Astronomen entdecken den schnellsten Stern unserer Galaxie

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Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben den bis­lang schnells­ten bekann­ten Stern in unse­rer Hei­mat­ga­la­xie ent­deckt. Der Stern mit der Bezeich­nung S301 umkreist das Schwar­ze Loch im Zen­trum der Milch­stra­ße. Er wur­de mit dem Very Lar­ge Telescope Inter­fe­ro­me­ter der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO-VLTI) nach­ge­wie­sen und erreicht auf sei­ner Bahn um das vier Mil­lio­nen Son­nen­mas­sen schwe­re Schwar­ze Loch Geschwin­dig­kei­ten von 25.000 km/s. S301 kommt ihm näher als jedes ande­re zuvor beob­ach­te­te Objekt – so nahe, dass durch ihn erst­mals die Rota­ti­on des Schwar­zen Lochs direkt mess­bar wird.

S301
Die­se Bild­se­quenz, auf­ge­nom­men mit dem Instru­ment GRAVITY am Very Lar­ge Telescope Inter­fe­ro­me­ter der ESO (VLTI), zeigt meh­re­re Ster­ne auf ihrer Umlauf­bahn um Sagit­ta­ri­us A*, das super­mas­se­rei­che Schwar­ze Loch im Zen­trum unse­rer Gala­xie. Bei einem die­ser Ster­ne, bekannt als S301, wur­de kürz­lich fest­ge­stellt, dass er dem Schwar­zen Loch weit näher kommt als jeder ande­re bekann­te Stern. – Cre­dit: ESO/GRAVITY collaboration

Jahr­zehn­te sorg­fäl­ti­ger Nach­be­ob­ach­tun­gen von Ster­nen, die das zen­tra­le Schwar­ze Loch unse­rer Gala­xie, Sagit­ta­ri­us A*, umkrei­sen, haben zu die­ser bahn­bre­chen­den Ent­de­ckung eines äußerst viel­ver­spre­chen­den Sterns geführt. Da er Sagit­ta­ri­us A* so nahe kommt, eröff­net S301 ein neu­es Fens­ter zu den fun­da­men­ta­len Eigen­schaf­ten der Raum­zeit in die­ser extre­men Umge­bung eines Schwar­zen Lochs“, sagt Nobel­preis­trä­ger Rein­hard Gen­zel, Direk­tor am Max-Planck-Insti­tut für extra­ter­res­tri­sche Phy­sik (MPE) in Gar­ching und Grün­dungs­mit­glied der Kol­la­bo­ra­ti­on, die die neu­en Beob­ach­tun­gen durch­ge­führt hat.

Das Beson­de­re an die­sem Stern ist sei­ne sehr enge Umlauf­bahn um Sagit­ta­ri­us A*: Er benö­tigt ledig­lich 8,7 Jah­re für einen Umlauf und nähert sich dem Schwar­zen Loch bis auf das Zwölf­fa­che der Distanz zwi­schen Erde und Son­ne an. Das ist ohne Bei­spiel“, erklärt Felix Mang, Dok­to­rand am MPE und Erst­au­tor der heu­te in Natu­re ver­öf­fent­lich­ten Studie.

Bei sei­ner engs­ten Annä­he­rung an das Schwar­ze Loch erreicht der Stern eine Geschwin­dig­keit von rund 25.000 Kilo­me­tern pro Sekun­de. Das ist 100.000-mal schnel­ler als ein Ver­kehrs­flug­zeug oder mehr als 8 % der Licht­ge­schwin­dig­keit – womit er den Rekord für den schnells­ten Stern in der Milch­stra­ße hält. S301 kommt Sagit­ta­ri­us A* zudem näher als jeder ande­re bis­her beob­ach­te­te Stern und erreicht eine Mini­mal­di­stanz, die etwa dem Abstand von Saturn zur Son­ne ent­spricht. [1] Auf­grund die­ser extre­men Nähe ist S301 der ers­te bekann­te Stern, mit dem sich die Rota­ti­on eines Schwar­zen Lochs direkt mes­sen las­sen könnte.

Wie bei den meis­ten Objek­ten im Uni­ver­sum neh­men Astro­nom­in­nen und Astro­no­men an, dass sich auch Sagit­ta­ri­us A* um die eige­ne Ach­se dreht. Gemäß Ein­steins All­ge­mei­ner Rela­ti­vi­täts­theo­rie zieht ein rotie­ren­des Schwar­zes Loch die Raum­zeit mit sich und ver­drillt sie, was sich auf die Umlauf­bah­nen naher Ster­ne aus­wirkt. Die­ser Effekt macht sich umso stär­ker bemerk­bar, je näher ein Objekt einem schnell rotie­ren­den Schwar­zen Loch kommt.

Wir hof­fen, mit die­sem Stern inner­halb der nächs­ten zehn Jah­re den Spin des Schwar­zen Lochs mes­sen zu kön­nen“, sagt Mang. MPE-For­scher Ste­fan Gil­les­sen, eben­falls maß­geb­lich an der Stu­die betei­ligt, ergänzt: „Damit wären wir erst­mals in der Lage, die Rota­ti­on eines mas­se­rei­chen Schwar­zen Lochs sehr direkt zu bestim­men – ein zen­tra­ler Test für Ein­steins Theo­rie.“ Juan Osor­no, Astro­nom am LIRA Obser­va­toire de Paris–PSL in Frank­reich, der eben­falls eine Schlüs­sel­rol­le in der Stu­die inne­hat­te, fügt hin­zu: „Ohne die­sen Stern müss­ten wir die Bewe­gung ande­rer Ster­ne noch meh­re­re Jahr­zehn­te lang ver­fol­gen, um der Mes­sung des Spins auch nur nahe­zu­kom­men.

