Webb liefert überraschende Erkenntnisse über das frühe Universum

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Das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop von NASA, ESA und CSA hat sich erneut selbst über­trof­fen und sein Ver­spre­chen ein­ge­löst, die Gren­zen des beob­acht­ba­ren Uni­ver­sums näher an den kos­mi­schen Ursprung her­an­zu­rü­cken. Dies gelang durch die Bestä­ti­gung einer hel­len Gala­xie, die 280 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall existierte.

Mitt­ler­wei­le hat Webb bewie­sen, dass es prak­tisch jeden in die­sen frü­hen Jah­ren gesetz­ten Mei­len­stein über­tref­fen wird. Die neu bestä­tig­te Gala­xie MoM-z14 birgt fas­zi­nie­ren­de Hin­wei­se auf die his­to­ri­sche Chro­no­lo­gie des Uni­ver­sums und dar­auf, wie sehr sich das frü­he Uni­ver­sum von den Erwar­tun­gen der Astro­no­men unterschied.

Galaxie MoM-z14
Die Gala­xie mit der Bezeich­nung MoM-z14 ist der­zeit die am wei­tes­ten ent­fern­te Gala­xie, die jemals ent­deckt wur­de. Sie wur­de von der NIR­Cam (Nahin­fra­rot­ka­me­ra) des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops ent­deckt und mit dem NIR­Spec-Instru­ment (Nahin­fra­rot­spek­tro­graph) spek­tro­sko­pisch bestä­tigt. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, STScI, R. Naidu (MIT), Image Pro­ces­sing: J. DePas­qua­le (STScI)

„Mit Webb kön­nen wir wei­ter sehen als je zuvor, und es sieht völ­lig anders aus als vor­her­ge­sagt. Das ist glei­cher­ma­ßen her­aus­for­dernd wie span­nend“, sag­te Rohan Naidu vom Kav­li-Insti­tut für Astro­phy­sik und Welt­raum­for­schung des Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy (MIT), Haupt­au­tor einer im Open Jour­nal of Astro­phy­sics ver­öf­fent­lich­ten Stu­die über die Gala­xie MoM-z14.

Auf­grund der Expan­si­on des Uni­ver­sums, die durch Dunk­le Ener­gie ange­trie­ben wird, gestal­tet sich die Dis­kus­si­on über phy­si­ka­li­sche Ent­fer­nun­gen und Zeit­räu­me in so gro­ßer Ent­fer­nung schwie­rig. Mit­hil­fe des NIR­Spec-Instru­ments (Near-Infrared Spec­tro­graph) des Webb-Tele­skops bestä­tig­ten Astro­no­men, dass MoM-z14 eine kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung von 14,44 auf­weist [1]. Das bedeu­tet, dass das Licht der Gala­xie etwa 13,5 der geschätz­ten 13,8 Mil­li­ar­den Jah­re des Uni­ver­sums durch den expan­die­ren­den Raum reist, dabei gedehnt und zu län­ge­ren, röt­li­che­ren Wel­len­län­gen ver­scho­ben wird.

„Wir kön­nen die Ent­fer­nung von Gala­xien anhand von Bil­dern abschät­zen, aber es ist wirk­lich wich­tig, dies mit detail­lier­te­ren Spek­tro­sko­pie­mes­sun­gen zu über­prü­fen und zu bestä­ti­gen, damit wir genau wis­sen, was wir sehen und wann“, sag­te Pas­cal Oesch von der Uni­ver­si­tät Genf in der Schweiz, Co-Pro­jekt­lei­ter der Studie.

Faszinierende Merkmale

MoM-z14 gehört zu einer wach­sen­den Grup­pe über­ra­schend hel­ler Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum – 100 Mal hel­ler als in theo­re­ti­schen Stu­di­en vor dem Start des Webb-Tele­skops vor­her­ge­sagt, so das Forschungsteam.

„Es gibt eine wach­sen­de Kluft zwi­schen Theo­rie und Beob­ach­tung im Hin­blick auf das frü­he Uni­ver­sum, die span­nen­de Fra­gen für die Zukunft auf­wirft“, sag­te Jacob Shen, Post­dok­to­rand am MIT und Mit­glied des Forschungsteams.

Ein Ansatz­punkt für die For­schung und Theo­re­ti­ker ist die ältes­te Stern­po­pu­la­ti­on der Milch­stra­ße. Ein klei­ner Pro­zent­satz die­ser Ster­ne weist hohe Stick­stoff­kon­zen­tra­tio­nen auf, die auch in eini­gen Webb-Beob­ach­tun­gen frü­her Gala­xien, dar­un­ter MoM-z14, sicht­bar werden.

