Spektakulärer Blick auf eine aktive Galaxie

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Neue Auf­nah­men des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops der NASA/ESA/CSA anläss­lich sei­nes vier­ten wis­sen­schaft­li­chen Jah­res­ta­ges zei­gen eine bekann­te Gala­xie in einem weit­aus rei­che­ren und kom­ple­xe­ren Gebil­de als je zuvor. Webbs bei­spiel­lo­se Emp­find­lich­keit im nahen und mitt­le­ren Infra­rot­be­reich durch­dringt die dich­ten Staub­wol­ken, die das Zen­trum von Cen­tau­rus A im sicht­ba­ren Licht ver­de­cken, und ent­hüllt ein dicht gedräng­tes Geflecht aus ein­zel­nen Ster­nen und eine akti­ve, sich stän­dig ver­än­dern­de Gala­xie. Die­se Bil­der mar­kie­ren vier Jah­re über­trof­fe­ner Leis­tung und erfolg­rei­cher wis­sen­schaft­li­cher Arbeit für das leis­tungs­stärks­te Welt­raum­te­le­skop der Geschichte.

Centaurus A (NIRCam)
Die­se Auf­nah­me von Cen­tau­rus A, auf­ge­nom­men vom James-Webb-Welt­raum­te­le­skop, stammt von der Nahin­fra­rot­ka­me­ra (NIR­Cam). Webbs Infra­rot­sicht macht eine ver­zerr­te Schei­be aus Gas und Staub sicht­bar, die vor Mil­li­ar­den von Jah­ren bei einer Kol­li­si­on mit einer ande­ren Gala­xie ent­stan­den ist. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, STScI. Image Pro­ces­sing: A. Pagan (STScI), J. Depas­qua­le (STScI), M. Gar­cia Marin (ESA Office at STScI)


Cen­tau­rus A (auch bekannt als NGC 5128) ist 11 Mil­lio­nen Licht­jah­re von der Erde ent­fernt und damit kos­misch gese­hen rela­tiv nah. Im Gegen­satz zu den meis­ten nahen Gala­xien ist sie jedoch sehr aktiv und somit ein her­vor­ra­gen­des Labor, um zu ver­ste­hen, wie Gala­xien und Schwar­ze Löcher gemein­sam wach­sen und sich entwickeln.

Im Zen­trum befin­det sich ein super­mas­se­rei­ches Schwar­zes Loch, das aktiv Mate­rie aus sei­ner Umge­bung ver­schlingt. Dabei stößt das Schwar­ze Loch mäch­ti­ge Jets aus und setzt enor­me Men­gen an Ener­gie frei, wodurch es die Gala­xie um sich her­um formt. Gleich­zei­tig trägt Cen­tau­rus A die Spu­ren einer dra­ma­ti­schen Ver­gan­gen­heit: eine gewal­ti­ge Kol­li­si­on mit einer ande­ren Gala­xie vor etwa zwei Mil­li­ar­den Jah­ren. Die Fol­gen die­ser Ver­schmel­zung sind noch heu­te in ihrer unge­wöhn­li­chen Struk­tur und der anhal­ten­den Stern­ent­ste­hung sichtbar.

Beob­ach­tun­gen im sicht­ba­ren Licht mit dem Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA konn­ten den zen­tra­len Bereich, in dem Staub die Sicht ver­sperr­te, nicht auf­de­cken, wäh­rend das inzwi­schen aus­ge­mus­ter­te Spit­zer-Welt­raum­te­le­skop der NASA im Infra­rot­be­reich groß­räu­mi­ge Struk­tu­ren ent­hüll­te, ohne ein­zel­ne Ster­ne auf­zu­lö­sen. Nun lie­fert das Webb-Tele­skop sowohl Klar­heit als auch Detail­tie­fe und ent­hüllt das Inne­re der Gala­xie Stern für Stern.

Ehrfürchtiger Staub

Webbs Infra­rot­blick hebt die viel­fäl­ti­gen Staub­struk­tu­ren der Gala­xie her­vor, die in kom­ple­xen For­men leuch­ten und Astro­no­men über­ra­schen und sogar ver­blüf­fen. Ein gekrümm­tes, par­al­le­lo­gramm­ar­ti­ges Band durch­zieht das Zen­trum der Gala­xie, wäh­rend sich Mate­ri­al­strän­ge wie kos­mi­sche Wol­ken nach außen erstrecken.

