Terzan 5 – Kein gewöhnlicher Kugelsternhaufen

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For­scher haben eine neue Klas­se von Objek­ten inner­halb unse­rer Milch­stra­ße bestä­tigt: Über­bleib­sel, die als „Fos­sil­frag­men­te des Gala­xien­kerns“ (bul­ge fos­sil frag­ment) bezeich­net wer­den. Ter­zan 5 ist der Pro­to­typ die­ser Über­res­te aus der frü­hen Ent­ste­hungs­pha­se unse­rer Gala­xie. Vor Mil­li­ar­den von Jah­ren brei­te­ten sich ähn­li­che Urklum­pen aus und ver­schmol­zen zum Gala­xien­kern der Milch­stra­ße, doch Ter­zan 5 blieb bis heu­te intakt. Eine neue Stu­die, die aktu­el­le Beob­ach­tun­gen des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops der NASA/ESA/CSA mit Daten kom­bi­nier­te, die über einen Zeit­raum von 12 Jah­ren vom Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA gesam­melt wur­den, hat ein­deu­tig gezeigt, dass Ter­zan 5 bis zu vier ver­schie­de­ne Pha­sen der Stern­ent­ste­hung durch­lau­fen hat, was bestä­tigt, dass es sich nicht um einen ech­ten Kugel­stern­hau­fen han­delt, son­dern um etwas viel Unge­wöhn­li­che­res und Selteneres.

Terzan 5
Ter­zan 5 befin­det sich 22.000 Licht­jah­re ent­fernt im Stern­bild Schüt­ze. Es ent­hält etwa die zwei­mil­lio­nen­fa­che Son­nen­mas­se in einem Stern­sys­tem mit nur weni­gen Dut­zend Licht­jah­ren Durch­mes­ser und ist damit eines der mas­se­reichs­ten und dich­tes­ten Kugel­stern­hau­fen-ähn­li­chen Sys­te­me in der Milch­stra­ße. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, STScI, G. Zul­lo (Uni­ver­si­ty of Bolo­gna), F. R. Fer­ra­ro (Uni­ver­si­ty of Bolo­gna). Image Pro­ces­sing: A. Pagan (STScI)

For­scher, die zwei der leis­tungs­stärks­ten Obser­va­to­ri­en der Mensch­heit – das James-Webb- und das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop – nutz­ten, haben ein­deu­tig nach­ge­wie­sen, dass Ter­zan 5 kein Kugel­stern­hau­fen ist, wie er einst klas­si­fi­ziert wur­de. Dies eröff­net neue Ein­bli­cke in die Ent­ste­hung und Ent­wick­lung von Gala­xien wie unse­rer eige­nen. Ein Kugel­stern­hau­fen besteht typi­scher­wei­se nur aus einer ein­zi­gen Popu­la­ti­on alter Ster­ne. Die neu­en Daten bestä­ti­gen nicht nur die Exis­tenz zwei­er unter­schied­li­cher Stern­po­pu­la­tio­nen in Ter­zan 5, son­dern lie­fern auch Hin­wei­se auf zwei wei­te­re, jün­ge­re Pha­sen der Stern­ent­ste­hung. Obwohl Ter­zan 5 im dich­ten Bul­ge der Milch­stra­ße liegt, der zen­tra­len, kugel­för­mi­gen Regi­on unse­rer Gala­xie mit älte­ren Ster­nen, war er mas­se­reich genug, um sei­ne Eigen­stän­dig­keit zu bewah­ren, wäh­rend sich leich­te­re Sys­te­me vor Mil­li­ar­den von Jah­ren aus­brei­te­ten und ver­misch­ten, um den Bul­ge zu bil­den. Es ist wie ein Klum­pen in einem ansons­ten gut ver­misch­ten Kuchenteig.

„Die neu­en Nahin­fra­rot-Beob­ach­tun­gen des Webb-Tele­skops, abge­gli­chen mit den Archiv­be­ob­ach­tun­gen des Hub­ble-Tele­skops, haben uns ein viel kla­re­res Bild von der Geschich­te von Ter­zan 5 ver­mit­telt“, sag­te Gior­gia Zul­lo, die die For­schung lei­te­te und Dok­to­ran­din an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna in Ita­li­en ist.

Die­se Ergeb­nis­se wur­den am Diens­tag auf einer Pres­se­kon­fe­renz im Rah­men der 248. Tagung der Ame­ri­can Astro­no­mic­al Socie­ty vor­ge­stellt und in der Fach­zeit­schrift Astro­no­my & Astro­phy­sics veröffentlicht.