Umlaufbahn S301
S301 umkreist Sagit­ta­ri­us A* alle 8 Jah­re. Dabei dreht sich sei­ne Umlauf­bahn und bil­det eine Rosette. Die­ser als Schwarz­schild-Prä­zes­si­on bekann­te Effekt wur­de um Sagit­ta­ri­us A* bereits gemes­sen; er tritt unab­hän­gig davon auf, ob das Schwar­ze Loch rotiert oder nicht. – Cre­dit: ESO/GRAVITY collaboration/L. Calçada

Das Auf­spü­ren von S301, der am Him­mel zwei Mil­li­ar­den Mal schwä­cher leuch­tet als Betei­geu­ze (der oran­ge­far­be­ne Stern im Stern­bild Ori­on), war kei­ne leich­te Auf­ga­be. Das Team nutz­te das VLTI, eine Ein­rich­tung am Par­anal-Obser­va­to­ri­um der ESO in Chi­le, sowie des­sen Instru­ment GRAVITY, das nach einem Infra­struk­tur-Upgrade nun als GRAVITY+ betrie­ben wird. [2] Die Stär­ke des VLTI liegt in der Fähig­keit, das Licht von vier 8‑Me­ter-Tele­sko­pen zu kom­bi­nie­ren. Dadurch ent­steht ein „vir­tu­el­les“ Tele­skop mit der 15-fachen räum­li­chen Auf­lö­sung eines ein­zel­nen 8‑Me­ter-Tele­skops.

Par­anal ist welt­weit der ein­zi­ge Ort, an dem Beob­ach­tun­gen die­ser Art mög­lich sind, da kein ande­res Obser­va­to­ri­um über vier 8‑Me­ter-Tele­sko­pe ver­fügt, die zusam­men als Inter­fe­ro­me­ter geschal­tet wer­den kön­nen“, erklärt Koau­tor Frank Eisen­hau­er, Wis­sen­schaft­li­cher Lei­ter von GRAVITY+ und Direk­tor am MPE.

Mit GRAVITY und spä­ter GRAVITY+ gelang es dem Team im Früh­jahr 2023 erst­mals, einen Blick auf den neu­en Stern zu erha­schen. Seit­her wird sei­ne Bahn kon­ti­nu­ier­lich nach­ver­folgt. Zudem konn­ten die For­schen­den die Bahn­ver­gan­gen­heit von S301 bis ins Jahr 2017 rekon­stru­ie­ren und fest­stel­len, dass er sei­ne engs­te Annä­he­rung an das zen­tra­le Schwar­ze Loch zuletzt Anfang 2023 absol­vier­te. Die Bahn­ei­gen­schaf­ten von S301 sowie die Tat­sa­che, dass Ster­ne nicht so nahe an einem mas­se­rei­chen Schwar­zen Loch ent­ste­hen kön­nen, deu­ten dar­auf hin, dass S301 ursprüng­lich Teil eines Dop­pel­stern­sys­tems war, das durch die Gezei­ten­kräf­te von Sagit­ta­ri­us A* zer­ris­sen wur­de. Bei die­sem Pro­zess wur­de S301 durch die Gra­vi­ta­ti­on des Schwar­zen Lochs ein­ge­fan­gen, wäh­rend sein Begleit­stern mit hoher Geschwin­dig­keit her­aus­ge­schleu­dert wur­de – ver­mut­lich schnell genug, um die Gala­xie kom­plett zu verlassen.

Fol­ge­be­ob­ach­tun­gen mit GRAVITY+ sowie mit dem Instru­ment MICADO am künf­ti­gen Extre­me­ly Lar­ge Telescope (ELT) der ESO wer­den ent­schei­dend sein, um die Bahn von S301 über das kom­men­de Jahr­zehnt hin­weg zu ver­fol­gen, wenn 2031 die nächs­te engs­te Annä­he­rung ansteht. Die Beob­ach­tung von min­des­tens zwei voll­stän­di­gen Umlauf­bah­nen ermög­licht es, die Tra­jek­to­rie mit so hoher Prä­zi­si­on ein­zu­gren­zen, dass das Team erst­mals den Spin von Sagit­ta­ri­us A* direkt bestim­men kann. „Das wäre die Erfül­lung eines Traums“, sagt Mang.

Endnoten

[1] Bei sei­ner engs­ten Annä­he­rung zieht der Stern in einem Abstand von nur 1,78 Mil­li­ar­den Kilo­me­tern am Schwar­zen Loch vor­bei. Das ent­spricht etwa dem 12-Fachen der Distanz zwi­schen Son­ne und Erde und liegt nur rund 20 % über dem Abstand zwi­schen Son­ne und Saturn.

[2] Nach­dem das Team bereits über Jahr­zehn­te hin­weg Ster­ne im Zen­trum der Milch­stra­ße mit ver­schie­de­nen ESO-Stand­or­ten kar­tiert hat­te, nutzt es für die­sen Zweck seit 2017 das Instru­ment GRAVITY am VLTI. Eine Rei­he von schritt­wei­sen Moder­ni­sie­run­gen an Instru­ment und Inter­fe­ro­me­ter unter der Bezeich­nung GRAVITY+ wur­de in den letz­ten Jah­ren umge­setzt und ermög­lich­te es den For­schen­den, immer schwä­che­re Objek­te aufzuspüren.

MN

Hintergrundinformationen

Die­se For­schungs­ar­beit wur­de in einem Fach­ar­ti­kel der GRAVITY+-Kollaboration mit dem Titel „Dis­co­very of a star sen­si­ti­ve to the spin of Sgr A*“ vor­ge­stellt, der in Natu­re erscheint (doi: 10.1038/s41586-026–10894‑w).

Links

Link zur Pres­se­mit­tei­lung der ESO

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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