Objekte des Monats: Der offene Sternhaufen NGC 2169

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Der offe­ne Stern­hau­fen NGC 2169, im Win­ter­stern­bild Ori­on, wur­de ver­mut­lich erst­mals um das Jahr 1654 vom ita­lie­ni­schen Natur­for­scher und Pries­ter­as­tro­no­men Gio­van­ni Bat­tis­ta Hodier­na beschrie­ben. In sei­nem Werk „De Admi­ran­di Coeli Carac­te­ri­bus“ lis­tet Hodier­na ein Objekt im rech­ten Arm des Ori­on auf, das mit blo­ßem Auge nebu­lös erscheint. Sei­ne Beob­ach­tung fand außer­halb Sizi­li­ens aller­dings kaum Beach­tung. Der deutsch-bri­ti­sche Astro­nom Fried­rich Wil­helm Her­schel ent­deck­te das Objekt am 15. Okto­ber 1782 unab­hän­gig von Hodier­na mit sei­nem 6,2‑Zoll-Teleskop, kata­lo­gi­sier­te es als H VIII 24 und beschrieb es als „ein klei­ner Hau­fen ziem­lich gro­ßer wei­ßer Ster­ne“. Im Jahr 1888 nahm John L. E. Drey­er den Stern­hau­fen in sei­nen berühm­ten „New Gene­ral Cata­lo­gue of Nebu­lae and Clus­ters of Stars“ auf. Im angel­säch­si­schen Sprach­raum ist der Stern­hau­fen als „The 37-Clus­ter“ (37er-Hau­fen) bekannt, da die hells­ten Ster­ne von NGC 2169 einen Aste­ris­mus bil­den, der Ähn­lich­kei­ten mit der Zahl 37 auf­weist. Die­se Bezeich­nung stammt von Alan Gold­stein, der den Stern­hau­fen 1981 beschrie­ben hat. Ande­re Beob­ach­ter sehen dar­in die Buch­sta­ben „XY” oder „LE”. Im All­ge­mei­nen zei­gen klei­ne­re Tele­sko­pe die Buch­sta­ben und grö­ße­re Instru­men­te die Zif­fern. Wei­te­re Bezeich­nun­gen für NGC 2169 sind „LE-Hau­fen“, „Ein­kaufs­wa­gen-Hau­fen“ oder „Klei­ne Plejaden“.

Ein junger Sternhaufen im Himmelsjäger Orion

NGC 2169 ist ein wun­der­schö­ner, hel­ler offe­ner Stern­hau­fen, der sich in der Keu­le des Him­mels­jä­gers befin­det. Mit einer Hel­lig­keit von 5,9 mag und einem schein­ba­ren Durch­mes­ser von 6 Bogen­mi­nu­ten ist er unter einem dunk­len Land­him­mel theo­re­tisch schon mit dem blo­ßen Auge zu erken­nen. In grö­ße­ren Fern­glä­sern kann er bereits in sei­ne Ein­zel­ster­ne auf­ge­löst wer­den. Der sehr kom­pak­te Stern­hau­fen (Trump­ler-Klas­se I 3 pn) besitzt nur weni­ge Ster­ne, die sich in einer Ent­fer­nung von 3.400 Licht­jah­ren kon­zen­trie­ren. Somit beträgt sei­ne wah­re Aus­deh­nung unge­fähr 7 Licht­jah­re. Die rund 30 Ster­ne in NGC 2169 sind zur glei­chen Zeit aus der glei­chen Staub- und Gas­wol­ke ent­stan­den. Mit einem Alter von nur 8 bis 11 Mil­lio­nen Jah­ren ist der Hau­fen noch sehr jung und deut­lich jün­ger als die Ple­ja­den (Mes­sier 45) im Stern­bild Stier. Ande­re Quel­len geben ein Alter von 120 Mil­lio­nen Jah­ren an.