Vier Generationen von Sternen

Der 1968 vom Astro­no­men Azop Ter­zan ent­deck­te Stern­hau­fen Ter­zan 5 ähnelt in vie­ler­lei Hin­sicht einem Kugel­stern­hau­fen. 2009 wur­de jedoch fest­ge­stellt, dass er zwei unter­schied­li­che Stern­po­pu­la­tio­nen beher­bergt. 2016 lie­fer­te das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop die ers­te Schät­zung ihres Alters: Die eine Popu­la­ti­on ent­stand vor etwa 12 Mil­li­ar­den Jah­ren (zur Ent­ste­hungs­zeit der Milch­stra­ße), die ande­re vor etwa 5 Mil­li­ar­den Jah­ren, kurz bevor die Erde zu ent­ste­hen begann. Dies deu­tet auf eine kom­ple­xe­re Ent­ste­hungs­ge­schich­te als bei einem typi­schen Kugel­stern­hau­fen hin.

Die Erfor­schung von Ter­zan 5 wird durch sei­ne Lage in einer stern­rei­chen und stark von Staub ver­deck­ten Regi­on unse­rer Gala­xie erschwert. Hier kam das Webb-Tele­skop ins Spiel. Sei­ne Infra­rot­auf­nah­men ermög­lich­ten es dem For­schungs­team, durch den Staub hin­durch­zu­se­hen und deut­lich mehr und licht­schwä­che­re Ster­ne zu kata­lo­gi­sie­ren als bei frü­he­ren Unter­su­chun­gen. Durch die Mes­sung der Far­ben und Hel­lig­kei­ten der Ster­ne kön­nen Astro­no­men die­se in Grup­pen unter­schied­li­chen Alters und unter­schied­li­cher che­mi­scher Zusam­men­set­zung einteilen.

Webb konn­te die­se Schlüs­sel­ei­gen­schaf­ten für jeden Stern im Sicht­feld mes­sen – sowohl für Ster­ne inner­halb von Ter­zan 5 als auch für Ster­ne im Vor­der­grund, die nicht dazu gehö­ren. Um die Ster­ne von Ter­zan 5 zu iso­lie­ren, nutz­te das Team die Leis­tungs­fä­hig­keit und die lan­ge Betriebs­dau­er des Hub­ble-Tele­skops. Der zwölf­jäh­ri­ge Abstand zwi­schen den Hub­ble-Auf­nah­men ermög­lich­te es dem Team, sehr klei­ne Bewe­gun­gen ein­zel­ner Ster­ne, soge­nann­te Eigen­be­we­gun­gen, zu mes­sen und so zu bestim­men, wel­che Ster­ne zu Ter­zan 5 gehö­ren und wel­che Teil des Bul­ges der Milch­stra­ße sind.

Durch die Kom­bi­na­ti­on von Daten des Webb- und des Hub­ble-Tele­skops fan­den die For­scher ein­deu­ti­ge Hin­wei­se auf zwei wei­te­re Stern­po­pu­la­tio­nen: eine, die sich vor 3,8 Mil­li­ar­den Jah­ren bil­de­te, und eine wei­te­re, die erst vor 2,5 Mil­li­ar­den Jah­ren ent­stand. Außer­dem konn­ten sie das Alter der bereits bekann­ten Stern­po­pu­la­tio­nen mit bei­spiel­lo­ser Genau­ig­keit bestim­men und stell­ten fest, dass die­se sich vor 12,5 Mil­li­ar­den bzw. 4,7 Mil­li­ar­den Jah­ren gebil­det hatten.

Bei den bis­her bekann­ten zwei Stern­ge­nera­tio­nen konn­ten Astro­no­men die Mög­lich­keit nicht aus­schlie­ßen, dass Ter­zan 5 mit einem ande­ren Objekt, wie einem Kugel­stern­hau­fen oder einer rie­si­gen Mole­kül­wol­ke, inter­agier­te und dadurch mit neu­em Gas und Staub ange­rei­chert wur­de, was eine zwei­te Stern­ent­ste­hungs­pha­se aus­lös­te. Mit vier Stern­ge­nera­tio­nen sind die­se Erklä­run­gen nun ausgeschlossen.

Mes­sun­gen der Stern­zu­sam­men­set­zung von Ter­zan 5, die am W.M. Keck Obser­va­to­ry und am Very Lar­ge Telescope der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te durch­ge­führt wur­den, deu­ten eben­falls auf sehr unter­schied­li­che Popu­la­tio­nen hin. „Neben dem Alter die­ser Popu­la­tio­nen bewahrt der Stern­hau­fen eine Art Fos­si­li­en­be­stand der fort­schrei­ten­den Anrei­che­rung mit schwe­ren Ele­men­ten durch Super­no­vae“, sag­te Koau­tor R. Micha­el Rich, For­schungs­as­tro­nom an der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, Los Angeles.

