Objekte des Monats: Die Galaxie Messier 91

  • Letz­te Ände­rung:1 Monat 
  • Lese­zeit:5Minu­ten
  • Wör­ter:1226
  • Bei­trags­auf­ru­fe:96

Die Gala­xie Mes­sier 91 (NGC 4548) befin­det sich im süd­li­chen Teil des Stern­bilds Haar der Bere­ni­ke (Coma Bere­nices). Sie wur­de am 18. März 1781 vom fran­zö­si­schen Astro­no­men Charles Mes­sier ent­deckt. Sie war der ach­te und letz­te Nebel, den er in die­ser März­nacht gefun­den hat. Mes­sir beschrieb sie als Nebel ohne Ster­ne, der schwä­cher als M 90 ist. Am 8. April 1784 wur­de die Gala­xie von dem deutsch-bri­ti­schen Astro­no­men Fried­rich Wil­helm Her­schel unab­hän­gig wie­der­ent­deckt und als H II.120 kata­lo­gi­siert. Er beschrieb sie als groß und rund. Die Zuord­nung von M 91 zum Mes­sier-Kata­log war lan­ge Zeit umstrit­ten. Mes­sier gab fälsch­li­cher­wei­se die Koor­di­na­ten des Objekts rela­tiv zu M 58 an, obwohl er tat­säch­lich M 89 mein­te. Ande­re Beob­ach­ter konn­ten an der ange­ge­be­nen Stel­le kein Objekt fin­den. Des­halb zähl­te die Gala­xie fast 200 Jah­re lang zu den ver­schol­le­nen Mes­sier-Objek­ten. Denn sie pass­te zu kei­nem bekann­ten Objekt am Himmel.

Ursprüng­lich nahm man an, dass der fran­zö­si­sche Astro­nom damals einen Kome­ten sah oder M 58 dop­pelt beob­ach­tet hat­te, wie der US-Astro­nom Owen Gin­ge­rich ver­mu­te­te. Im Jahr 1969 gelang dem texa­ni­schen Hob­by­as­tro­no­men Wil­liam C. Wil­liams die kor­rek­te Zuord­nung des von Mes­sier beob­ach­te­ten Nebels zu NGC 4548. Er schrieb einen Leser­brief an die ame­ri­ka­ni­sche Zeit­schrift „Sky & Telescope“, in dem er sei­ne Ent­de­ckung ver­öf­fent­lich­te. Mes­sier hat­te die Posi­ti­on des Nebels rela­tiv zu M 89 auf­ge­zeich­net. Wil­liams frag­te sich, ob Mes­sier nicht eher M 58 statt M 89 in sei­nen Auf­zeich­nun­gen hät­te schrei­ben sol­len. Er tes­te­te die­se Hypo­the­se und lan­de­te mit einer Genau­ig­keit von 0,1 Bogen­mi­nu­ten in Rekt­aszen­si­on und bes­ser als einer Bogen­mi­nu­te in Dekli­na­ti­on bei NGC 4548, wes­halb Mes­sier 91 heu­te als NGC 4548 aner­kannt wird. Ande­ren Quel­len zufol­ge kam jedoch auch die nahe­ge­le­ge­ne Spi­ral­ga­la­xie NGC 4571 als Kan­di­dat für M 91 in Betracht.

