Spektralanalyse bringt Licht ins Dunkel der „Little Red Dots“

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Das kom­ple­xe Rät­sel um die als „Litt­le Red Dots“ (LRDs) bekann­ten Objek­te hat sich seit ihrer Ent­de­ckung durch das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop der NASA, ESA und CSA im Jahr 2022 nach und nach ver­voll­stän­digt. Nun hilft das Spek­trum eines bestimm­ten „Litt­le Red Dot“, vie­le der Puz­zle­tei­le mit­ein­an­der zu verbinden.

Ein Astro­no­men­team unter der Lei­tung von Was­si­li Kokorew an der Uni­ver­si­tät von Texas in Aus­tin hat den gesuch­ten Punkt iden­ti­fi­ziert: GLIMPSE-17775. Durch die sorg­fäl­ti­ge Ana­ly­se des von Webb erfass­ten Spek­trums des Punk­tes – das bis­lang tiefs­te Spek­trum eines Litt­le Red Dots – hat das For­schungs­team meh­re­re Indi­zi­en iden­ti­fi­ziert, die alle die Inter­pre­ta­ti­on stüt­zen, dass es sich bei GLIMPSE-17775 um ein super­mas­si­ves Schwar­zes Loch han­delt, das von einem dich­ten Kokon aus teil­wei­se ioni­sier­tem Gas umhüllt ist. Ein Arti­kel, der die Ergeb­nis­se beschreibt, wur­de heu­te in The Astro­phy­si­cal Jour­nal veröffentlicht.

Litte Red Dot - GLIMPSE-17775
Der „Litt­le Red Dot“, der spä­ter als GLIMPSE-17775 bekannt wer­den soll­te, befand sich glück­li­cher­wei­se im Sicht­feld des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops, als die­ses den Gala­xien­hau­fen Abell S1063 für einen ande­ren wis­sen­schaft­li­chen Zweck beob­ach­te­te. GLIMPSE-17775 liegt hin­ter dem Gala­xien­hau­fen und hat eine kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung von 3,5, was bedeu­tet, dass er etwa 1,8 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall exis­tier­te. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, V. Koko­rev (Uni­ver­si­ty of Texas at Aus­tin), A. Pagan (STScI)

„Ich glau­be, ein Teil der wis­sen­schaft­li­chen Gemein­schaft nähert sich einem ein­heit­li­chen Bild – näm­lich, dass Lit­tel Red Dots durch Stern­mo­del­le von Schwar­zen Löchern erklärt wer­den kön­nen. Doch bei kei­nem der bis­he­ri­gen Fäl­le von ‚klei­nen roten Punk­ten‘ fan­den sich alle Indi­zi­en an der­sel­ben Stel­le“, sag­te Koko­rev, Haupt­au­tor der Stu­die. „Mit GLIMPSE-17775 kön­nen wir die­se Model­le tes­ten, da das Spek­trum die­ser Quel­le so tief und beein­dru­ckend ist.“

Zusammenfügen der Puzzleteile

Kurz nach der Inbe­trieb­nah­me des Webb-Tele­skops ent­deck­te es eine neue, mys­te­riö­se Art von Objek­ten im frü­hen Uni­ver­sum – zahl­rei­che rote Objek­te, die etwa 600 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall ent­stan­den. Wis­sen­schaft­ler haben ver­schie­de­ne Erklä­run­gen für die­se Lit­te Red Dots unter­sucht, dar­un­ter auch das Sze­na­rio mit Schwar­zen Löchern.

Eine Rei­he glück­li­cher Umstän­de führ­te zu die­sem auf­wen­di­gen Spek­trum eines Litt­le Red Dots. Der klei­ne rote Fleck, der spä­ter als GLIMPSE-17775 bekannt wur­de, war glück­li­cher­wei­se Teil der Bild­ge­bungs- und Spek­tro­sko­pie­ar­bei­ten des Webb-Tele­skops im Rah­men eines Pro­jekts, das nach Ster­nen der Popu­la­ti­on III [1] und schwa­chen Gala­xien im Gala­xien­hau­fen Abell S1063 such­te. Die­ser Litt­le Red Dot ist wei­ter ent­fernt als der Gala­xien­hau­fen und wird durch Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen­wir­kung ver­grö­ßert (GLIMPSE-17775 hat eine kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung von 3,5, was bedeu­tet, dass er etwa 1,8 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall existierte).

