Webb entdeckt neue Details in der Atmosphäre des Exoplaneten WASP-121 b

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Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben deut­li­che Unter­schie­de in den atmo­sphä­ri­schen Bedin­gun­gen zwi­schen den mor­gend­li­chen und abend­li­chen Über­gangs­zo­nen des ultra­hei­ßen Gas­pla­ne­ten WASP-121 b nach­ge­wie­sen. Die­se Zonen tren­nen Tag und Nacht und wer­den im Fach­jar­gon als Ter­mi­na­to­ren bezeich­net. Die­ser Erfolg war nur dank der uner­reich­ten Emp­find­lich­keit des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops (JWST) mög­lich. Ein Team von For­schen­den unter der Lei­tung von Cyril Gapp, Dok­to­rand am Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie (MPIA) in Hei­del­berg, wies die­ses Phä­no­men nach, das zuvor durch theo­re­ti­sche Berech­nun­gen vor­her­ge­sagt wor­den war.

Hot Jupiter WASP-121 b
Künst­le­ri­sche Dar­stel­lung des Exo­pla­ne­ten WASP-121 b. Er gehört zur Klas­se der hei­ßen Jupi­ter. Auf­grund der Nähe zu sei­nem Zen­tral­stern ist die Rota­ti­on des Pla­ne­ten an sei­nen Umlauf um den Stern gebun­den (gebun­de­ne Rota­ti­on). Infol­ge­des­sen ist eine der Hemi­sphä­ren von WASP-121 b immer dem Stern zuge­wandt und heizt sich auf Tem­pe­ra­tu­ren von bis zu 2.500 Grad Cel­si­us auf. Die Nacht­sei­te ist stän­dig dem kal­ten Welt­raum zuge­wandt, wes­halb es dort um 1.775 Grad Cel­si­us küh­ler ist. © Patri­cia Klein und MPIA

Bestätigung von Unterschieden zwischen Abend- und Morgendämmerung

Die Ent­de­ckung basiert auf einer Asym­me­trie bei der Absorp­ti­on des Infra­rot­lichts des Zen­tral­sterns, das wäh­rend des Tran­sits des Pla­ne­ten teil­wei­se durch des­sen Atmo­sphä­re gefil­tert wird. Die For­schen­den inter­pre­tie­ren dies als Fol­ge ungleich­mä­ßi­ger Tem­pe­ra­tu­ren und che­mi­scher Zusam­men­set­zun­gen in der Atmo­sphä­re des Exoplaneten.

„Mit sei­ner bei­spiel­lo­sen Beob­ach­tungs­qua­li­tät gewährt uns das JWST die bis­her detail­lier­tes­ten Ein­bli­cke in fer­ne Pla­ne­ten: Indem wir mes­sen, wie sich die Absorp­ti­on des Ster­nen­lichts wäh­rend der Rota­ti­on von WASP-121 b ver­än­dert, tas­ten wir sei­ne Atmo­sphä­re Län­gen­grad für Län­gen­grad ab.“, sagt Cyril Gapp vom Max-Planck-Insti­tut für Astronomie.

Die Daten deu­ten dar­auf hin, dass die Abend­sei­te mehr Licht absor­biert als die Mor­gen­sei­te. Dies deckt sich mit der all­ge­mein akzep­tier­ten Vor­stel­lung von star­ken Win­den, die hei­ße Gase von der Tag- auf die Nacht­sei­te trans­por­tie­ren. Die hei­ßen Win­de fol­gen der Rota­ti­on des Pla­ne­ten nach Osten und hei­zen dadurch die Abend­zo­ne auf. Mit stei­gen­den Tem­pe­ra­tu­ren dehnt sich die­se Regi­on unwei­ger­lich aus, wodurch sich der Quer­schnitt des Pla­ne­ten ver­grö­ßert und er die Stern­strah­lung effi­zi­en­ter absor­bie­ren kann.

Neben einer all­ge­mei­nen, leich­ten Ver­rin­ge­rung der Hel­lig­keit gegen Ende des Tran­sits zei­gen die Daten des NIR­Spec-Instru­ments (Near-infrared spec­tro­graph) des JWST auch einen Anstieg des Koh­len­mon­oxid-Signals (CO). Dies scheint jedoch ein Tem­pe­ra­tur­ef­fekt zu sein und steht nicht im Zusam­men­hang mit einer Zunah­me der Anzahl der Kohlenmonoxidmoleküle.

