Supermassereiches Schwarzes Loch aus der Frühzeit des Universums überrascht Forscher

  • Letz­te Ände­rung:1 Monat 
  • Lese­zeit:6Minu­ten
  • Wör­ter:1433
  • Bei­trags­auf­ru­fe:139

Mit­hil­fe der bei­spiel­lo­sen Bild­ge­bungs- und Spek­tro­sko­pieleis­tung des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops von NASA, ESA und CSA haben For­scher die Bewe­gung und Zusam­men­set­zung des Gases kar­tiert, das ein super­mas­se­rei­ches Schwar­zes Loch im Zen­trum von Abel­l2744-QSO1 umkreist, einer win­zi­gen Gala­xie in über 13 Mil­li­ar­den Licht­jah­ren Ent­fer­nung. Die Ergeb­nis­se deu­ten dar­auf hin, dass das Schwar­ze Loch mit der 50-mil­lio­nen­fa­chen Son­nen­mas­se älter ist als sei­ne Wirts­ga­la­xie, mög­li­cher­wei­se in der ers­ten Sekun­de des Urknalls ent­stan­den ist und von Anfang an gewal­ti­ge Aus­ma­ße gehabt haben muss.

Abell2744-QSO1
Dies ist eine Auf­nah­me der NIR­Cam (Nahin­fra­rot­ka­me­ra) des Webb-Tele­skops, die Abel­l2744-QSO1 zeigt, ver­grö­ßert und drei­fach abge­bil­det durch den Gala­xien­hau­fen Abell 2744. Abel­l2744-QSO1 (QSO1) ist ein pro­to­ty­pi­scher „Litt­le Red Dot“, einer der ers­ten von Hun­der­ten win­zi­ger, leuch­ten­der Infra­rot­licht­punk­te, die das Webb-Tele­skop im frü­hen Uni­ver­sum ent­deckt hat. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, L. Fur­tak (Ben-Guri­on Uni­ver­si­ty), R. Mai­o­li­no (Cam­bridge), F. D’Eu­ge­nio (Cam­bridge), I. Juo­dž­ba­lis (Cam­bridge), H. Übler (MPE), C. Mar­con­ci­ni (Uni­ver­si­ty of Flo­rence). Image pro­ces­sing: A. Pagan

Was war zuerst da, die Gala­xie oder das Schwar­ze Loch? Wis­sen­schaft­ler ver­mu­te­ten lan­ge, es könn­te die Gala­xie gewe­sen sein: Gro­ße Ster­ne inner­halb einer bestehen­den Gala­xie ver­brau­chen ihren Brenn­stoff und kol­la­bie­ren zu Schwar­zen Löchern, die umge­ben­des Mate­ri­al ver­schlin­gen und im Lau­fe der Zeit zu noch mas­se­rei­che­ren Gebil­den ver­schmel­zen kön­nen. Doch es ist schwer zu begrei­fen, wie Schwar­ze Löcher mit Mil­lio­nen bis Mil­li­ar­den Mal der Son­nen­mas­se – von denen Tau­sen­de im frü­hen Uni­ver­sum ent­deckt wur­den – so schnell aus solch win­zi­gen Kei­men ent­ste­hen konnten.

Nun haben For­scher mit­hil­fe des Webb-Tele­skops ein­deu­ti­ge Bewei­se dafür gefun­den, dass eini­ge super­mas­si­ve Schwar­ze Löcher von Anfang an enorm groß waren und sich ohne eine Pha­se des Ster­nen­kol­lap­ses sowie ohne eine wesent­lich mas­se­rei­che­re Wirts­ga­la­xie, die sie spei­sen konn­te, bildeten.

„Das ist eine bemer­kens­wer­te Ent­de­ckung“, sag­te Rober­to Mai­o­li­no von der Uni­ver­si­tät Cam­bridge im Ver­ei­nig­ten König­reich, Mit­au­tor der heu­te in Natu­re und den Month­ly Noti­ces of the Roy­al Astro­no­mic­al Socie­ty ver­öf­fent­lich­ten Stu­di­en. „Es ist ein Para­dig­men­wech­sel, eine völ­li­ge Neu­be­trach­tung der klas­si­schen Sze­na­ri­en, wie sich Schwar­ze Löcher bil­den und wachsen.“

Little Red Dot QSO1

Die Schluss­fol­ge­rung des Teams basiert auf detail­lier­ten Beob­ach­tun­gen von Abel­l2744-QSO1 (QSO1), einem pro­to­ty­pi­schen Litt­le Red Dot, der nur 700 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall existierte.