„Die Quel­le wur­de im Rah­men des GLIM­PSE-Pro­gramms ent­deckt, das dar­auf aus­ge­legt war, die schwächs­ten Quel­len im frü­hen Uni­ver­sum auf­zu­spü­ren“, sag­te Hakim Atek vom Insti­tut d’Astrophysique de Paris in Frank­reich, der Mit­au­tor der Stu­die und lei­ten­der For­scher des GLIM­PSE-Pro­gramms ist. „Dar­über hin­aus ermög­licht die Ver­grö­ße­rung durch Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen auch eine detail­lier­te­re Cha­rak­te­ri­sie­rung hel­le­rer Objek­te, ein­schließ­lich LRDs wie GLIMPSE-17775.“

Wäh­rend das Webb-Tele­skop ein 30-stün­di­ges Spek­trum des klei­nen roten Punk­tes auf­nahm, ent­sprach dies auf­grund des Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen­ef­fekts einer Beob­ach­tungs­zeit von 80 Stun­den mit dem Tele­skop. Die­se Kom­bi­na­ti­on aus Webbs Infra­rotem­pfind­lich­keit und der natür­li­chen „Lupe“ des Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen­ef­fekts ver­stärk­te die Detail­ge­nau­ig­keit, die bei GLIMPSE-17775 gewon­nen wer­den konn­te. Das Ergeb­nis waren über 40 Spek­tral­li­ni­en [2] die­ser klei­nen, roten Quel­le – das bis­her detail­lier­tes­te Spek­trum eines LRD.

„Als wir das Spek­trum zum ers­ten Mal sahen, war es, als lägen alle Puz­zle­tei­le ver­streut auf dem Boden“, sag­te Koko­rev. „Wir hoben jedes Puz­zle­teil auf, maßen die Lini­en und began­nen, die ver­schie­de­nen Tei­le zu einem Mosa­ik zusam­men­zu­set­zen. Anfangs sahen man­che Tei­le viel­leicht nach nichts aus, aber dann füg­ten sich ein paar zusam­men, und wir erkann­ten, dass da etwas war.“

Die von Webb gesam­mel­ten spek­tro­sko­pi­schen Daten ent­hal­ten zahl­rei­che Hin­wei­se, die die Inter­pre­ta­ti­on stüt­zen, dass der klei­ne rote Punkt GLIMPSE-17775 ein Schwar­zes-Loch-Stern ist: ein schnell akkre­tie­ren­des oder wach­sen­des Schwar­zes Loch, das von einem dich­ten Gas­ko­kon umhüllt ist, der das aus der Nähe des Schwar­zen Lochs aus­ge­strahl­te Licht umwan­delt und die im Spek­trum beob­ach­te­ten Merk­ma­le erzeugt.

Beweisketten

Spektrum GLIMPSE-17775
Die Spek­tro­sko­pie­da­ten des NASA/ESA/CSA James-Webb-Welt­raum­te­le­skops vom „Litt­le Red Dot“ GLIMPSE-17775 ent­hal­ten über 40 Spek­tral­li­ni­en. Das Spek­trum lie­fert meh­re­re unab­hän­gi­ge Indi­ka­to­ren, die die Theo­rie stüt­zen, dass es sich bei die­sem klei­nen roten Punkt um einen Stern mit einem Schwar­zen Loch han­delt. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, V. Koko­rev (Uni­ver­si­ty of Texas at Aus­tin), A. Pagan (STScI)

Unter den über 40 Spek­tral­li­ni­en, die das Team im Spek­trum von GLIMPSE-17775 ent­deck­te, befan­den sich ver­schie­de­ne unab­hän­gi­ge Indi­ka­to­ren, die alle­samt mit dem Sze­na­rio eines Schwar­zen Lochs über­ein­stim­men. So stell­te das Team bei­spiels­wei­se fest, dass vie­le der Spek­tral­li­ni­en (wie etwa Was­ser­stoff, Sau­er­stoff und Heli­um) nicht zu einem ein­fa­chen Modell einer rotie­ren­den Gas­wol­ke pas­sen. Statt­des­sen beinhal­tet das am bes­ten pas­sen­de Modell einen Ver­brei­te­rungs­ef­fekt, der als Elek­tro­nen­streu­ung bekannt ist: ein deut­li­ches Anzei­chen dafür, dass ein dich­ter, geschich­te­ter Gas­ko­kon die­se Quel­le umhüllt.

Die Stär­ke und das Ver­hält­nis bestimm­ter Spek­tral­li­ni­en zuein­an­der, ins­be­son­de­re der 16 Eisen­li­ni­en, die den von den Astro­no­men als „Eisen­wald“ bezeich­ne­ten Bereich bil­den, sowie bestimm­ter Sau­er­stoff­li­ni­en, deu­ten auf eine hoch­en­er­ge­ti­sche Quel­le hin, wie bei­spiels­wei­se ein schnell Mate­rie ansam­meln­des Schwar­zes Loch. Zusätz­lich beob­ach­te­ten die Astro­no­men die Fluo­res­zenz und Absorp­ti­on von Heli­um im Spek­trum, was jeweils auf ein dich­tes Medi­um hin­deu­tet, das eine star­ke Quel­le umgibt. 

Das Sze­na­rio eines Schwar­zen Lochs passt nicht nur zu GLIMPSE-17775; es erklärt auch, war­um die meis­ten Litt­le Red Dots im Rönt­gen­be­reich schwach leuch­ten, da jeg­li­che Emis­si­on die­ser Art wahr­schein­lich vom dich­ten Gas­ko­kon absor­biert wird.

