James-Webb-Teleskop entdeckt die Heimat des fernsten Radioblitzes

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Die erst­mals 2007 ent­deck­ten schnel­len Radio­blit­ze sind rät­sel­haf­te, mil­li­se­kun­den­lan­ge Radio­emis­si­ons­blit­ze aus den Tie­fen des fer­nen Uni­ver­sums. Ihr Ursprung ist wei­ter­hin unklar, ins­be­son­de­re da die meis­ten nur ein­mal beob­ach­tet wer­den. Astro­no­men haben mit­hil­fe des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops von NASA, ESA und CSA die Wirts­ga­la­xie des bis­her ent­fern­tes­ten beob­ach­te­ten schnel­len Radio­blit­zes (FRB) loka­li­siert. Ihre Ent­de­ckung hat Aus­wir­kun­gen dar­auf, wel­che Art von ener­gie­rei­chem Ereig­nis die­se Blit­ze erzeugt.

FRB 20240304B (JWST)
Die NIR­Cam (Nahin­fra­rot­ka­me­ra) des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops konn­te die Wirts­ga­la­xie des schnel­len Radio­bursts namens FRB 20240304B nach­wei­sen, des­sen Posi­ti­on durch das wei­ße Kreuz mar­kiert ist. Es han­delt sich dabei um eine klei­ne Zwerg­ga­la­xie, in der aktiv Ster­ne ent­ste­hen. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, STScI, T. Nanay­ak­ka­ra (USYD). Image Pro­ces­sing: J. DePas­qua­le (STScI)

Wel­ches mys­te­riö­se Phä­no­men ist in der Lage, einen mil­li­se­kun­den­lan­gen Aus­bruch von Radio­wel­len zu erzeu­gen, der so stark ist, dass wir ihn aus einer Ent­fer­nung von Mil­li­ar­den Licht­jah­ren wahr­neh­men kön­nen? Der Ursprung sol­cher Ereig­nis­se, die als schnel­le Radio­bursts (FRBs) bekannt sind, bleibt ungewiss.

Ein kürz­lich ent­deck­ter FRB lie­fert einen Hin­weis. Bei dem bis­lang am wei­tes­ten ent­fern­ten FRB erwies sich die Wirts­ga­la­xie als über­ra­schend klein und jung. Dies deu­tet dar­auf hin, dass zwi­schen der Stern­ent­ste­hung in Gala­xien und dem Zeit­punkt, zu dem die­se in der Lage sind, FRBs zu erzeu­gen, nur eine gerin­ge Zeit­span­ne liegt. Dies lässt ver­mu­ten, dass FRBs wahr­schein­lich von jun­gen Neu­tro­nen­ster­nen ver­ur­sacht wer­den, die als Magneta­re bekannt sind. Nur das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop war in der Lage, die Wirts­ga­la­xie zu ent­de­cken und zu cha­rak­te­ri­sie­ren und sowohl ihre Ent­fer­nung als auch ihre Grö­ße zu bestimmen.

„Das Inter­es­san­te an schnel­len Radio­blit­zen ist, dass wir nicht wis­sen, wodurch sie erzeugt wer­den. Wir haben Theo­rien dar­über, wel­che Objek­te sie erzeu­gen, aber wir haben kei­nen schlüs­si­gen Beweis“, sag­te Mani­sha Caleb von der Uni­ver­si­tät Syd­ney, Aus­tra­li­en, Haupt­au­to­rin der in der Fach­zeit­schrift Sci­ence ver­öf­fent­lich­ten Stu­die.

Das Meer­TRAP-Team nutz­te das Meer­KAT-Tele­skop, um den Aus­bruch am 4. März 2024 zu detek­tie­ren, was zur Bezeich­nung FRB 20240304B führ­te. Die Radio­da­ten die­ses Aus­bruchs deu­te­ten auf eine extrem gro­ße Ent­fer­nung hin, mög­li­cher­wei­se die größ­te bis­her beob­ach­te­te. Um die­se Ent­fer­nung zu bestä­ti­gen, muss­ten Astro­no­men jedoch die zuge­hö­ri­ge Gala­xie unter­su­chen. Obwohl die Posi­ti­on des FRB sehr genau bekannt war, konn­ten die größ­ten boden­ge­bun­de­nen Tele­sko­pe der Welt an die­ser Stel­le am Him­mel kei­ne Gala­xie beob­ach­ten. Daher wand­te sich das Team an das Webb-Teleskop.

