Hubble entdeckt Beweise für eine frühe Galaxienverschmelzung

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Unse­re Hei­mat­ga­la­xie, die Milch­stra­ße, wuchs unter ande­rem durch die Ver­schmel­zung mit klei­ne­ren Gala­xien zu ihrer heu­ti­gen Grö­ße her­an. Nun lie­fern neue Daten des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops der NASA/ESA ein­deu­ti­ge Bewei­se dafür, dass in den frü­hes­ten Pha­sen ihrer Ent­wick­lung eine Zwerg­ga­la­xie mit der jun­gen Milch­stra­ße ver­schmolz. Die­se Ent­de­ckung erwei­tert unser Wis­sen über die Geschich­te unse­rer Gala­xie um 1,8 Mil­li­ar­den Jah­re wei­ter in die Ver­gan­gen­heit als bisher.

Die Milch­stra­ße ist heu­te eine rie­si­ge Spi­ral­ga­la­xie mit Hun­der­ten von Mil­li­ar­den Ster­nen. Doch unse­re Gala­xie war nicht immer so groß. Sie ist gewach­sen, indem sie neue Ster­ne aus ihren Gas­wol­ken bil­de­te und durch Ver­schmel­zun­gen Ster­ne, Gas und Dunk­le Mate­rie aus ande­ren Gala­xien aufnahm.

LKH Milchstraße Merger
Vor etwa 12 Mil­li­ar­den Jah­ren kol­li­dier­te eine als LKH bekann­te Zwerg­ga­la­xie (links) mit der jun­gen Milch­stra­ße (rechts) und ver­schmolz mit ihr. Die­se künst­le­ri­sche Dar­stel­lung zeigt die­se Kol­li­si­on. – Cre­dit: NASA, ESA, Joseph Olm­sted (STScI)

Die jüngs­te gewal­ti­ge Ver­schmel­zung in der Geschich­te unse­rer Gala­xie fand vor über sechs Mil­li­ar­den Jah­ren mit der Zwerg­ga­la­xie Sagit­ta­ri­us statt und dau­ert bis heu­te an. Noch wei­ter zurück in der Ver­gan­gen­heit ent­deck­ten For­scher, dass die Milch­stra­ße vor zehn Mil­li­ar­den Jah­ren eine wei­te­re Zwerg­ga­la­xie namens Gaia-Sau­sa­ge-Ence­la­dus ver­schlang. Die­se uralte Ver­schmel­zung beein­fluss­te die Struk­tur der Ster­nen­schei­be unse­rer Gala­xie maß­geb­lich. Zwi­schen die­sen bei­den Gala­xien ereig­ne­ten sich wei­te­re, klei­ne­re Verschmelzungen.

Doch die Geschich­te unse­rer Gala­xie endet hier nicht. Beob­ach­tun­gen und Simu­la­tio­nen deu­ten dar­auf hin, dass die­sen bei­den Ver­schmel­zun­gen eine wei­te­re gro­ße Ver­schmel­zung vor­aus­ging, deren genaue Details jedoch hef­tig dis­ku­tiert wur­den. Nun hat das Hub­ble-Tele­skop ein­deu­ti­ge Bewei­se für eine frü­he­re Ver­schmel­zung gefun­den, die vor etwa 11,8 Mil­li­ar­den Jah­ren statt­fand, also nur 2 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall.

„Unse­re Hei­mat ist die Milch­stra­ße, aber wir wis­sen nicht, wie unser Haus gebaut wur­de“, sag­te Davi­de Mas­sa­ri, Haupt­au­tor der Stu­die vom Obser­va­to­ri­um für Astro­phy­sik und Welt­raum­wis­sen­schaf­ten in Bolo­gna, Ita­li­en. „In die­ser Arbeit ent­de­cken wir, woher die ers­te bedeu­ten­de Ladung Bau­stei­ne stamm­te: aus einer Zwerg­ga­la­xie, die wir LKH nennen.“

Kosmische Ausgrabungsstätten

Umfang­rei­che astro­no­mi­sche Durch­mus­te­run­gen und prä­zi­se Daten von Raum­son­den wie der Gaia-Mis­si­on der ESA waren ent­schei­dend für die Rekon­struk­ti­on der Geschich­te unse­rer Gala­xie. Je wei­ter Wis­sen­schaft­ler in die Ver­gan­gen­heit zurück­bli­cken, des­to schwie­ri­ger wird es, die Gescheh­nis­se zu rekon­stru­ie­ren. In ihrer Früh­zeit war unse­re Gala­xie klei­ner und ähnel­te in ihrer Grö­ße den Gala­xien, mit denen sie kol­li­dier­te, deut­lich. Sie war zudem chao­ti­scher, und es ist mög­lich, dass die Spu­ren der Ver­schmel­zun­gen im Lau­fe von Mil­li­ar­den von Jah­ren aus­ge­löscht wurden.

In die­se undurch­sich­ti­ge Ver­gan­gen­heit blick­te das Hub­ble-Tele­skop. For­scher nutz­ten das Hub­ble-Tele­skop, um eini­ge der Kugel­stern­hau­fen der Milch­stra­ße zu unter­su­chen: rie­si­ge, annä­hernd kugel­för­mi­ge Ansamm­lun­gen von Zehn­tau­sen­den bis zu eini­gen Mil­lio­nen Ster­nen. Kugel­stern­hau­fen ent­hal­ten eini­ge der ältes­ten Ster­ne unse­rer Gala­xie und kön­nen als kos­mi­sche Aus­gra­bungs­stät­ten fun­gie­ren, die Ster­ne aus ande­ren Gala­xien bewah­ren, die die Milch­stra­ße auf­ge­nom­men hat.