Im Gegen­satz dazu gibt es Anzei­chen dafür, dass die Men­ge an Was­ser (H2O) in der Atmo­sphä­re sinkt, was die Astro­nom­in­nen und Astro­no­men als eine rea­le Abnah­me von Was­ser­mo­le­kü­len inter­pre­tie­ren. Die Tem­pe­ra­tu­ren in der obe­ren Atmo­sphä­re sind hoch genug, um Was­ser­mo­le­kü­le in ihre Bestand­tei­le zu zer­le­gen. Die­ses Ergeb­nis unter­mau­ert erneut die Exis­tenz hei­ßer Win­de, die die Regi­on des Abend­ter­mi­na­tors aufheizen.

Zwei extreme Seiten eines ultraheißen Planeten

Um die­se win­zi­gen Ver­än­de­run­gen zu erfas­sen, mach­ten sich die Astro­nom­in­nen und Astro­no­men ein beson­de­res Ver­hal­ten hei­ßer Gas­pla­ne­ten zunut­ze. Die Nähe zu ihren Hei­mat­ster­nen syn­chro­ni­siert durch Gezei­ten­kräf­te im Lau­fe der Zeit ihre Eigen­ro­ta­ti­on und ihre Umlauf­be­we­gung, sodass eine Rota­ti­on schließ­lich genau so lan­ge dau­ert wie ein Umlauf. Letzt­lich wei­sen die­se Pla­ne­ten zwei völ­lig unter­schied­li­che Hemi­sphä­ren auf: eine hei­ße, die stän­dig dem Stern zuge­wandt ist, und eine gegen­über­lie­gen­de, dunk­le­re und küh­le­re Seite.

Umlaufbahn Exoplanet
Drauf­sicht auf die Umlauf­bahn des Exo­pla­ne­ten WASP-121 b um sei­nen Stern. Die Rota­ti­on des Pla­ne­ten ist mit sei­ner Umlauf­bahn syn­chro­ni­siert, wobei bei­de Vor­gän­ge etwa 30 Stun­den dau­ern. Infol­ge­des­sen zeigt der Pla­net dem Stern stän­dig die­sel­be Sei­te, was zu aus­ge­präg­ten Tag- und Nacht­sei­ten führt. Die Über­gangs­zo­nen zwi­schen die­sen Hemi­sphä­ren sind die Mor­gen- und Abend­re­gio­nen. Auf­grund der Nähe des Pla­ne­ten zu sei­nem Zen­tral­stern von nur 1,9 Stern­durch­mes­sern rotiert der Pla­net wäh­rend sei­nes Tran­sits um etwa 30 Grad. – Cre­dit: MPIA (CC BY 4.0)

„WASP-121b ist beson­ders extrem: Die Durch­schnitts­tem­pe­ra­tu­ren auf der Tag­sei­te lie­gen bei etwa 2.770 Kel­vin, wäh­rend sie auf der Nacht­sei­te eher bei etwa 1000 Kel­vin lie­gen“, erklärt Co-Autor Tom Evans-Soma von der Uni­ver­si­tät New­cast­le, Aus­tra­li­en, der zuvor den Tem­pe­ra­tur­be­reich des Pla­ne­ten bestimmt hat und eben­falls dem MPIA ange­hört. Die­se Wer­te ent­spre­chen fast 2.500 Grad Cel­si­us auf der Tag­sei­te und unge­fähr 725 Grad Cel­si­us in der Nacht.

Wäh­rend der Beob­ach­tung des Tran­sits eines sol­chen Pla­ne­ten vor sei­nem Stern rotiert der Pla­net zwi­schen dem Beginn und dem Ende des Vor­bei­zugs ein Stück wei­ter und gibt dabei unter­schied­li­che Tei­le sei­ner Atmo­sphä­re preis. Wäh­rend der Pla­net meist sei­ne Nacht­sei­te zeigt, ermög­licht unse­re Per­spek­ti­ve, je nach Fort­schritt des Tran­sits, einen Blick über die Mor­gen- und Abend­däm­me­rung hin­aus in Rich­tung der hel­len Tag­sei­te. Die Zone, die sich in Bewe­gungs­rich­tung des Pla­ne­ten befin­det, ent­spricht der Mor­gen­sei­te. Die nach­fol­gen­de Zone ist die Abendseite.