Ter­zan 5 bil­de­te meh­re­re Stern­ge­nera­tio­nen, da er in der Lage war, die not­wen­di­gen Aus­gangs­stof­fe zu behal­ten. Es gibt Hin­wei­se auf gewal­ti­ge Super­no­va-Explo­sio­nen in Ter­zan 5, bei denen schwe­re­re Ele­men­te erzeugt wur­den, die von nach­fol­gen­den Stern­ge­nera­tio­nen auf­ge­nom­men wur­den. In Sys­te­men mit gerin­ge­rer Mas­se hät­te die Wucht der Explo­sio­nen selbst die ent­stan­de­nen Ele­men­te aus­sto­ßen und gleich­zei­tig übrig geblie­be­nes Gas und Staub weg­fe­gen kön­nen. Der Vor­läu­fer von Ter­zan 5 ver­füg­te über genü­gend Mas­se, um die Aus­wür­fe die­ser Ster­ne zurück­zu­hal­ten, sodass sich über Mil­li­ar­den von Jah­ren hin­weg neue Stern­ge­nera­tio­nen bil­den konnten.

„Fossiles Fragment des Galaxienkerns“

Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass Ter­zan 5 höchst­wahr­schein­lich der Über­rest eines weit­aus mas­se­rei­che­ren Stern­sys­tems ist, das sich ursprüng­lich vor 12,5 Mil­li­ar­den Jah­ren gebil­det hat­te. Ter­zan 5 ist außer­ge­wöhn­lich, weil er über­lebt hat und sich nie mit dem Bul­ge der Milch­stra­ße ver­ei­nigt oder voll­stän­dig dar­in „ver­mischt“ hat. „Aus irgend­ei­nem Grund bil­de­te sich die­ser eigen­tüm­li­che Stern­hau­fen getrennt vom Bul­ge und wur­de bei der Ent­ste­hung des Bul­ge selbst nicht zer­stört“, sag­te Fran­ces­co R. Fer­ra­ro, Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna und Lei­ter der Webb-Beob­ach­tun­gen. „Ter­zan 5 ist das, was wir heu­te als ‚bul­ge fos­sil frag­ment‘ bezeich­nen, da es den ursprüng­li­chen Stern­hau­fen ähnelt, die zur Ent­ste­hung des Bul­ges bei­getra­gen haben.“

Bis­lang ist nur ein wei­te­res kos­mi­sches Objekt bekannt, das Ter­zan 5 ähnelt: Lil­ler 1. Die­ser zwei­te Kugel­stern­hau­fen wur­de von einem Kugel­stern­hau­fen zu einem Fos­sil­frag­ment des Bul­ges umklas­si­fi­ziert. Auch er ent­hält meh­re­re Stern­ge­nera­tio­nen. Mög­li­cher­wei­se exis­tie­ren wei­te­re Objek­te die­ser Art. Fer­ra­ros Team wird wei­te­re 40 bis 50 Kugel­stern­hau­fen unter­su­chen, die inner­halb des Gala­xien­kerns umlau­fen, um fest­zu­stel­len, ob ihre Stern­po­pu­la­tio­nen alle gleich sind, wie bei Kugel­stern­hau­fen, oder ob sie meh­re­re Gene­ra­tio­nen umfas­sen, wie bei Fos­sil­frag­men­ten des Galaxienkerns. 

Mögliche Parallelen für die Galaxienentstehung in nah und fern

Letzt­end­lich könn­te die­se For­schung unser Wis­sen dar­über erwei­tern, wie die zen­tra­len Bul­ges von Gala­xien über Hun­der­te von Mil­lio­nen Jah­ren ent­ste­hen. „Auf­grund von Beob­ach­tun­gen und detail­lier­ten Simu­la­tio­nen gehen wir davon aus, dass Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum rie­si­ge Gas­schei­ben besa­ßen, die in Klum­pen zer­fie­len und Ster­ne bil­de­ten. Die­se Klum­pen wan­der­ten zum Zen­trum der Gala­xien und vie­le ver­schmol­zen zu deren Bul­ges“, sag­te Bar­ba­ra Lan­zo­ni, Mit­au­torin und außer­or­dent­li­che Pro­fes­so­rin an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna. So hat Webb bei­spiels­wei­se meh­re­re Bei­spie­le für „klum­pi­ge“ Gala­xien ent­deckt, die sich aktiv bil­de­ten, als das Uni­ver­sum erst weni­ge hun­dert Mil­lio­nen Jah­re alt war, wie die Klum­pen in der Fire­fly-Spark­le-Gala­xie. „Ter­zan 5 könn­te direk­te Bewei­se lie­fern, die hel­fen kön­nen zu erklä­ren, wie sich Gala­xien­ker­ne im gesam­ten Uni­ver­sum gebil­det haben“, sag­te Lanzoni.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wur­de. Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist seit über drei Jahr­zehn­ten im Ein­satz und lie­fert wei­ter­hin bahn­bre­chen­de Ent­de­ckun­gen, die unser grund­le­gen­des Ver­ständ­nis des Uni­ver­sums prä­gen. Hub­ble ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen der NASA und der ESA (Euro­päi­sche Weltraumorganisation).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, STScI, G. Zul­lo (Uni­ver­si­tät Bolo­gna), F. R. Fer­ra­ro (Uni­ver­si­tät Bolo­gna). Bild­be­ar­bei­tung: A. Pagan (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2611

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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