Eine anämische Balkenspiralgalaxie im Virgohaufen

Mes­sier 91 gilt als das schwächs­te aller Objek­te in Mes­siers berühm­ten Nebel­ka­ta­log. Sie ist eine 5,2 x 4,2 Bogen­mi­nu­ten gro­ße, 10,1 mag hel­le Bal­ken-Spi­ral­ga­la­xie vom Hub­ble-Typ SBb. M 91 befin­det sich 52 Mil­lio­nen Licht­jah­re von der Milch­stra­ße ent­fernt, im süd­li­chen Teil des Stern­bilds Coma Bere­nices, wie anhand der Beob­ach­tung ihrer Cep­hei­den ermit­telt wur­de. Aller­dings deu­ten Mes­sun­gen der Schwan­kun­gen ihrer Ober­flä­chen­hel­lig­keit auf eine grö­ße­re Ent­fer­nung von 63 Mil­lio­nen Licht­jah­ren hin. Sie ist eine von über tau­send Gala­xien, die den Vir­go-Gala­xien­hau­fen bil­den. Hier­bei han­delt es sich um eine Grup­pe von Gala­xien, die durch Gra­vi­ta­ti­on mit­ein­an­der ver­bun­den sind. M 91 befin­det sich im Vir­go-A-Sub­clus­ters um die ellip­ti­sche Rie­sen­ga­la­xie Mes­sier 87. Die Gala­xie zeich­net sich durch eine auf­fäl­li­ge zen­tra­le Bal­ken­struk­tur aus. Mit einem Durch­mes­ser von 83.000 Licht­jah­ren und einer Mas­se von ca. 80 Mil­li­ar­den Son­nen­mas­sen ist Mes­sier 91 von der Grö­ße und Mas­se her mit unse­rem eige­nen Milch­stra­ßen­sys­tem vergleichbar.

Messier 91
Mes­sier 91 im Haar der Bere­ni­ke – Auf­nah­me von Micha­el Brei­te, Ste­fan Heutz & Wolf­gang Ries, Quel­le: CCD-Gui­de, Astro­no­mi­scher Arbeits­kreis Salzkammergut

Im Ver­gleich zu ande­ren Spi­ral­ga­la­xien ent­hal­ten ihre Spi­ral­ar­me nur wenig inter­stel­la­re Mate­rie und HII-Regio­nen. Außer­dem wei­sen sie eine gerin­ge Stern­bil­dungs­ra­te auf. Der öst­li­che Arm weist in sei­nem inne­ren Teil deut­lich mehr Kno­ten auf als der west­li­che Arm. Die äuße­re Schei­be ist asym­me­trisch: Die süd­öst­li­che Sei­te ist hel­ler als die nord­west­li­che. Beson­ders auf Astro­fo­tos kom­men ihr mar­kan­ter Bal­ken und die Spi­ral­struk­tur zur Gel­tung. Ins­be­son­de­re in klei­nen Fern­roh­ren erscheint sie des­halb eher unschein­bar. Zusam­men mit ihrer gerin­gen Flä­chen­hel­lig­keit ist sie aus die­sem Grund ein her­aus­for­dern­des Objekt für visu­el­le Beobachter.

Virgo Galaxienhaufen  Widefield
Der Zen­tral­be­reich des Vir­go-Gala­xien­hau­fens im Stern­bild Jung­frau mit Markarian’s Chain © Andre­as Schnabel

Mes­sier 91 ent­fernt sich mit 400 km/s von uns. Gleich­zei­tig besitzt die Gala­xie eine rela­tiv hohe Pecu­li­ar­ge­schwin­dig­keit von 700 km/s im Bezug zum Vir­go-Gala­xien­hau­fen. Auf­grund ihres gerin­gen Gehalts an neu­tra­lem und mole­ku­la­rem Was­ser­stoff und ihrer gerin­gen Stern­ent­ste­hungs­ra­te wird sie als „anämi­sche Gala­xie“ bezeich­net. Die Stern­ent­ste­hung kon­zen­triert sich nur auf die Berei­che, in denen die Spi­ral­ar­me mit dem Bal­ken ver­bun­den sind. Außer­dem besitzt sie kei­ne aus­ge­präg­ten H‑II-Regio­nen, die auf eine akti­ve Stern­ent­ste­hung in ihren Spi­ral­ar­men hin­deu­ten wür­den. Auf­grund ihrer hohen Geschwin­dig­keit durch den Gala­xien­hau­fen und Wech­sel­wir­kun­gen mit der dort vor­han­de­nen hei­ßen inter­ga­lak­ti­schen Mate­rie hat M 91 den größ­ten Teil ihrer stern­bil­den­den Mate­rie ver­lo­ren. Die­ser Pro­zess wird von Astro­no­men als „Ram Pres­su­re Strip­ping” bezeichnet.