„Wir kön­nen uns ein Bei­spiel an der Archäo­lo­gie neh­men und die­se uralten Ster­ne in unse­rer eige­nen Gala­xie wie Fos­si­li­en aus dem frü­hen Uni­ver­sum betrach­ten. In der Astro­no­mie haben wir jedoch das Glück, dank des Webb-Tele­skops so weit ins All sehen zu kön­nen, dass wir auch direk­te Infor­ma­tio­nen über Gala­xien aus die­ser Zeit besit­zen. Es zeigt sich, dass wir eini­ge der glei­chen Merk­ma­le beob­ach­ten, wie bei­spiels­wei­se die­se unge­wöhn­li­che Stick­stoff­an­rei­che­rung“, sag­te Naidu.

Da die Gala­xie MoM-z14 nur 280 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall ent­stand, reich­te die Zeit nicht aus, damit Stern­ge­nera­tio­nen der­art hohe Stick­stoff­men­gen pro­du­zie­ren konn­ten, wie Astro­no­men es erwar­ten wür­den. Eine Theo­rie der For­scher besagt, dass die dich­te Umge­bung des frü­hen Uni­ver­sums zur Ent­ste­hung super­mas­se­rei­cher Ster­ne führ­te, die mehr Stick­stoff pro­du­zie­ren konn­ten als alle im loka­len Uni­ver­sum beob­ach­te­ten Sterne.

Die Gala­xie MoM-z14 zeigt zudem Anzei­chen dafür, dass sich der dich­te, ursprüng­li­che Was­ser­stoff­ne­bel des frü­hen Uni­ver­sums in ihrer Umge­bung auf­löst. Einer der Grün­de, war­um Webb ursprüng­lich gebaut wur­de, war die Bestim­mung des Zeit­rah­mens für die­se „Auf­klä­rungs­pha­se” der kos­mi­schen Geschich­te, die Astro­no­men als Reio­ni­sie­rung bezeich­nen. In die­ser Zeit erzeug­ten frü­he Ster­ne Licht mit genü­gend Ener­gie, um das dich­te Was­ser­stoff­gas des frü­hen Uni­ver­sums zu durch­drin­gen und sich durch den Raum aus­zu­brei­ten, bis es schließ­lich Webb und uns erreich­te. Die Gala­xie MoM-z14 lie­fert einen wei­te­ren Anhalts­punkt für die Kar­tie­rung des Zeit­rah­mens der Reio­ni­sie­rung, eine Arbeit, die erst mög­lich wur­de, als Webb den Schlei­er über die­ser Ära des Uni­ver­sums lüftete.

Das Vermächtnis der Entdeckungen setzt sich fort

Schon vor dem Start von Webb gab es Hin­wei­se dar­auf, dass im frü­hen Uni­ver­sum etwas völ­lig Uner­war­te­tes pas­siert war, als das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA 400 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall die hel­le Gala­xie GN-z11 ent­deck­te. Webb bestä­tig­te die Ent­fer­nung der Gala­xie – damals die ent­fern­tes­te, die jemals gemes­sen wur­de.. Seit­dem hat Webb sei­ne For­schung immer wei­ter in Raum und Zeit aus­ge­dehnt und dabei wei­te­re über­ra­schend hel­le Gala­xien wie GN-z11 gefunden.

Da Webb wei­ter­hin die­se uner­war­tet leucht­star­ken Gala­xien ent­deckt, wird deut­lich, dass die ers­ten Fun­de kein Zufall waren. „Es ist eine unglaub­lich span­nen­de Zeit. Webb ent­hüllt das frü­he Uni­ver­sum wie nie zuvor und zeigt uns, wie viel es noch zu ent­de­cken gibt“, ergänzt Yijia Li, Dok­to­ran­din an der Penn­syl­va­nia Sta­te Uni­ver­si­ty und Mit­glied des Forschungsteams.

Anmerkungen

[1] Das Uni­ver­sum expan­diert, und die­se Expan­si­on dehnt das Licht im Raum – ein Phä­no­men, das als kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung bekannt ist. Je grö­ßer die Rot­ver­schie­bung, des­to grö­ßer ist die Stre­cke, die das Licht zurück­ge­legt hat.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All geschickt wur­de. Im Rah­men eines inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ab­kom­mens stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop mit der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te auch den Spek­tro­gra­fen NIR­Spec und 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI zur Ver­fü­gung, das von einem Kon­sor­ti­um natio­nal finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, STScI, R. Naidu (MIT), Bild­be­ar­bei­tung: J. DePas­qua­le (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2603

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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