Der Kugelsternhaufen Messier 22 (NGC 6656), im südlichen Sternbild Schütze (Sagittarius), wurde am 26. August 1665 von dem deutschen Amateurastronomen Johann Abraham Ihle in Leipzig als erster Kugelsternhaufen überhaupt in der Astronomiegeschichte entdeckt. M 22 zählt somit zu den frühesten bekannten Kugelsternhaufen. Ihle entdeckte ihn, als er den Planeten Saturn mit einem 2‑Zoll großen Fernrohr beobachtete. Da der Kugelsternhaufen sehr nahe an der Ekliptik liegt, kommen ihm die Planeten unseres Sonnensystems oft sehr nahe. Der Amateurastronom nahm den Sternhaufen allerdings nur als rundes Nebelfleckchen wahr. Möglicherweise wurde er aber schon vor dem Jahr 1665 von Hevelius bemerkt und von weiteren Astronomen wie Jean-Philippe de Chéseaux, Guillaume Le Gentil, Nicolas Louis de Lacaille und John Bevis katalogisiert. Der Kugelsternhaufen befand sich auch auf Sir Edmund Halleys Liste von sechs Objekten, die er im Jahr 1715 veröffentlichte. Le Gentil beobachtete ihn im Jahr 1747 mit seinem 18-Fuß Teleskop. Er beschrieb ihn als „sehr unregelmäßig, langhaarig und eine Art Lichtstrahlen in alle Richtungen verstreuend“. Im Jahr 1752 verglich Lacaille Messier 22 mit dem Kern eines Kometen.
Der französische Astronom Charles Messier beobachtete den Kugelsternhaufen in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1764. Er nahm ihn, 99 Jahre nach seiner offiziellen Entdeckung, in seinen berühmten Katalog kometenähnlicher Objekte auf. Es gelang ihm jedoch nicht ihn in einzelne Sterne aufzulösen. Messier beschrieb ihn folgendermaßen: „Nebel, unterhalb der Ekliptik, zwischen Kopf und Bug des Schützen, in der Nähe eines Sterns der 7. Magnitude, 25 Sagittarii, nach Flamsteed; dieser Nebel ist rund, enthält keinen Stern, und man kann ihn mit einem gewöhnlichen Teleskop sehr gut sehen“. Erst dem deutsch-britischen Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel gelang es am 4. Juli 1783 den Kugelsternhaufen in einige hundert Einzelsterne aufzulösen. Er bezeichnete ihn als dichten Haufen schwacher Sterne. Sein Sohn John beschrieb M 22 als „einen bemerkenswerten Kugelsternhaufen, sehr hell, sehr reichhaltig und sehr dicht, mit Sternen der Größenklasse 11 bis 15”. Eine Fotografie von M 22 wurde von dem Amerikaner Heber Doust Curtis aufgenommen und 1918 in dem Buch „Descriptions of 762 Nebulae and Clusters Photographed with the Crossley Reflector” veröffentlicht. Der amerikanische Astronom Harlow Shapley beschrieb den Haufen im Jahr 1930 ebenfalls und gab an, dass er etwa 70.000 Sterne enthalte und sein Kern dicht sei.
Der hellste Kugelsternhaufen des Messier Katalogs
Messier 22 ist einer von etwa 150 Kugelsternhaufen in unserer Milchstraße und der hellste Kugelsternhaufen in Charles Messiers berühmtem Katalog. Er steigt von Mitteleuropa aus gesehen allerdings nie sehr hoch über dem Horizont und befindet sich weniger als ein Grad von der Ekliptik entfernt. Aufgrund seiner tiefen Stellung wird der 12,67 Milliarden Jahre alte Kugelsternhaufen bei der Beobachtung der vielen offenen Sternhaufen und Nebel im Sternbild Schütze oft übersehen. Mit einer scheinbaren Helligkeit von 5,1 mag und einem scheinbaren Durchmesser von 32 Bogenminuten, was der scheinbaren Größe des Vollmondes entspricht, ist der leicht elliptisch erscheinende Kugelsternhaufen, in seiner Helligkeit und Größe her, mit dem Herkuleshaufen (Messier 13) bzw. mit Messier 5 in der Schlange vergleichbar. Entlang seiner langen Achse befinden sich etwa 30% mehr Sterne als entlang seiner kurzen Achse. Die Sterne im Haufen stehen so eng beieinander, dass die zentrale Region fast 500-mal dichter besetzt ist als die Umgebung unserer Sonne. Er ist sogar der hellste Kugelsternhaufen, den wir von mittleren Breiten aus sehen können, und einer der leichtesten, den wir in einzelne Sterne auflösen können. Die hellsten Sterne im Sternhaufen erreichen die Größenklasse 10,7, wodurch Messier 22 der Kugelsternhaufen mit den hellsten Mitgliedssternen ist. Leider steht M 22 in der Nähe des Zentrums unserer Milchstraße, das von Deutschland aus nie sehr hoch über dem Horizont steht. Nur die Südhimmelobjekte Omega Centauri (NGC 5139, 5,3 mag) im Sternbild Kentaur und 47 Tucanae (NGC 104, 4,1 mag) im Sternbild Tukan sind heller als M 22, allerdings sind sie von Mitteleuropa aus nicht zu sehen.