Eine S‑förmige Struk­tur, die beson­ders auf dem Bild des MIRI-Instru­ments (Mid-Infrared Instru­ment) des Webb-Tele­skops deut­lich zu erken­nen ist, ist eben­falls unge­wöhn­lich und wirft Fra­gen auf, deren Beant­wor­tung wei­te­re Unter­su­chun­gen erfor­dert. Wie ist die­se Form ent­stan­den? Wel­chen Ein­fluss hat das Schwar­ze Loch dar­auf? Wird sie durch die Stern­ent­ste­hung infol­ge der Ver­schmel­zung beein­flusst?
Cen­tau­rus A (ESO)Dieses vom Boden aus auf­ge­nom­me­ne Bild der nahen Gala­xie Cen­tau­rus A der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (oben links) ver­deut­licht den Kon­text der Auf­nah­men im nahen und mitt­le­ren Infra­rot­be­reich, die vom James-Webb-Welt­raum­te­le­skop auf­ge­nom­men wur­den. – Cre­dit: ESO, NASA, ESA, CSA, STScI, ESO; Image Pro­ces­sing: A. Pagan (STScI)

Centaurus A (ESO)
Die­ses vom Boden aus auf­ge­nom­me­ne Bild der nahen Gala­xie Cen­tau­rus A der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (oben links) ver­deut­licht den Kon­text der Auf­nah­men im nahen und mitt­le­ren Infra­rot­be­reich, die vom James-Webb-Welt­raum­te­le­skop stam­men. – Cre­dit: ESO, NASA, ESA, CSA, STScI, ESO; Image Pro­ces­sing: A. Pagan (STScI)

Vie­le der leuch­tend roten Punk­te im MIRI-Bild sind staub­rei­che Ster­ne oder Stern­ent­ste­hungs­ge­bie­te, in denen altern­de Ster­ne Mate­ri­al ins All abge­ben oder neue Ster­ne ent­ste­hen. Die­ser Staub ist der Roh­stoff für zukünf­ti­ge Gene­ra­tio­nen von Ster­nen und Pla­ne­ten und spielt somit eine zen­tra­le Rol­le im fort­lau­fen­den Lebens­zy­klus der Galaxie.

In den Sternen geschrieben

Dank der hohen Auf­lö­sung von Webb kön­nen Astro­no­men Cen­tau­rus A nun Stern für Stern unter­su­chen, sogar in sei­nem lan­ge Zeit ver­deck­ten zen­tra­len Bereich. Was auf dem Bild von Webb „kör­nig“ erscheint – am deut­lichs­ten in der kom­bi­nier­ten Ansicht von MIRI und NIR­Cam (Near Infrared Came­ra) – ist tat­säch­lich ein dicht gepack­tes Feld ein­zel­ner Ster­ne, die gemein­sam Infor­ma­tio­nen über die Ver­gan­gen­heit der Gala­xie in sich tragen.

Webbs Beob­ach­tung von Cen­tau­rus A macht die Gala­xie zu einer Art galak­ti­scher Archäo­lo­gie. Jeder ent­hüll­te Stern hilft, den Zeit­punkt ver­schie­de­ner Ereig­nis­se zu rekon­stru­ie­ren: die Ent­ste­hung älte­rer Ster­ne, die Ver­lang­sa­mung der Akti­vi­tät, den Stern­ent­ste­hungs­schub wäh­rend der Kol­li­si­on und die Ster­ne, die aus dem auf­ge­wir­bel­ten Gas nach der Kol­li­si­on ent­stan­den. Zusam­men erge­ben sie eine Zeit­leis­te der Galaxienentwicklung.

Dynamisches Schwarzes Loch

Die Fähig­kei­ten von Webb gehen über die Bild­ge­bung hin­aus. Durch die spek­tro­sko­pi­sche Ana­ly­se des Lichts kön­nen Astro­no­men mes­sen, wie sich Gas inner­halb der Gala­xie bewegt.

Ers­te Ergeb­nis­se des Webb-Tele­skops zei­gen schnell strö­men­des ioni­sier­tes Gas, das wahr­schein­lich durch die Akti­vi­tät des Schwar­zen Lochs nach außen strömt, sowie wär­me­ren mole­ku­la­ren Was­ser­stoff in einer ver­zerr­ten, rotie­ren­den Schei­be nahe dem Zen­trum. Die­se Beob­ach­tun­gen tra­gen dazu bei, eine der größ­ten Fra­gen der Astro­no­mie zu beant­wor­ten: Wie beein­flusst ein Schwar­zes Loch eine gan­ze Galaxie?