NGC 2169 Wide
NGC 2169 und Umge­bung im Ori­on – Auf­nah­me von Oli­ver Schnei­der, Quel­le: CCD-Gui­de, Astro­no­mi­scher Arbeits­kreis Salzkammergut

Auf­grund sei­ner Jugend ent­hält der offe­ne Hau­fen noch eini­ge kurz­le­bi­ge, aber sehr leucht­kräf­ti­ge Ster­ne der Spek­tral­klas­se B. Der Hei­ßes­te von ihnen besitzt die Spek­tral­klas­se B1. Eines der schwä­che­ren Mit­glie­der ist ein Roter Rie­se vom Spek­tral­typ M6, der sei­nen Was­ser­stoff­vor­rat bereits auf­ge­braucht hat, die 4 bis 8‑fache Mas­se unse­rer Son­ne besitzt und sich in einem spä­te­ren Ent­wick­lungs­sta­di­um befin­det. Ins­ge­samt ent­hält NGC 2169 rund 30 Ster­ne der Spek­tral­klas­se A3, von denen die hells­ten die 7. Grö­ßen­klas­se errei­chen. Man geht davon aus, dass sich sol­che klei­nen Stern­hau­fen inner­halb kur­zer Zeit durch Gra­vi­ta­ti­ons­schwan­kun­gen kom­plett auf­lö­sen. Denn bei ihrem Umlauf um das galak­ti­sche Zen­trum tref­fen die Mit­glieds­ster­ne auf ande­re Ster­ne und inter­stel­la­re Wol­ken. Die mas­se­rei­chen Ster­ne des Spek­tral­typs B wer­den wahr­schein­lich nicht lan­ge genug exis­tie­ren, um sich weit von ihrem Ursprung zu ent­fer­nen. Sie wer­den in einer gewal­ti­gen Super­no­va­ex­plo­si­on enden. Unse­re Son­ne hat sich vor mehr als vier Mil­li­ar­den Jah­ren wahr­schein­lich in einem ähn­li­chen offe­nen Stern­hau­fen gebildet.

NGC 2169
NGC 2169 – Cre­dit: Chuck Ayoub, CC0, via Wiki­me­dia Commons

In NGC 2169 befin­den sich meh­re­re ver­än­der­li­che Ster­ne. Dazu gehö­ren wahr­schein­lich zwei Ver­än­der­li­che vom Beta-Cep­hei-Typ, V916 Orio­nis und V917 Orio­nis, sowie der Alpha-2-Canum-Vena­ti­corum-Ver­än­der­li­che V1356 Orio­nis. Die nahe Umge­bung des Stern­hau­fens ist in einem Nebel aus inter­stel­la­rer Mate­rie ein­ge­bet­tet, der auf län­ger belich­te­ten Auf­nah­men erkenn­bar ist. Die­ser trägt die Bezeich­nung Ceder­blad 78. Nörd­lich des Stern­hau­fens befin­det sich außer­dem der Lower-Nebel (Sh2-261), eine H‑II-Regi­on, die vom hei­ßen blau­en Stern HD 41997 vom Spek­tral­typ O ioni­siert wird. Nur zwei Grad süd­west­lich von NGC 2169 steht der deut­lich licht­schwä­che­re offe­ne Stern­hau­fen NGC 2194 (8,5 mag, 9′). Er steht in einer Ent­fer­nung von 12.320 Licht­jah­ren weit im Hin­ter­grund. Übri­gens liegt NGC 2169 sehr nahe am mitt­le­ren Radi­an­ten des Orio­ni­den-Mete­or­schau­ers, der jedes Jahr um den 18. Okto­ber sei­nen Höhe­punkt erreicht.

Beobachtung

Von einem dunk­len Stand­ort aus kön­nen Beob­ach­ter NGC 2169 sogar mit blo­ßem Auge erken­nen. Der Stern­hau­fen ist in einem 7×50 Feld­ste­cher bereits als zwei­ge­teil­te klei­ne­re Ver­dich­tung im Ster­nen­feld der Win­ter­milch­stra­ße sicht­bar. Mit grö­ße­ren Feld­ste­chern, wie dem Fuji­o­non 16×70, gelingt bereits die Auf­lö­sung in vier dicht bei­ein­an­der­ste­hen­de Ein­zel­ster­ne. Klei­ne Refrak­to­ren mit einer Öff­nung von 3 bis 4‑Zoll zei­gen bei gerin­ger Ver­grö­ße­rung zwei tra­pez­för­mi­ge Grup­pen hel­ler Ster­ne: eine im Nord­wes­ten und eine grö­ße­re im Süd­os­ten, die den Flü­geln eines Schmet­ter­lings nach­emp­fun­den sind. In jeder Grup­pe ist ein hel­les Stern­paar zu erken­nen, das nahe­zu senk­recht zuein­an­der steht. Die Zif­fer „37” erscheint spie­gel­ver­kehrt. Der Hau­fen hebt sich gut vom Hin­ter­grund der unzäh­li­gen Ster­ne der Milch­stra­ße ab. Ins­ge­samt sind rund 16 Ster­ne der 7. bis 10. Grö­ßen­klas­se zu erkennen.