Das imposante Erscheinungsbild des Kugelhaufens ist jedoch nur auf seine Nähe zu uns zurückzuführen. Mit seiner Masse ist Messier 22 nämlich ein eher durchschnittlicher Kugelsternhaufen. Er befindet sich 10.600 Lichtjahre von der Erde entfernt, direkt vor der galaktischen Bulge unserer Heimatgalaxie. Verglichen mit anderen Kugelsternhaufen der Milchstraße befindet sich M 22 demzufolge in relativer Nähe. Nur Messier 4 im Sternbild Skorpion liegt uns noch deutlich näher. M 22 umläuft das Zentrum unserer Milchstraße auf seiner Bahn in rund 200 Millionen Jahren. Er entfernt sich dabei niemals weiter als ca. 30.000 Lichtjahre vom galaktischen Zentrum. Momentan steht er rund 16.000 Lichtjahre vor dem Zentrum und 9° südlich der galaktischen Ebene. In 100 Millionen Jahren wird er sich so weit von der Erde entfernt haben, dass er eher wie ein unscheinbarer Kugelhaufen erscheinen wird.
Mit einem Durchmesser von 97 Lichtjahren und einer Masse von über einer halben Milliarde Sonnen ist M 22, in Bezug auf Ausdehnung und Masse, ebenfalls mit M 13 vergleichbar. Der Sternhaufen weist zwei unterschiedliche Sternpopulationen mit verschiedenen Anteilen an schweren Elementen auf. Der Ursprung dieser Populationen ist ungewiss. Es könnte sich dabei entweder um zwei Sterngenerationen handeln, wie es in den meisten Kugelsternhaufen der Fall ist, oder der Sternhaufen könnte, was ungewöhnlicher wäre, einen extragalaktischen Ursprung haben. Messier 22 enthält 78 veränderliche Sterne. Mit 32 ist die Anzahl der Haufenveränderlichen vom RR-Lyrae-Typ ähnlich gering wie bei seinem berühmteren Pendant am Nordhimmel. In M 22 wurden auch einige Mira-Sterne gefunden, die allerdings alle im Vordergrund stehen und keine echten Mitglieder sind. Leider trübt der interstellare Staub in der Ebene unserer Milchstraße das Licht des Kugelsternhaufens um 1,8 Größenklassen. Würde M 22 an der gleichen Stelle wie M 13 stehen, würde er ihn in Größe und Helligkeit weit übertreffen. M 22 entfernt sich mit einer Geschwindigkeit von 144 km/s von uns.
Ein planetarischer Nebel, einsame Planeten und Schwarze Löcher
Messier 22 ist einer von nur vier kugelförmigen Sternhaufen, die einen planetarischen Nebel enthalten. GJJC‑1 (PK 9−7.1) ist das optische Gegenstück der Infrarotquelle IRAS 18333–2357. Sie wurde im Jahr 1986 durch den Infrarotsatelliten IRAS erstmals entdeckt. Sie befindet sich etwa eine Bogenminute südlich des Haufenzentrums an der Position RA 08h 36m 22,82s, Declination ‑23° 55′ 18,3″. Dieser nur 3 Bogensekunden große Überrest eines sonnenähnlichen Sterns ist nicht älter als 6.000 Jahre. Der Nebel enthält in seinem Zentrum einen Weißen Zwerg mit einer scheinbaren Helligkeit von 14,3 mag. Seine Größe wird mit 10 x 7 Bogensekunden angegeben. Im Messier-Katalog existiert ein weiterer Kugelsternhaufen, von dem bekannt ist, dass er einen planetarischen Nebel mit der Bezeichnung Pease 1 enthält. Es handelt sich um Messier 15 im Sternbild Pegasus. Weitere Kugelsternhaufen mit planetarischen Nebeln sind NGC 6441 und Palomar 6.