Das Nahin­fra­rot-Instru­ment (NIR­Cam) des Webb-Tele­skops ent­deck­te eine Gala­xie an der rich­ti­gen Posi­ti­on, und sein Nahin­fra­rot-Spek­tro­graph (NIR­Spec) lie­fer­te eine prä­zi­se Mes­sung der Rot­ver­schie­bung der Gala­xie [1]: 2,148, was einem Zeit­punkt nur 3 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall ent­spricht. Die über­wie­gen­de Mehr­heit der bis­her detek­tier­ten FRBs ereig­ne­te sich Mil­li­ar­den von Jah­ren spä­ter in der kos­mi­schen Geschichte.

Das Team ent­deck­te, dass die Wirts­ga­la­xie von FRB 20240304B nicht typisch für ande­re Gala­xien mit FRBs ist. Die meis­ten FRB-Gala­xien sind mas­se­rei­che, stern­bil­den­de Gala­xien, doch die gefun­de­ne Gala­xie war 1.000-mal weni­ger mas­se­reich als erwartet. 

„Wir dach­ten, es wäre eine gro­ße, schön geform­te Gala­xie mit vie­len Ster­nen, statt­des­sen war es eine klei­ne Zwerg­ga­la­xie, obwohl sie aktiv Ster­ne bil­de­te“, sag­te Caleb.

„Die Wirts­ga­la­xie sticht in der gesam­ten Gala­xien­stich­pro­be, die wir unter­sucht haben, deut­lich her­vor. Und sie war defi­ni­tiv nicht das, was wir erwar­tet hat­ten“, sag­te Ben Stap­pers von der Uni­ver­si­tät Man­ches­ter, Groß­bri­tan­ni­en, einer der Koau­to­ren der Stu­die. „Die­se Kom­bi­na­ti­on aus dem Meer­TRAP-Pro­jekt am Meer­KAT-Tele­skop zur Ent­de­ckung und Loka­li­sie­rung die­ser weit ent­fern­ten Aus­brü­che und dem Webb-Tele­skop zur Unter­su­chung ihrer Wirts­ga­la­xien ist äußerst spannend.“

Spektrum FRB
Durch die Detek­ti­on von Licht, das von Sau­er­stoff und Stick­stoff aus­ge­strahlt wur­de, konn­ten sie die kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung der Wirts­ga­la­xie des FRB bestim­men und damit bestä­ti­gen, dass der FRB nur 3 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall auf­trat. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, J. Olm­sted (STScI). Sci­ence: M. Caleb (SIfA)

Die Gala­xie befand sich auf dem Höhe­punkt des „kos­mi­schen Mit­tags“ – einer Pha­se in der Geschich­te des Uni­ver­sums, in der die Stern­ent­ste­hung ihren Höhe­punkt erreich­te. Die Stern­ent­ste­hungs­ra­te der Gala­xie deu­te­te dar­auf hin, dass die meis­ten ihrer Ster­ne inner­halb von nur 30 Mil­lio­nen Jah­ren ent­stan­den sein könnten.

Dies hat wich­ti­ge Impli­ka­tio­nen für den Ursprung schnel­ler Radio­blit­ze. Eine Theo­rie besagt, dass FRBs durch die Ver­schmel­zung zwei­er Neu­tro­nen­ster­ne ent­ste­hen könn­ten. Der Pro­zess, bei dem sich umkrei­sen­de Neu­tro­nen­ster­ne all­mäh­lich immer wei­ter annä­hern, bis sie kol­li­die­ren, dürf­te jedoch Mil­li­ar­den von Jah­ren dau­ern. Daher wären FRBs ver­mut­lich eher mit älte­ren Gala­xien asso­zi­iert, die stär­ker ent­wi­ckel­te Stern­po­pu­la­tio­nen enthalten.