Ein feh­len­des Puz­zle­teil bei GLIMPSE-17775 ist der Teil des Spek­trums, der einen soge­nann­ten Bal­mer-Break offen­ba­ren wür­de – also eine star­ke Absen­kung im emit­tier­ten Licht, die ein cha­rak­te­ris­ti­sches Merk­mal von „Litt­le Red Dots“ ist. Um ein umfas­sen­de­res Ver­ständ­nis die­ses klei­nen roten Punk­tes zu erlan­gen, bezog das Team Zusatz­da­ten aus zwei Beob­ach­tungs­pro­gram­men ein, die das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA nutz­ten: die Pro­gram­me Fron­tier Fields und BUFFALO (Bey­ond Ultra-deep Fron­tier Fields And Lega­cy Observations).

Die Daten von Webb und Hub­ble tra­gen gemein­sam dazu bei, zu erklä­ren, war­um der Bal­mer-Break schwä­cher ist als bei ande­ren Litt­le Red Dots: GLIMPSE-17775 ist von einer rie­si­gen Wirts­ga­la­xie umge­ben. Obwohl die Wirts­ga­la­xie eines sol­chen LRD in die­ser Grö­ßen­ord­nung bis­her unge­wöhn­lich war, wider­spricht sie nicht dem Modell eines dich­ten Gas­ko­kons. Das Modell der „Litt­le Red Dots“ mit Schwar­zen Löchern und Ster­nen führt das über­schüs­si­ge blaue Licht auf Ster­ne in der Wirts­ga­la­xie zurück.

Als Webb erst­mals klei­ne rote Punk­te ent­deck­te, dach­ten eini­ge For­scher, die­se Objek­te hät­ten die „Kos­mo­lo­gie auf den Kopf gestellt“, da sie sich nicht sicher waren, wie Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum so schnell so groß wer­den konn­ten, um all die­ses Licht zu erklä­ren, das von ihren Ster­nen stammt. Das Team ist jedoch der Ansicht, dass das Puz­zle­teil GLIMPSE-17775 gut in das bestehen­de Rah­men­werk der Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Uni­ver­sums passt, da die Mas­sen der Schwar­zen Löcher nicht so hoch sein müs­sen, um die brei­ten Emis­si­ons­li­ni­en zu erklären.

„Alles passt zusam­men, nichts ist kaputt, und ich den­ke, das macht das Rät­sel unse­res Uni­ver­sums noch span­nen­der“, sag­te Koko­rev. „Ich freue mich dar­auf, tie­fer in die Mate­rie ein­zu­tau­chen und her­aus­zu­fin­den, was die zen­tra­len Ener­gie­quel­len die­ser LRD antreibt. Wir ver­mu­ten zwar ein Schwar­zes Loch, aber es gibt auch ande­re inter­es­san­te Theo­rien, was sehr auf­re­gend ist. Viel­leicht haben wir in ein oder zwei Jah­ren die end­gül­ti­ge Ant­wort dar­auf, was die­se Quel­len antreibt.“

Anmerkungen

[1] Astro­no­men wis­sen, dass die ers­ten Ster­ne, offi­zi­ell als Ster­ne der Popu­la­ti­on III bezeich­net, fast aus­schließ­lich aus Was­ser­stoff und Heli­um bestan­den haben müs­sen – den Ele­men­ten, die als direk­te Fol­ge des Urknalls ent­stan­den sind. Sie ent­hiel­ten ver­mut­lich kei­ne der schwe­re­ren Ele­men­te wie Koh­len­stoff, Stick­stoff, Sau­er­stoff und Eisen, die in den heu­te leuch­ten­den Ster­nen zu fin­den sind. Mit ande­ren Wor­ten: Ster­ne der Popu­la­ti­on III waren metall­frei (Astro­no­men bezeich­nen jedes Ele­ment, das schwe­rer als Heli­um ist, als Metall).

[2] In einem Spek­trum ist Licht, das von einem Atom oder Mole­kül bei einer bestimm­ten Fre­quenz emit­tiert oder absor­biert wird. Jedes Ion, Atom und Mole­kül emit­tiert und absor­biert Licht bei bestimm­ten Wel­len­län­gen, wodurch es mög­lich ist, die Zusam­men­set­zung eines Sterns oder eines ande­ren Him­mels­kör­pers zu bestim­men. Emis­si­ons­li­ni­en erzeu­gen hel­le Merk­ma­le, Absorp­ti­ons­li­ni­en dunk­le Merk­ma­le, und jede Linie steht für Licht, das von einer oder meh­re­ren Sub­stan­zen abge­ge­ben oder absor­biert wird.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit ihren Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, V. Koko­rev (Uni­ver­si­tät von Texas in Aus­tin), A. Pagan (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2610

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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