Neben der Auf­zeich­nung der gemes­se­nen Hel­lig­keits­än­de­run­gen im Lau­fe der Zeit zer­le­gen Spek­tro­gra­fen das Licht in klei­ne­re Kom­po­nen­ten – was in der Phy­sik als Spek­trum bezeich­net wird –, ähn­lich wie ein Pris­ma eine regen­bo­gen­ar­ti­ge Farb­ver­tei­lung erzeugt. Da atmo­sphä­ri­sche Gase Licht bei ganz bestimm­ten Far­ben oder Wel­len­län­gen absor­bie­ren, ver­rät eine detail­lier­te Ana­ly­se deren che­mi­sche Zusammensetzung.

Vom zeitlichen Verlauf zur geografischen Länge

Die Ver­än­de­rung ent­lang der Rota­ti­ons­rich­tung spie­gelt sich somit in einer zeit­ab­hän­gi­gen Ände­rung des gefil­ter­ten Signals wider. Im Fall von WASP-121 b beträgt der Rota­ti­ons­win­kel wäh­rend eines voll­stän­di­gen Tran­sits etwa 30 Grad. Das reicht aus, um den Mor­gen- und den Abend­ter­mi­na­tor mit hoher Prä­zi­si­on ent­lang unter­schied­li­cher Län­gen­gra­de zu untersuchen.

Nor­ma­ler­wei­se mit­teln Astro­nom­in­nen und Astro­no­men die Mes­sun­gen über den gesam­ten Tran­sit, um ein kla­re­res Signal zu erhal­ten. Um jedoch zu bestim­men, wie sich das Licht wäh­rend der Bewe­gung des Pla­ne­ten vor dem Stern ver­än­dert, lie­ßen Gapp und sei­ne Kol­le­gen eine zeit­li­che Varia­ti­on wäh­rend der Pla­ne­ten­ro­ta­ti­on zu. Durch den Ein­satz sta­tis­ti­scher Metho­den stell­ten sie fest, dass ihr Ver­fah­ren die Daten deut­lich bes­ser beschreibt. Dies zeigt, dass sie tat­säch­lich eine signi­fi­kan­te Varia­ti­on nach­ge­wie­sen haben.

Merkliche Lücken in den Atmosphärenmodellen

Um die gemes­se­nen Tem­pe­ra­tu­ren zu bestä­ti­gen, die eine loka­le Aus­deh­nung ver­ur­sa­chen wür­den, wand­ten die For­schen­den mathe­ma­ti­sche Model­le der phy­si­ka­li­schen Bedin­gun­gen an. Die­se simu­lier­ten die Wär­me­ver­tei­lung in den obe­ren Schich­ten eines Gas­pla­ne­ten in Abhän­gig­keit von den Eigen­schaf­ten des Pla­ne­ten sowie von der Kon­stel­la­ti­on zwi­schen Pla­net und Hei­mat­stern. Wäh­rend die­se Atmo­sphä­ren­mo­del­le die Tem­pe­ra­tur­un­ter­schie­de bestä­tig­ten, wie­sen die Daten eine grö­ße­re Signal­am­pli­tu­de auf, als die Model­le vor­her­ge­sagt hatten.

Die Astro­nom­in­nen und Astro­no­men ver­mu­te­ten, dass am Mor­gen­ter­mi­na­tor Kühl­me­cha­nis­men am Werk sein könn­ten, die in den Model­len nicht berück­sich­tigt wur­den. Frü­he­re Stu­di­en haben dar­auf hin­ge­wie­sen, dass es Wol­ken geben könn­te, die jedoch nicht aus Was­ser­tröpf­chen, son­dern aus Mine­ra­li­en wie Sili­ka­ten bestehen. Wol­ken kön­nen Infra­rot­licht aus den dar­un­ter­lie­gen­den hei­ßen Gas­schich­ten effi­zi­ent abschir­men und dadurch nied­ri­ge­re Tem­pe­ra­tu­ren vor­täu­schen. Bekann­ter­ma­ßen ist die Simu­la­ti­on der Phy­sik von Wol­ken, Kon­den­sa­ti­on und Ver­damp­fung in einer dyna­mi­schen Umge­bung extrem schwie­rig. Daher berück­sich­ti­gen die übli­cher­wei­se auf Exo­pla­ne­ten­at­mo­sphä­ren ange­wand­ten phy­si­ka­li­schen Model­le, wie auch in die­ser Stu­die, kei­ne Wol­ken, was zu unrea­lis­ti­schen Ergeb­nis­sen füh­ren kann.