Die Ant­wort scheint kom­plex zu sein. Das Schwar­ze Loch kann durch die Kom­pres­si­on von Gas die Stern­ent­ste­hung anre­gen, sie aber auch ein­schrän­ken, indem es Mate­ri­al weg­drückt. Cen­tau­rus A bie­tet einen sel­te­nen, nahen Ein­blick in die­ses kos­mi­sche Wechselspiel.

Indem Webb Staub in nie zuvor gese­he­ner Detail­ge­nau­ig­keit ver­folgt, Mil­lio­nen von Ster­nen auf­löst und die Bewe­gung von Gas in der Nähe eines super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Lochs auf­deckt, ver­wan­delt Webb Cen­tau­rus A in ein leben­di­ges Zeug­nis der kos­mi­schen Geschichte.

Ein weiteres unglaubliches Jahr voller wissenschaftlicher Erkenntnisse und beeindruckender Bilder

Im vier­ten Jahr des wis­sen­schaft­li­chen Betriebs des Webb-Tele­skops wur­den wei­te­re bahn­bre­chen­de wis­sen­schaft­li­che Erkennt­nis­se und Ent­de­ckun­gen aus allen Tei­len des Uni­ver­sums gewon­nen. Astro­no­men fan­den neue Hin­wei­se auf einen Pla­ne­ten, der Alpha Cen­tau­ri umkreist, nur vier Licht­jah­re von unse­rer Son­ne ent­fernt. Das Webb-Tele­skop prä­sen­tier­te acht spek­ta­ku­lä­re Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen aus einer umfas­sen­den Unter­su­chung, bei der Hun­der­te von Kan­di­da­ten iden­ti­fi­ziert wur­den. Bei der Unter­su­chung der Wie­gen von Stern­hau­fen in nahen Gala­xien stell­ten Wis­sen­schaft­ler fest, dass mas­se­rei­che­re Hau­fen schnel­ler ent­ste­hen; wäh­rend­des­sen kar­tier­te Webb in unse­rem eige­nen Son­nen­sys­tem die obe­re Atmo­sphä­re und die Polar­lich­ter des Ura­nus.

Im frü­hen Uni­ver­sum ent­hüll­te Webb ein Schwar­zes Loch, das sich noch vor sei­ner Gala­xie gebil­det hat­te, und lie­fer­te damit neue Hin­wei­se auf die Ent­ste­hung super­mas­se­rei­cher Schwar­zer Löcher. Außer­dem iden­ti­fi­zier­te es eine Super­no­va, die nur 730 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall auf­trat – die bis­lang frü­hes­te. For­scher leg­ten den bis­lang stärks­ten Beweis dafür vor, dass es sich bei eini­gen der 2022 von Webb ent­deck­ten „klei­nen roten Punk­te“ tat­säch­lich um „Schwarz­loch­ster­ne“ han­delt. Webb warf zudem einen neu­en Blick auf das Hub­ble Ultra Deep Field, was zu einer neu­en Ansicht führ­te, die Tau­sen­de ent­fern­ter Gala­xien aus den frü­hes­ten Epo­chen der kos­mi­schen Geschich­te offenbart.

Zu den ein­zig­ar­ti­gen Bil­dern, die Webb im letz­ten Jahr auf­ge­nom­men hat, gehör­ten die hauch­dün­nen Nebel um eine Pla­ne­ten for­men­de Schei­be, fili­gra­ne Details am Rand des Helix-Nebels, das kom­ple­xe Herz eines kos­mi­schen Schmet­ter­lings sowie jun­ge Ster­ne in allen Sta­di­en ihrer Ent­ste­hung. Webb hob ein Leucht­feu­er von Licht in den Wir­beln der Gala­xie Mes­sier 77 her­vor und zeig­te Details des Lebens­zy­klus von Ster­nen in der Gala­xie NGC 5134. Webb und Hub­ble haben zudem gemein­sam die bis­lang umfas­sends­te Ansicht des Saturns gelie­fert, die Schich­ten und Stür­me in sei­ner Atmo­sphä­re zeigt.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung der Start­dienst­leis­tung durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, STScI. Bild­be­ar­bei­tung: A. Pagan (STScI), J. Depas­qua­le (STScI), M. Gar­cia Marin (ESA-Büro am STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2615

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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