ten, von der NSF in Zusam­men­ar­beit mit dem Natio­nal Rese­arch Coun­cil of Cana­da (NRC) und dem Natio­nal Sci­ence and Tech­no­lo­gy Coun­cil (NSTC) in Tai­wan sowie von den NINS in Zusam­men­ar­beit mit der Aca­de­mia Sini­ca (AS) in Tai­wan und dem Korea Astro­no­my and Space Sci­ence Insti­tu­te (KASI) finanziert.

Der Bau und Betrieb von ALMA wird von der ESO im Namen ihrer Mit­glied­staa­ten, vom Natio­nal Radio Astro­no­my Obser­va­to­ry (NRAO), das von Asso­cia­ted Uni­ver­si­ties, Inc. (AUI) ver­wal­tet wird, im Namen Nord­ame­ri­kas und vom Natio­nal Astro­no­mic­al Obser­va­to­ry of Japan (NAOJ) im Namen Ost­asi­ens gelei­tet. Das Joint ALMA Obser­va­to­ry (JAO) über­nimmt die ein­heit­li­che Lei­tung und Ver­wal­tung des Baus, der Inbe­trieb­nah­me und des Betriebs von ALMA.

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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