Aufgrund seiner Lage vor dem dichtesten Teil unserer Galaxis ist M 22 ein regelmäßiger Kandidat für Microlensing-Ereignisse. Das Hubble-Weltraumteleskop nahm ein 3,3 Lichtjahre großes Feld auf. Es zeigte rund 83.000 Sterne! Im Jahr 1999 wurden durch Hubble Mikrolinsereignisse registriert. Sie werden durch Objekte mit der Masse von achtzig Erdmassen innerhalb des Kugelsternhaufens verursacht. Ungefähr sechs dieser planetengroßen Objekte sind bekannt, die keinen Stern umkreisen. Ein Mikrolensing-Effekt entsteht, wenn das Licht eines Hintergrundsterns kurzzeitig durch das Schwerefeld eines im Vordergrund vorbeiziehenden Körpers fokussiert wird. Der Stern erscheint dadurch heller. Im Jahr 2001 wurde ein Lichtblitz beobachtet, der entweder auf eine Zwergnova oder den Mikrolinseneffekt eines vorbeiziehenden Sterns zurückzuführen war.
Im Jahr 2012 wurden mit Hilfe des Very Large Array in New Mexico (USA) unerwartet zwei stellare Schwarze Löcher in M 22 gefunden. Sie wurden im Jahr 2012 schließlich vom Chandra-Weltraumteleskop bestätigt. Sie weisen eine Masse zwischen dem 10 und dem 20-fachen der Masse unserer Sonne auf. Es wird geschätzt, dass in dem Kugelhaufen 5 bis 100 dieser stellaren Schwarzen Löcher existieren. Sie können auch den ungewöhnlich großen Kern des Kugelhaufens durch ihre gegenseitigen Wechselwirkungen mit Haufensternen erklären. Zuvor wurde ihre Existenz durch die Himmelsmechanik als nahezu ausgeschlossen betrachtet. Die beiden Schwarzen Löcher M22-VLA1 und M22-VLA2 sind Teil von Doppelsternsystemen. Jedes hat einen Begleitstern, von dem es Materie anzieht. Das abgesaugte Material bildet eine Akkretionsscheibe um jedes Schwarze Loch, dessen Emissionen nachgewiesen werden konnte. In jüngerer Zeit wurde über die Existenz eines zentralen Schwarzen Lochs größerer Masse in M 22 spekuliert. Das ist jedoch weiterhin Gegenstand aktueller Forschung. Im Jahr 2019 wurden die Überreste einer Nova in Messier 22 beobachtet, die bereits 48 v. Chr. in China beobachtet worden war. Dies ist eine der ältesten bestätigten Aufzeichnungen einer Beobachtung eines Ereignisses außerhalb des Sonnensystems. Das MUSE-Instrument des Very Large Telescope sah einen rötlichen Nebel an der Stelle der Nova mit einer Ausdehnung von 8.000 AE.
Beobachtung
Messier 22 ist unter einem dunklen Landhimmel bereits mit bloßem Auge als sternartiger Lichtpunkt erkennbar. Er erscheint uns genauso prächtig wie Messier 13, vor allem, wenn man den Kugelsternhaufen von südlicheren Breiten aus betrachtet. Von Namibia aus gesehen zieht M 22 sogar durch den Zenit. Von Mitteleuropa aus erscheint der am einfachsten aufzulösende Kugelsternhaufen aufgrund seiner südlichen Position mit ‑24° Deklination bei weitem nicht so eindrucksvoll. Die Trübung der dichteren Schichten der Erdatmosphäre sowie die Lichtverschmutzung in Horizontnähe schwächen das Licht des Kugelsternhaufens deutlich ab. In einem handelsüblichen 7×50 Feldstecher erscheint der Sternhaufen nr als gleichmäßiger, heller Nebelfleck. Mit einem 10×70 Fujinon-Fernglas ist M 22 noch ein klein wenig heller mit einem helleren Zentralbereich. Er ähnelt hierbei einem runden Kometen. In einem 3‑Zoll Refraktor sind bei mittlerer Vergrößerung die Ränder des Haufens bereits granuliert. Man erkennt eine mäßige Helligkeitszunahme zur Mitte hin. Bei höherer Vergrößerung mit einem 4‑Zöller ist der Rand in mehrere Dutzend einzelne Sterne aufgelöst. Dieser ist von einem ovalen Schimmer nicht aufgelöster Sterne umgeben. Im Zentrum sind subtile Helligkeitsvariationen nachweisbar.