Messier 91 (Hubble)
Der Zen­tral­be­reich von Mes­sier 91 in einer Auf­nah­me des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops – Cre­dit: Judy Schmidt, CC BY 2.0, via Wiki­me­dia Commons

Die Gala­xie gehört zum LINER-Typ mit akti­vem Gala­xien­kern. Die­se Gala­xien­art zeigt schwa­che Emis­si­ons­li­ni­en gerin­gen Ioni­sa­ti­ons­gra­des schwe­re­rer Ele­men­te in ihrem Kern­be­reich. Dar­über hin­aus ist M 91 auch eine akti­ve Sey­fert­ga­la­xie, was wahr­schein­lich auf das super­mas­se­rei­che Schwar­ze Loch in ihrem Zen­trum zurück­zu­füh­ren ist, das zwi­schen 9,6 und 38 Mil­lio­nen Son­nen­mas­sen schwer ist. Im Jahr 1994 wur­den Cep­hei­den­be­ob­ach­tun­gen in M 91 mit­hil­fe des Cana­da-France-Hawaii-Tele­skops (CFHT) zur Eichung der Hub­ble-Kon­stan­te ver­wen­det. Bemer­kens­wert ist außer­dem, dass M 91 zur soge­nann­ten Mar­ka­ri­an-Ket­te gehört, einer Ansamm­lung von Gala­xien, die Teil des Vir­go-Gala­xien­hau­fens ist. Die Ket­te wur­de nach dem arme­ni­schen Astro­phy­si­ker Ben­ja­min E. Mar­ka­ri­an benannt, der ent­deck­te, dass sich die­se Gala­xien zusam­men­hän­gend bewe­gen. Außer­dem wur­den in ihren Spi­ral­ar­men noch nie Super­no­vae beobachtet.

Beobachtung

Abge­se­hen von feh­len­den Refe­renz­ster­nen, die das Auf­su­chen der Gala­xie erschwe­ren, han­delt es sich bei Mes­sier 91 um eines der am schwie­rigs­ten zu fin­den­den Mes­sier-Objek­te. Für Ama­teur­as­tro­no­men mit klei­nen Opti­ken ist sie eine Her­aus­for­de­rung, da sie nur eine gerin­ge Flä­chen­hel­lig­keit besitzt. Außer­dem liegt die schein­ba­re Hel­lig­keit der Gala­xie an der Gren­ze der Sicht­bar­keit mit einem 10×50-Fernglas. Selbst bei der Beob­ach­tung mit Instru­men­ten wie einem 80 mm Refrak­tor gilt M 91 als ziem­lich schwer zu beob­ach­ten­des Objekt. Unter guten Sicht­be­din­gun­gen ist die Gala­xie mit einem klei­nen Tele­skop mit 3 bis 4‑Zoll Öff­nung und einer 40 bis 50-fachen Ver­grö­ße­rung als rund­li­cher dif­fu­ser Nebel­fleck mit hel­le­rem Zen­trum zu erken­nen. Sie bil­det mit drei hel­le­ren Ster­nen ein läng­li­ches Y. Unter weni­ger guten Bedin­gun­gen erscheint M 91 mit einer Öff­nung von 3‑Zoll nur indirekt.