„Dank der hohen Auf­lö­sung und Tie­fen­schär­fe der Hub­ble-Auf­nah­men konn­ten wir das Alter und den Metall­ge­halt die­ser Kugel­stern­hau­fen mit bei­spiel­lo­ser Prä­zi­si­on mes­sen“, sag­te Chia­ra Zer­bi­na­ti, Koau­to­rin der Stu­die von der Uni­ver­si­tät Bolo­gna in Ita­li­en. „In Ver­bin­dung mit Mes­sun­gen von Gaia war es dadurch mög­lich, eine Popu­la­ti­on von Kugel­stern­hau­fen zu unter­schei­den, die sich von den ande­ren unter­schei­det. Dies sind die Hau­fen, die in LKH ent­stan­den sind, und sie ver­ra­ten uns, wann die­se Gala­xie von unse­rer ver­schlun­gen wur­de und wie mas­se­reich sie war.“

Das Team ana­ly­sier­te Hub­ble-Beob­ach­tun­gen von 39 Kugel­stern­hau­fen in den inne­ren 20.000 Licht­jah­ren unse­rer Gala­xie, wo Spu­ren der ältes­ten Ver­schmel­zun­gen erhal­ten sein dürf­ten. Es ging davon aus, dass die­se Stich­pro­be sowohl Kugel­stern­hau­fen ent­hal­ten wür­de, die sich inner­halb der jun­gen Milch­stra­ße gebil­det hat­ten, als auch sol­che, die vor etwa 10 Mil­li­ar­den Jah­ren aus der Zwerg­ga­la­xie „Gaia-Sau­sa­ge-Ence­la­dus“ auf­ge­nom­men wurden.

Mit­hil­fe der emp­find­li­chen Hub­ble-Beob­ach­tun­gen, mit denen das genaue Alter und die damit ver­bun­de­ne Metal­li­zi­tät – also die Häu­fig­keit von Ele­men­ten, die schwe­rer sind als Heli­um – jedes Hau­fens bestimmt wur­den, stell­ten sie fest, dass es in den inne­ren Regio­nen unse­rer Gala­xie eine drit­te Popu­la­ti­on von Kugel­stern­hau­fen gibt. Das Team fand her­aus, dass die­se Hau­fen älter sind als die bei der Gaia-Sau­sa­ge-Ence­la­dus-Ver­schmel­zung ein­ge­fan­ge­ne Grup­pe, aber jün­ger als die­je­ni­gen, die in der Milch­stra­ße ent­stan­den sind – unab­hän­gig von ihrem Metall­ge­halt. Die­se Stern­hau­fen stam­men daher aus einer sepa­ra­ten und noch frü­he­ren Ver­schmel­zung – bei der die Milch­stra­ße eine Zwerg­ga­la­xie ver­schlang, deren Stern­mas­se etwa das 500-Mil­lio­nen­fa­che der Son­nen­mas­se betrug, was damals einen erheb­li­chen Anteil der Mas­se unse­rer Gala­xie aus­mach­te. Sie nann­ten die­se Zwerg­ga­la­xie „Low-ener­gy-Kra­ken-Hera­cles“ (LKH) zu Ehren von drei frü­he­ren For­schungs­ar­bei­ten, die die Idee einer Ver­schmel­zung in der Früh­ge­schich­te unse­rer Gala­xie ver­tre­ten hatten.

Eine so gewal­ti­ge Ver­schmel­zung so früh in der Ent­ste­hungs­pha­se der Milch­stra­ße hat tief­grei­fen­de Aus­wir­kun­gen auf die Ent­wick­lung unse­rer Galaxie.

„Eini­ge frü­he­re Stu­di­en argu­men­tier­ten, dass die frü­hes­ten Pha­sen der Ent­wick­lung unse­rer Gala­xie aus­schließ­lich durch Ster­ne defi­niert wur­den, die in unse­rer Gala­xie ent­stan­den sind“, sagt Mas­sa­ri. „Wir haben hier gezeigt, dass auch Ster­ne, die in ande­ren Gala­xien ent­stan­den sind, berück­sich­tigt wer­den müssen.“

Das Team plant, sei­ne Arbeit zur Ent­schlüs­se­lung der Geschich­te der Milch­stra­ße fort­zu­set­zen, indem es ihre Kugel­stern­hau­fen unter­sucht, mit dem Ziel, alle mas­se­rei­chen Ver­schmel­zun­gen zu cha­rak­te­ri­sie­ren, die unse­re Gala­xie im Lau­fe der kos­mi­schen Geschich­te durch­lau­fen hat.

„Hub­ble beob­ach­tet Kugel­stern­hau­fen, die noch nie zuvor unter­sucht wur­den, und dies wird uns hel­fen, die Ver­schmel­zungs­er­eig­nis­se zu cha­rak­te­ri­sie­ren, die weit in der Ver­gan­gen­heit in der Geschich­te der Milch­stra­ße statt­fan­den“, sag­te Fer­nan­do Agua­do-Age­let, Mit­au­tor, von der Uni­ver­si­tät Vigo und der Uni­ver­si­tät La Lagu­na in Spanien.

Die Ergeb­nis­se wur­den heu­te in der Fach­zeit­schrift Natu­re Astro­no­my veröffentlicht.

Hintergrundinformationen

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen ESA und NASA.

Bild­nach­weis: NASA, ESA, J. Olm­sted (STScI)

Links

  • Wis­sen­schaft­li­che Arbeit 
  • Ver­öf­fent­li­chung auf der ESA-Website

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2611

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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