Mit einem 6 bis 8‑Zoll Reflektor ist der Sternhaufen nahezu vollständig in Hunderte Einzelsterne unterschiedlicher Helligkeit aufgelöst. Sie konzentrieren sich vor allem im südlichen Bereich des Haufens. In NO-SW-Ausrichtung erscheint er deutlich elliptisch mit zahlreichen nach außen verlaufenden Sternenketten. Ebenso aufgelöst ist sein Zentrum, das nur eine mäßige Konzentration aufweist. Im Zentralbereich ist eine Dunkelstruktur erkennbar, die das Zentrum in zwei ungleiche Hälften teilt. Weitere Helligkeitsvariationen im Zentrum, wie dunkle Buchten und Flecken, sind ebenfalls erkennbar. Mit Teleskopen von 10 bis 12-Zoll Öffnung sieht Messier 22 regelrecht spektakulär aus. Bei hoher Vergrößerung um etwa 120-fach verteilen sich Tausende Sterne über das gesamte Gesichtsfeld. Sie arrangieren sich in langen Ketten um das Haufenzentrum und erscheinen in den Außenbereichen ziemlich verstreut. Die elliptische Form des Haufens ist nun am deutlichsten zu erkennen. Er hinterlässt einen nachhaltigeren Eindruck als Messier 13 – vor allem, wenn man von südlicheren Breiten aus beobachtet. Erfahrene Beobachter können versuchen, den planetarischen Nebel in seinem Inneren zu entdecken. Dieser lässt sich mit einem 300 mm Teleskop bei einer Vergrößerung von 600-fach und mithilfe eines UHC-Filters auffinden. Er bildet eine sehr kleine, kompakte Gruppe mit zwei Sternen der 15. Größenklasse. Nur ein Grad westnordwestlich von Messier 22 befindet sich ein weiterer Kugelsternhaufen. NGC 6642 ist mit einer Helligkeit von 8,9 mag deutlich lichtschwächer und kleiner.
Die beste Jahreszeit, um Messier 22 zu beobachten, sind die Sommermonate, in denen das Zentrum der Milchstraße im Süden kulminiert. Der Kugelsternhaufen befindet sich in der südlichen Milchstraße nahe des galaktischen Zentrums und nordöstlich des Sterns Kaus Borealis (Lambda Sgr, 2,8 mag). Dieser Stern markiert die Spitze des Teekannen-Asterismus des Schützen. Um M 22 aufzufinden, zieht man einfach eine imaginäre Linie von Kaus Borealis zum westlichsten der drei Sterne „hinter” der Teekanne, Xi Sagittarii (3,5 mag). Wenn man von Kaus Borealis aus knapp 2 ½ Grad in Richtung Xi Sgr navigiert, sollte der Kugelsternhaufen in der Mitte des Gesichtsfelds eines niedrig vergrößernden Teleskops auftauchen. Der Sternhaufen ist ebenfalls bereits in einem Sucherteleskop zu sehen. Er befindet sich in der Nähe eines kleinen Dreiecks aus schwachen Sternen, wenn der Stern Lambda in die Mitte des Gesichtsfelds platziert wird.
Aufsuchkarte Messier 22 (65,1 KiB, 49 Downloads)
Steckbrief für Messier 22
Daten und Fakten für den Kugelsternhaufen Messier 22 im Schützen (Sagittarius)| Objektname | Messier 22 |
| Katalogbezeichnung | NGC 6656, GCL 99, ESO 523-SC4 |
| Typ | Kugelsternhaufen, VII |
| Sternbild | Schützen (Sagittarius) |
| Rektaszension (J2000.0) | 18h 36m 24,2s |
| Deklination (J2000.0) | -23° 54′ 10″ |
| V Helligkeit | 5,2 mag |
| Flächenhelligkeit | 11,0 mag |
| Winkelausdehnung | 32,0′ |
| Durchmesser | 97 Lichtjahre |
| Entfernung | 10.600 Lichtjahre |
| Beschreibung | vB,vL,R,vRi,vmC; Stars mags 11…;one of finest globs |
| Entdecker | Johann Abraham Ihle, 1665 |
| Sternatlanten | Cambridge Star Atlas: Chart 12 & 18 Interstellarum Deep Sky Atlas: Chart 66 & 78 Millennium Star Atlas: Charts 1391–1392 (Vol III) Pocket Sky Atlas: Chart 67 Sky Atlas 2000: Chart 22 Uranometria 2nd Ed.: Chart 145 |











[…] beim Monasterio de Piedra), hier (Fotos bei Duraton), hier, hier (ein Veteran des Saros 126), hier, hier und hier.…