Überraschende Entdeckung im Zentrum unserer Galaxie

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Mit­hil­fe des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops der NASA, der ESA und der CSA hat ein inter­na­tio­na­les Astro­no­men­team ent­deckt, dass sich Staub und Was­ser über­ra­schend nahe am super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Loch im Zen­trum unse­rer Milch­stra­ße bil­den und dort bestehen kön­nen. Die Beob­ach­tun­gen zei­gen, dass der hoch­ent­wi­ckel­te Stern IRS 3 sei­ne Umge­bung trotz der inten­si­ven Strah­lungs­um­ge­bung um Sagit­ta­ri­us A* wei­ter­hin mit neu gebil­de­tem Mate­ri­al anreichert.

Die neu­en Beob­ach­tun­gen lie­fern die bis­lang detail­lier­tes­te Dar­stel­lung des hoch­ent­wi­ckel­ten Sterns IRS 3 im mitt­le­ren Infra­rot­be­reich. IRS 3 befin­det sich nur 0,55 Licht­jah­re von Sagit­ta­ri­us A* ent­fernt, dem super­mas­si­ven Schwar­zen Loch im Zen­trum der Milch­stra­ße. IRS 3 hat ein Sta­di­um nahe dem Ende sei­nes Lebens erreicht, das als asym­pto­ti­sche Rie­sen­ast-Pha­se bezeich­net wird. Ster­ne in die­ser Lebens­pha­se sind rie­sig, kühl und leucht­stark und sto­ßen mit ihren mäch­ti­gen Stern­win­den Gas in den Welt­raum aus. Die­ses abge­sto­ße­ne Stern­ma­te­ri­al ist eine der wich­tigs­ten Quel­len für kos­mi­schen Staub, doch war bis­lang unklar, ob es von einem Stern pro­du­ziert wer­den kann, der sich so nahe an einem super­mas­si­ven Schwar­zen Loch befindet.

Sagittarius A* & IRS3
Die­ses Bild zeigt die Posi­ti­on des hoch­ent­wi­ckel­ten Sterns IRS 3, der sich nur 0,55 Licht­jah­re von Sagit­ta­ri­us A*, dem zen­tra­len super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Loch der Milch­stra­ße, ent­fernt befin­det. – Cre­dit: ESA/Webb, NASA & CSA, F. Peiß­ker, J. Lu, F. Yusef-Zadeh, N. B. Sab­ha, C. Chan

Durch die Ana­ly­se des Infra­rot­lichts des Sterns mit dem Mid-Infrared Instru­ment (MIRI) des Webb-Tele­skops iden­ti­fi­zier­te das For­schungs­team ein­deu­ti­ge Signa­tu­ren von sau­er­stoff­rei­chem Staub und wies erst­mals Was­ser in der Stern­hül­le nach. Die Ergeb­nis­se zei­gen, dass selbst unter den extre­men Bedin­gun­gen in der Nähe eines super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Lochs ent­wi­ckel­te Ster­ne wie IRS 3 noch Staub und ande­re Mate­ria­li­en pro­du­zie­ren kön­nen, die für die Ent­ste­hung zukünf­ti­ger Stern- und Pla­ne­ten­ge­ne­ra­tio­nen wich­tig sind.

„Galak­ti­sche Zen­tren zäh­len zu den extrems­ten Umge­bun­gen, daher ist es eine wich­ti­ge Fra­ge, ob Ster­ne dort wei­ter­hin ihre Umge­bung mit Staub anrei­chern kön­nen“, sag­te Haupt­au­tor Flo­ri­an Peiß­ker von der Uni­ver­si­tät zu Köln. „Mit dem Webb-Tele­skop kön­nen wir direkt beob­ach­ten, wie sich Ster­ne unter die­sen Bedin­gun­gen ver­hal­ten, und sehen, dass die Staub­pro­duk­ti­on bemer­kens­wert sta­bil bleibt.“

IRS 3 ist eine der hells­ten Infra­rot­quel­len im galak­ti­schen Zen­trum und fiel schon lan­ge durch sei­ne enor­me Staub­hül­le auf. Frü­he­re Stu­di­en deu­te­ten auf einen hohen Koh­len­stoff­ge­halt des Sterns hin, doch die neu­en Beob­ach­tun­gen zeich­nen ein ande­res Bild. Die Daten des Webb-Tele­skops ent­hüll­ten zwei star­ke Infra­rot­si­gna­tu­ren, die mit Sili­kat­staub – einer Mischung aus Sili­zi­um und Sau­er­stoff – in Ver­bin­dung ste­hen. Die­se Merk­ma­le iden­ti­fi­zie­ren IRS 3 als einen sau­er­stoff­rei­chen, ent­wi­ckel­ten Stern, der sich dem Ende sei­nes Lebens nähert und Mate­rie ins All abgibt.