Eine zwei­te Theo­rie besagt, dass ein FRB von einem ein­zel­nen, jun­gen, stark magne­ti­schen Neu­tro­nen­stern, einem soge­nann­ten Magnetar, aus­ge­hen kann, und zwar durch einen Mecha­nis­mus ähn­lich Stern­be­ben. In die­sem Fall könn­te ein FRB rela­tiv schnell und ohne gro­ße Zeit­ver­zö­ge­rung auf­tre­ten, sobald ein mas­se­rei­cher Stern als Super­no­va explo­diert und einen Magnetar hin­ter­lässt. Folg­lich wären FRBs auch in jün­ge­ren Gala­xien wie der Gala­xie, in der FRB 20240304B vor­kommt, zu erwarten.

„Unse­re Arbeit legt nahe, dass es sehr unwahr­schein­lich ist, dass die­ser FRB durch eine Ver­schmel­zung ent­stan­den ist“, sag­te Caleb. „Unse­re Ergeb­nis­se zei­gen zudem die erstaun­li­chen Fähig­kei­ten des Webb-Tele­skops, mit dem wir Gren­zen über­schrei­ten kön­nen, die bis­her nicht mög­lich waren“, sag­te Mit­au­tor The­mi­ya Nanay­ak­ka­ra von der Uni­ver­si­tät Syd­ney, Australien.

Der neue FRB ist nicht nur ein Rekord­hal­ter, son­dern ermög­lich­te es dem Team auch, mehr über die Mil­li­ar­den von Licht­jah­ren schein­bar lee­ren Raums zwi­schen dem Aus­bruch und der Erde zu erfahren.

„Ein schnel­ler Radio­im­puls ist fast wie eine kos­mi­sche Taschen­lam­pe. Er erhellt alles auf sei­nem Weg. Er hin­ter­lässt einen Abdruck von allem, was er durch­quert, sodass man ihn nut­zen kann, um das ‚kos­mi­sche Netz‘ – die ansons­ten unsicht­ba­re Mate­rie und Struk­tu­ren, denen er auf sei­nem Weg begeg­net – nach­zu­zeich­nen“, sag­te Mit­au­tor J. Xavier Pro­chas­ka von der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, San­ta Cruz, USA.

Das Team ent­deck­te im FRB-Signal die Spu­ren zwei­er kos­mi­scher Struk­tu­ren – einen bis­her unbe­kann­ten Gala­xien­hau­fen mit einer Rot­ver­schie­bung von 0,3 (etwa 3,5 Mil­li­ar­den Licht­jah­re von der Erde ent­fernt) und den nahe­ge­le­ge­nen Vir­go-Hau­fen, der sich in einer Ent­fer­nung von etwa 54 Mil­lio­nen Licht­jah­ren von der Erde befindet.

Das Team freut sich dar­auf, künf­tig wei­te­re weit ent­fern­te FRBs zu ent­de­cken. Es schätzt, dass das Meer­KAT-Tele­skop jähr­lich meh­re­re FRBs mit einer Rot­ver­schie­bung grö­ßer als 1,0 nach­wei­sen und loka­li­sie­ren kann. Das bedeu­tet, dass die­se FRBs mehr als die Hälf­te der Stre­cke zurück zum Ursprung des Uni­ver­sums zurück­ge­legt haben. Mit der Inbe­trieb­nah­me wei­te­rer Radio­te­le­sko­pe und Instru­men­te könn­te sich die­se Ent­de­ckungs­ra­te beschleu­ni­gen. Das Webb-Tele­skop wird für die Cha­rak­te­ri­sie­rung die­ser weit ent­fern­ten Wirts­ga­la­xien uner­läss­lich sein.

Anmerkungen

[1] Das Uni­ver­sum expan­diert, und die­se Expan­si­on dehnt das Licht im Raum – ein Phä­no­men, das als kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung bekannt ist. Je grö­ßer die Rot­ver­schie­bung, des­to grö­ßer ist die vom Licht zurück­ge­leg­te Stre­cke. Daher sind Tele­sko­pe mit Infra­rot­de­tek­to­ren erfor­der­lich, um das Licht der ers­ten und ent­fern­tes­ten Gala­xien zu beobachten.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, STScI, T. Nanay­ak­ka­ra (USYD). Bild­be­ar­bei­tung: J. DePas­qua­le (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2621

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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