Wintermilchstraße
Regi­on der Win­ter­milch­stra­ße in den Stern­bil­dern Zwil­lin­ge und Ori­on mit NGC 2169

Mit einer grö­ße­ren Öff­nung und einer höhe­ren Ver­grö­ße­rung von bis zu 100-fach sieht der Stern­hau­fen noch ein­drucks­vol­ler aus, da nun mehr Ster­ne sicht­bar sind. Bei einer Öff­nung von 6 bis 8‑Zoll und mitt­le­ren Ver­grö­ße­run­gen tau­chen aus dem Hin­ter­grund mehr schwä­che­re Ster­ne auf. Die süd­öst­li­che Stern­grup­pe ist dabei rei­cher an Ster­nen. Etwa 18 Ein­zel­ster­ne und der inter­es­san­te Dop­pel­stern Struve 848, der aus einer blau­en und einer gelb­lich-wei­ßen Kom­po­nen­te besteht, sind erkenn­bar. Der Abstand der bei­den Kom­po­nen­ten beträgt ledig­lich 2,3 Bogen­se­kun­den und ihre Hel­lig­keit wird mit 7,3 bzw. 8,1 mag ange­ge­ben. Mit noch grö­ße­rer Öff­nung erkennt man vie­le schwä­che­re Ster­ne unter­schied­li­cher Far­ben, was den klei­nen Stern­hau­fen noch attrak­ti­ver erschei­nen lässt.

Aufsuchkarte NGC 2169
Auf­such­kar­te für NGC 2169 – erstellt mit SkytechX

NGC 2169 ist ein typi­sches Objekt des Win­ter­him­mels. Der Stern­hau­fen ist nörd­lich von Betei­geu­ze, im nörd­li­chen Teil des Stern­bilds Ori­on und nahe an der Gren­ze zu den Zwil­lin­gen recht ein­fach zu fin­den. Er liegt knapp eine Voll­mond­brei­te (35 Bogen­mi­nu­ten) süd­west­lich des Mit­tel­punkts der Ver­bin­dungs­li­nie zwi­schen den Ster­nen Xi (4,5 mag) und Nu Orio­nis (4,4 mag). Die­se bil­den den aus­ge­streck­ten rech­ten Arm des Him­mels­jä­gers. Zusam­men mit dem Stern­hau­fen bil­den sie ein annä­hernd gleich­sei­ti­ges Drei­eck. Wir stel­len Nu Ori in die Sucher­mit­te ein. West­lich des Sterns befin­det sich eine Ket­te aus drei schwä­che­ren Ster­nen. Wir schwen­ken das Tele­skop ein wenig nach Osten und anschlie­ßend knapp 1° nach Süden. Nun soll­te NGC 2169 in der Sucher­mit­te auftauchen.

Auf­such­kar­te The 37-Clus­ter (NGC 2169) (167,9 KiB, 21 hits)

Steckbrief für NGC 2169

Daten und Fak­ten für NGC 2169 im Orion
Objekt­na­meNGC 2169
Kata­log­be­zeich­nungCol­lin­der 83, OCL 481
Eigen­na­meThe 37-Clus­ter, 37er-Hau­fen, LE-Hau­fen, Ein­kaufs­wa­gen-Hau­fen, Klei­ne Plejaden
Typoffe­ner Stern­hau­fen, I 3 p n 
Stern­bildOri­on (Pri­on)
Rekt­aszen­si­on (J2000.0)06h 08m 24,3s
Dekli­na­ti­on (J2000.0)+13° 57′ 53″
V Hel­lig­keit6,9 mag
Win­kel­aus­deh­nung6,0′
Anzahl der Sterne30
Hells­ter Stern9,3 mag
Durch­mes­ser7 Licht­jah­re
Ent­fer­nung3.400 Licht­jah­re
Beschrei­bungCl,S,lRi,pmC,** (ADS 4728); H VIII 24;In nebu­la Ced 78
Ent­de­ckerGio­van­ni Bat­tis­ta Hodier­na, 1654
Stern­at­lan­tenCam­bridge Star Atlas: Chart 9
Inter­stel­larum Deep Sky Atlas: Chart 48
Mill­en­ni­um Star Atlas: Charts 203–204 (Vol I)
Pocket Sky Atlas: Chart 25
Sky Atlas 2000: Chart 12
Urano­me­tria 2nd Ed.: Chart 96

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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