„Die­se Ent­de­ckung war dank der hoch­leis­tungs­fä­hi­gen Infra­rot­in­stru­men­te von Webb mög­lich“, sag­te Mac­a­re­na Gar­cia Marin von der ESA, Mit­au­torin der Stu­die und Pro­jekt­lei­te­rin des MICO­NIC-Pro­gramms. „Dies ist das ers­te Mal, dass ein kon­ti­nu­ier­li­ches Spek­trum im mitt­le­ren Infra­rot­be­reich für die­sen Stern erfasst wur­de, wodurch wir die Merk­ma­le des Sili­kat­staubs nach­wei­sen und die wah­re che­mi­sche Iden­ti­tät des Sterns auf­de­cken konnten.“

Durch die Kom­bi­na­ti­on von Webbs Beob­ach­tun­gen des Stern­spek­trums mit Simu­la­tio­nen der Aus­brei­tung des abge­strahl­ten Lichts durch ver­schie­de­ne Model­le der umge­ben­den Hül­le konn­te das Team die Struk­tur der Stern­hül­le rekon­stru­ie­ren. Ihre Ergeb­nis­se deu­ten auf eine geschich­te­te, scha­len­ar­ti­ge Staub­ver­tei­lung hin, die sich etwa 10.000 Astro­no­mi­sche Ein­hei­ten vom Stern erstreckt. Die Tem­pe­ra­tu­ren fal­len dabei von etwa 1.200 Kel­vin in Stern­nä­he auf rund 100 Kel­vin in den äuße­ren Berei­chen ab. Die Beob­ach­tun­gen lie­fer­ten zudem Hin­wei­se auf Was­ser inner­halb der Hül­le von IRS 3: der ers­te ein­deu­ti­ge Nach­weis die­ser Art für die­ses Objekt.

„Der Nach­weis von Was­ser ist beson­ders auf­re­gend, weil er zeigt, dass mole­ku­la­res Mate­ri­al in einer Umge­bung mit inten­si­ver Strah­lung über­le­ben kann“, sag­te Gar­cia Marin. „Das bedeu­tet, dass Ster­ne selbst in der Nähe eines super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Lochs wei­ter­hin Mate­rie in ihre Umge­bung abge­ben können.“

Anhand von Beob­ach­tun­gen und Stern­mo­del­lie­run­gen schät­zen die For­scher, dass IRS 3 etwa die sechs­fa­che Mas­se der Son­ne besitzt und rund 72 Mil­lio­nen Jah­re alt ist. Der Stern scheint einen star­ken Mas­sen­ver­lust zu erlei­den, wodurch Mate­ri­al ins All geschleu­dert wird und die von Webb beob­ach­te­te aus­ge­dehn­te Hül­le ent­steht. Die­se Ergeb­nis­se legen nahe, dass ent­wi­ckel­te Ster­ne wei­ter­hin eine wich­ti­ge Rol­le bei der Zufuhr von Staub in galak­ti­sche Zen­tren spie­len könn­ten – Regio­nen, die man bis­her als beson­ders feind­lich gegen­über die­sen Pro­zes­sen ansah.

Die Beob­ach­tun­gen wur­den im Jahr 2025 im Rah­men des Pro­gramms „Mid-Infrared Cha­rac­te­riza­ti­on of Near­by Ico­nic gala­xy Cen­ters (MICONIC) Gua­ran­teed Time Obser­va­tions“ (#1266) mit dem MIRI– Instru­ment des Webb ‑Tele­skops durchgeführt .

Die­se Ergeb­nis­se wur­den in der Fach­zeit­schrift Astro­no­my and Astro­phy­sics ver­öf­fent­licht.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit ihren Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: ESA/Webb, NASA & CSA, F. Peiß­ker, J. Lu, F. Yusef-Zadeh, N. B. Sab­ha, C. Chan

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2617

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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