Nach­dem die Simu­la­ti­on so ange­passt wur­de, dass sie den Effekt von Wol­ken auf die Infra­rot­strah­lung aus tie­fe­ren Schich­ten nähe­rungs­wei­se nach­ahmt, stimm­ten die Ergeb­nis­se bes­ser mit den Beob­ach­tun­gen über­ein. Den­noch wer­den erst kom­ple­xe­re Model­le in der Lage sein, das Vor­han­den­sein von Wol­ken zuver­läs­sig zu bestätigen.

Ein Konzept für zukünftige Studien

Zukünf­ti­ge Unter­su­chun­gen mit die­ser Metho­de wer­den von den ver­bes­ser­ten Model­len pro­fi­tie­ren. Die Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben bereits wei­te­re geeig­ne­te Zie­le im erfor­der­li­chen Tem­pe­ra­tur­be­reich und mit der pas­sen­den Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit ins Auge gefasst, um deren Ter­mi­na­tor­re­gio­nen erfolg­reich zu unter­su­chen. Dies wird ihnen hel­fen, eine Stich­pro­be ultra­hei­ßer Gas­pla­ne­ten auf­zu­bau­en, deren Struk­tur ent­lang der Rota­ti­ons­rich­tung zu ent­schlüs­seln und poten­zi­ell Gemein­sam­kei­ten sowie Unter­schie­de zwi­schen die­sen extre­men Wel­ten zu entdecken.

MN

Hintergrundinformationen

Am MPIA an die­ser Stu­die betei­lig­te Astro­nom­in­nen und Astro­no­men waren Cyril Gapp (auch Uni­ver­si­tät Hei­del­berg), Tho­mas M. Evans-Soma (auch Uni­ver­si­tät New­cast­le, Aus­tra­li­en) und Eva-Maria Ahrer.

Wei­te­re betei­lig­te For­schen­de waren: Auré­li­en Fal­co (Sor­bon­ne Uni­ver­si­té, Paris, Frank­reich), David K. Sing (Johns Hop­kins Uni­ver­si­ty, Bal­ti­more, USA), Shashank Dhol­a­kia (Uni­ver­si­ty of Queens­land, St. Lucia, Aus­tra­li­en), Vivi­en Par­men­tier (Uni­ver­si­té de la Côte d’Azur, Niz­za, Frank­reich), Jéré­my Lecon­te (Uni­ver­si­té Bor­deaux, Frank­reich) und Guang­wei Fu (Johns Hop­kins University).

Die in die­ser Stu­die ver­wen­de­ten JWST-Beob­ach­tun­gen wur­den im Rah­men des GO-Pro­gramms #1729 (PI: Tho­mas Evans-Soma, Co-PI: Tif­fa­ny Kata­ria) mit dem Titel „A NIR­Spec Pha­se Cur­ve for the ultra­hot Jupi­ter WASP-121b“ sowie des GTO-Pro­gramms #1201 (PI: David Laf­re­nie­re) unter der Bezeich­nung „NIRISS Explo­ra­ti­on of the Atmo­sphe­ric diver­si­ty of Tran­si­ting exo­pla­nets (NEAT)“ durchgeführt.

NIR­Spec (Near Infrared Spec­tro­graph) wur­de von der euro­päi­schen Indus­trie nach den Spe­zi­fi­ka­tio­nen der Euro­päi­schen Welt­raum­or­ga­ni­sa­ti­on (ESA) gebaut und vom ESA-JWST-Pro­jekt am ESTEC (Euro­pean Space Rese­arch and Tech­no­lo­gy Cent­re) in den Nie­der­lan­den ver­wal­tet. Der Haupt­auf­trag­neh­mer war Air­bus Defence and Space in Otto­brunn, Deutsch­land. Das MPIA trug zur Ent­wick­lung und Her­stel­lung der Fil­ter- und Git­ter­rä­der von NIR­Spec bei. Die Sub­sys­te­me des NIR­Spec-Detek­tors und des Mikro­ver­schluss­sys­tems (Micro-shut­ter array) wur­den vom God­dard Space Flight Cen­ter (GSFC) der NASA zur Ver­fü­gung gestellt.

Das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop ist das welt­weit füh­ren­de Obser­va­to­ri­um für die Welt­raum­for­schung. Es ist ein inter­na­tio­na­les Pro­gramm unter der Lei­tung der NASA sowie ihrer Part­ner ESA und CSA (Cana­di­an Space Agency).

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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