Aufsuchkarte M 91
Auf­such­kar­te für Mes­sier 91 – erstellt mit SkytechX

Mit Tele­sko­pen zwi­schen 6 und 8‑Zoll und einer mitt­le­ren Ver­grö­ße­rung von etwa 70-fach ist nicht viel mehr als ein schwa­cher, recht­ecki­ger Nebel wahr­nehm­bar. Das Objekt wird zum Zen­trum hin merk­lich hel­ler und erscheint etwas län­ger als breit. Das Zen­trum ist breit und hell. Unter opti­ma­len Bedin­gun­gen und guter Trans­pa­renz sind Andeu­tun­gen des zen­tra­len Bal­kens schon mit die­sen Öff­nun­gen und mitt­le­ren Ver­grö­ße­run­gen wahr­nehm­bar. Die Gala­xie erscheint als läng­li­cher Fleck in nord­öst­li­cher bis süd­west­li­cher Rich­tung. Ihr nach Nor­den und Süden aus­ge­dehn­ter Hof ist ab einer Öff­nung von 8‑Zoll und einer höhe­ren Ver­grö­ße­rung erkenn­bar. Auch ers­te Andeu­tun­gen ihrer Spi­ral­struk­tur sind in dunk­len Näch­ten mit Tele­sko­pen ab 10 bis 12-Zoll Öff­nung zumin­dest zu erah­nen. Zudem zeigt sich ein stern­för­mi­ger Kern. Bei noch grö­ße­ren Tele­sko­pen ist unter schlech­ten Bedin­gun­gen nur der hel­le, läng­li­che Bal­ken­be­reich die­ser Gala­xie zu sehen, wäh­rend unter guten Bedin­gun­gen die Spi­ral­ar­me sicht­bar wer­den, die eine fast run­de bis leicht läng­li­che Form aufweisen.

Mes­sier 91 ist am bes­ten in den Früh­lings­mo­na­ten und im Früh­som­mer zu beob­ach­ten, wenn das Stern­bild Haar der Bere­ni­ke hoch am Him­mel steht. Die Gala­xie befin­det sich etwa einen Grad nörd­lich der Gren­ze zwi­schen den Stern­bil­dern Coma Bere­nices und Vir­go und nahe der Ver­bin­dungs­li­nie zwi­schen den Gala­xien M 89 und M 90. Lei­der gibt es in der Nähe von M 91 kei­nen hel­len Stern, der das Auf­fin­den des Objekts erleich­tern könn­te. Um den Bereich des Him­mels zu fin­den, in dem sich die Gala­xie befin­det, ver­bin­den wir die Stre­cke zwi­schen Denebo­la (Beta Leo, 2,1 mag) und Vin­dem­ia­trix (Epsi­lon Vir, 2,9 mag). Etwa bei 60 % die­ser Stre­cke, zwi­schen den bei­den Ster­nen, befin­det sich die Gala­xie M 89. Mes­sier 91 steht etwa zwei Grad nörd­lich von dieser.

Auf­such­kar­te Mes­sier 91 (55,4 KiB, 40 hits)

Steckbrief für Messier 91

Daten und Fak­ten für die Gala­xie Mes­sier 91 im Haar der Bere­ni­ke (Coma Berenices)
Objekt­na­meMes­sier 91
Kata­log­be­zeich­nungNGC 4548, UGC 7753, PGC 41934, MCG 3−32−75, VCC 1615, IRAS12328+1446, ZWG 99.96
TypGala­xie, SBb
Stern­bildHaar der Bere­ni­ke (Coma Berenices)
Rekt­aszen­si­on (J2000.0)12h 35m 26,4s
Dekli­na­ti­on (J2000.0)+14° 29′ 47″
V Hel­lig­keit10,1 mag
Flä­chen­hel­lig­keit13,4 mag
Win­kel­aus­deh­nung5,2′ x 4,2′
Posi­ti­ons­win­kel150°
Abso­lu­te Helligkeit-20,987mag
Durch­mes­ser83.000 Licht­jah­re
Ent­fer­nung52 Mil­lio­nen Lichtjahre
Beschrei­bungB,L,lE,lbM; NGC 4571 @ 27.0′;H II 120;F outer arms in S pattrn
Ent­de­ckerCharles Mes­sier, 1781
Stern­at­lan­tenCam­bridge Star Atlas: Chart 11
Inter­stel­larum Deep Sky Atlas: Chart 45 & D2
Mill­en­ni­um Star Atlas: Charts 725–726 (Vol II)
Pocket Sky Atlas: Chart 45
Sky Atlas 2000: Chart 14
Urano­me­tria 2nd Ed.: Chart 91

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert