Neue ALMA-Bilder enthüllen Detailreichtum der zentralen Region der Milchstraße

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Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben die zen­tra­le Regi­on unse­rer Milch­stra­ße in einem beein­dru­cken­den neu­en Bild fest­ge­hal­ten und dabei ein kom­ple­xes Netz­werk aus Fila­men­ten kos­mi­schen Gases in bis­her uner­reich­ter Detail­ge­nau­ig­keit sicht­bar gemacht. Die mit dem Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) gewon­ne­nen umfang­rei­chen Daten ermög­li­chen es Astro­nom­in­nen und Astro­no­men, das Leben von Ster­nen in der extrems­ten Regi­on unse­rer Hei­mat­ga­la­xie neben dem super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Loch in ihrem Zen­trum zu untersuchen.

Es ist ein Ort der Extre­me, für unse­re Augen unsicht­bar, aber jetzt in außer­ge­wöhn­li­cher Detail­ge­nau­ig­keit sicht­bar gemacht“, sagt Ash­ley Bar­nes, Astro­nom bei der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO) in Deutsch­land, der zu dem Team gehört, das die neu­en Daten erho­ben hat. Die Beob­ach­tun­gen lie­fern einen ein­zig­ar­ti­gen Ein­blick in das kal­te Gas – den Roh­stoff, aus dem Ster­ne ent­ste­hen – inner­halb der soge­nann­ten zen­tra­len Mole­kül­zo­ne (engl. Cen­tral Mole­cu­lar Zone, kurz CMZ) unse­rer Gala­xie. Es ist das ers­te Mal, dass das kal­te Gas in die­ser gesam­ten Regi­on so detail­liert unter­sucht wurde.

CMZ
Die­ses Bild zeigt die kom­ple­xe Ver­tei­lung von mole­ku­la­rem Gas in der zen­tra­len Mole­kül­zo­ne (CMZ) der Milch­stra­ße. Es wur­de mit dem Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) auf­ge­nom­men, an dem die ESO als Part­ner betei­ligt ist. – Cre­dit: ALMA(ESO/NAOJ/NRAO)/S. Long­mo­re et al. Back­ground: ESO/D. Min­ni­ti et al.

Die Regi­on, die auf dem neu­en Bild zu sehen ist, erstreckt sich über mehr als 650 Licht­jah­re. Sie beher­bergt dich­te Gas- und Staub­wol­ken, die das super­mas­se­rei­che Schwar­ze Loch im Zen­trum unse­rer Gala­xie umge­ben. „Es ist der ein­zi­ge galak­ti­sche Kern, der nah genug an der Erde liegt, dass wir ihn so detail­liert unter­su­chen kön­nen“, sagt Bar­nes. Der Daten­satz zeigt die CMZ wie nie zuvor, von Gas­struk­tu­ren mit einem Durch­mes­ser von Dut­zen­den von Licht­jah­ren bis hin zu klei­nen Gas­wol­ken um ein­zel­ne Sterne.

Das Gas, das ACES – kurz für ALMA CMZ Explo­ra­ti­on Sur­vey – spe­zi­ell unter­sucht, ist kal­tes mole­ku­la­res Gas. Die Durch­mus­te­rung ent­schlüs­selt die kom­ple­xe Che­mie der CMZ und hat Dut­zen­de ver­schie­de­ner Mole­kü­le ent­deckt, von ein­fa­chen wie Sili­zi­um­mon­oxid bis hin zu kom­ple­xe­ren orga­ni­schen wie Metha­nol, Ace­ton oder Ethanol.

Kal­tes mole­ku­la­res Gas strömt ent­lang von Fila­men­ten, die Mate­rie­klum­pen spei­sen, aus denen Ster­ne ent­ste­hen kön­nen. In den Außen­be­rei­chen der Milch­stra­ße wis­sen wir, wie die­ser Pro­zess abläuft, aber im zen­tra­len Bereich sind sol­che Ereig­nis­se viel extre­mer. „Die CMZ beher­bergt eini­ge der mas­se­reichs­ten Ster­ne unse­rer Hei­mat­ga­la­xie, von denen vie­le ein kur­zes Leben haben und früh ster­ben, ihr Leben in gewal­ti­gen Super­no­va-Explo­sio­nen oder sogar Hyper­no­vae been­den“, erklärt ACES-Lei­ter Ste­ve Long­mo­re, Pro­fes­sor für Astro­phy­sik an der Liver­pool John Moo­res Uni­ver­si­ty inGroß­bri­tan­ni­en. Mit ACES hof­fen Astro­nom­in­nen und Astro­no­men, bes­ser zu ver­ste­hen, wie die­se Phä­no­me­ne die Ent­ste­hung von Ster­nen beein­flus­sen und ob unse­re Theo­rien zur Stern­ent­ste­hung auch in extre­men Umge­bun­gen gelten.

Milchstraße & CMZ
Die­ses Bild zeigt die Lage der zen­tra­len Mole­kül­zo­ne (CMZ), einer Regi­on im Kern unse­rer Gala­xie, die reich an dich­ten und kom­ple­xen Gas­wol­ken ist. – Cre­dit: ALMA(ESO/NAOJ/NRAO)/S. Long­mo­re et al. Stars in inset: ESO/D. Min­ni­ti et al. Mil­ky Way: ESO/S. Guisard

Indem wir unter­su­chen, wie Ster­ne in der CMZ ent­ste­hen, kön­nen wir auch ein kla­re­res Bild davon gewin­nen, wie Gala­xien gewach­sen sind und sich ent­wi­ckelt haben“, fügt Long­mo­re hin­zu. „Wir glau­ben, dass die­se Regi­on vie­le Gemein­sam­kei­ten mit Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum hat, wo Ster­ne in chao­ti­schen, extre­men Umge­bun­gen ent­stan­den sind.“

Um die­sen neu­en Daten­satz zu sam­meln, nutz­ten die Astro­no­men ALMA, das von der ESO und ihren Part­nern in der chi­le­ni­schen Ata­ca­ma-Wüs­te betrie­ben wird. Tat­säch­lich ist dies das ers­te Mal, dass ein so gro­ßes Gebiet mit die­ser Anla­ge gescannt wur­de, was die­ses Bild zum größ­ten ALMA-Bild aller Zei­ten macht. Am Him­mel gese­hen ist das Mosa­ik – das durch das Zusam­men­fü­gen vie­ler ein­zel­ner Beob­ach­tun­gen wie Puz­zle­tei­le ent­stan­den ist – so groß wie drei neben­ein­an­der lie­gen­de Vollmonde.

Wir hat­ten bei der Pla­nung der Unter­su­chung ein hohes Maß an Detail­ge­nau­ig­keit erwar­tet, waren aber den­noch über­rascht von der Kom­ple­xi­tät und Viel­falt, die sich im end­gül­ti­gen Mosa­ik zeig­ten“, ergänzt Katha­ri­na Immer, ALMA-Astro­no­min bei der ESO, die eben­falls an dem Pro­jekt betei­ligt ist. Die Daten von ACES wer­den in fünf Fach­ar­ti­keln vor­ge­stellt, die zur Ver­öf­fent­li­chung in den Month­ly Noti­ces of the Roy­al Astro­no­mic­al Socie­ty ange­nom­men wur­den, ein sechs­ter Arti­kel befin­det sich in der letz­ten Über­prü­fungs­pha­se.

Das bevor­ste­hen­de ALMA Wide­band Sen­si­ti­vi­ty Upgrade wird uns zusam­men mit dem Extre­me­ly Lar­ge Telescope der ESO bald ermög­li­chen, noch tie­fer in die­se Regi­on vor­zu­drin­gen – fei­ne­re Struk­tu­ren auf­zu­lö­sen, kom­ple­xe­re che­mi­sche Vor­gän­ge nach­zu­voll­zie­hen und die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Ster­nen, Gas und Schwar­zen Löchern mit bei­spiel­lo­ser Klar­heit zu erfor­schen“, schließt Bar­nes. „In vie­ler­lei Hin­sicht ist dies erst der Anfang.“

MN

Hintergrundinformationen

Die hier vor­ge­stell­ten For­schungs­er­geb­nis­se sind als Serie von Fach­ar­ti­keln erschie­nen, die die ACES-Daten beschrei­ben und in der Zeit­schrift Month­ly Noti­ces of the Roy­al Astro­no­mic­al Socie­ty ver­öf­fent­licht werden.

Die Daten selbst wer­den über das ALMA Sci­ence Por­tal unter https://almascience.org/alma-data/lp/aces ver­füg­bar gemacht.

Das Ata­ca­ma Lar­ge Millimeter/submillimeter Array (ALMA) ist eine inter­na­tio­na­le astro­no­mi­sche Ein­rich­tung, die gemein­sam von der ESO, der US-ame­ri­ka­ni­schen Natio­nal Sci­ence Foun­da­ti­on (NSF) der USA und den japa­ni­schen Natio­nal Insti­tu­tes of Natu­ral Sci­en­ces (NINS) in Koope­ra­ti­on mit der Repu­blik Chi­le betrie­ben wird. Getra­gen wird ALMA von der ESO im Namen ihrer Mit­glieds­län­der, von der NSF in Zusam­men­ar­beit mit dem kana­di­schen Natio­nal Rese­arch Coun­cil (NRC), dem Natio­nal Sci­ence and Tech­no­lo­gy Coun­cil (NSTC) in Tai­wan und NINS in Koope­ra­ti­on mit der Aca­de­mia Sini­ca (AS) in Tai­wan sowie dem Korea Astro­no­my and Space Sci­ence Insti­tu­te (KASI). Bei Ent­wick­lung, Auf­bau und Betrieb ist die ESO feder­füh­rend für den euro­päi­schen Bei­trag, das Natio­nal Radio Astro­no­my Obser­va­to­ry (NRAO), das sei­ner­seits von Asso­cia­ted Uni­ver­si­ties, Inc. (AUI) betrie­ben wird, für den nord­ame­ri­ka­ni­schen Bei­trag und das Natio­nal Astro­no­mic­al Obser­va­to­ry of Japan (NAOJ) für den ost­asia­ti­schen Bei­trag. Dem Joint ALMA Obser­va­to­ry (JAO) obliegt die über­grei­fen­de Pro­jekt­lei­tung für den Auf­bau, die Inbe­trieb­nah­me und den Beob­ach­tungs­be­trieb von ALMA.

Links

Link zur Pres­se­mit­tei­lung der ESO

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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