Obwohl QSO1 nur einen Durch­mes­ser von 1.300 Licht­jah­ren hat und sein Licht mehr als 13 Mil­li­ar­den Jah­re lang unter­wegs war, lässt es sich leich­ter unter­su­chen als die meis­ten ande­ren „Litt­le Red Dots“, da es durch den Gala­xien­hau­fen Abell 2744 (Pan­do­ra-Hau­fen) gra­vi­ta­tiv ver­zerrt wird. QSO1 wird sowohl ver­grö­ßert als auch drei­fach abge­bil­det und erscheint an drei ver­schie­de­nen Stel­len am Himmel.

Ers­te Unter­su­chun­gen von QSO1 lie­fer­ten über­zeu­gen­de Hin­wei­se dar­auf, dass es sich dabei um kaum mehr als eine Wol­ke aus leuch­ten­dem Was­ser­stoff- und Heli­um­gas han­deln könn­te, die ein super­mas­se­rei­ches Schwar­zes Loch umkreist, des­sen Mas­se auf 40 Mil­lio­nen Son­nen­mas­sen geschätzt wird. Doch wie bei ande­ren frü­hen Schwar­zen Löchern, die von Webb ent­deckt wur­den, herrsch­te Unsi­cher­heit dar­über, ob es tat­säch­lich so mas­se­reich war.

„Bis­lang waren alle Mas­sen­mes­sun­gen von Schwar­zen Löchern im frü­hen Uni­ver­sum indi­rekt und basier­ten auf Annah­men, die auf unse­rem Wis­sen über sie im loka­len Uni­ver­sum beruh­ten. Wir wuss­ten nicht, ob die­se Annah­men wirk­lich auf das fer­ne Uni­ver­sum zutref­fen“, sag­te Mit­au­tor Fran­ces­co D’Eugenio, eben­falls von der Uni­ver­si­tät Cambridge.

Kartierung der Gaszusammensetzung und der Geschwindigkeit

Das Team erkann­te, dass sie, falls das Schwar­ze Loch von QSO1 so mas­se­reich ist, wie es aus­sieht, die Inte­gral-Field-Unit (IFU) am NIR­Spec (Nahin­fra­rot-Spek­tro­graf) von Webb nut­zen könn­ten, um die Aus­wir­kun­gen sei­ner Schwer­kraft auf das um ihn her­um­wir­beln­de Gas nach­zu­ver­fol­gen und gleich­zei­tig die Ver­tei­lung ver­schie­de­ner Ele­men­te im Gas zu kartieren.

Der Cam­bridge-Absol­vent Ignas Juo­dž­ba­lis und Cosi­mo Mar­con­ci­ni von der Uni­ver­si­tät Flo­renz, Haupt­au­to­ren einer der Stu­di­en, nutz­ten die IFU-Beob­ach­tun­gen, um die Bewe­gun­gen des Was­ser­stoff­ga­ses um das Schwar­ze Loch zu kar­tie­ren. Als sie die Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit in Abhän­gig­keit vom Abstand zum Zen­trum dar­stell­ten, stell­ten sie fest, dass das Gas eine Kep­ler-Bewe­gung aus­führt: Es umkreist einen zen­tra­len Punkt, ähn­lich wie die Pla­ne­ten unse­res Son­nen­sys­tems die Son­ne umkreisen.

„Das ist wich­tig, weil es uns zeigt, dass der größ­te Teil der Mas­se von QSO1 im Schwar­zen Loch im Zen­trum kon­zen­triert ist“, sag­te Juo­dž­ba­lis. „Wäre die Mas­se stär­ker ver­teilt, wie es bei einer gro­ßen Anzahl von Ster­nen der Fall wäre, wür­de das Gas die­se per­fek­te Kep­ler-Rota­ti­on nicht aufweisen.“

Dopplerverschiebung QSO1
Rechts ist eine Kar­te zu sehen, die die Geschwin­dig­keit zeigt, mit der sich Gas in ver­schie­de­nen Tei­len von QSO1 auf das Tele­skop zu oder von ihm weg bewegt (Rota­ti­ons­ge­schwin­dig­keit). Die Kar­te wur­de anhand von Daten erstellt, die mit der Inte­gral-Field-Unit (IFU) von NIR­Spec, einer Kom­bi­na­ti­on aus Kame­ra und Spek­tro­graf, gesam­melt wur­den. Die Far­ben ver­schie­ben sich leicht in Rich­tung kür­ze­rer (blaue­rer) Wel­len­län­gen, wenn sich das Mate­ri­al auf uns zu bewegt, und in Rich­tung län­ge­rer (röt­li­che­rer) Wel­len­län­gen, wenn es sich von uns ent­fernt. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, L. Fur­tak (Ben-Guri­on Uni­ver­si­ty), R. Mai­o­li­no (Cam­bridge), F. D’Eu­ge­nio (Cam­bridge), I. Juo­dž­ba­lis (Cam­bridge), H. Übler (MPE), C. Mar­con­ci­ni (Uni­ver­si­ty of Flo­rence). Image pro­ces­sing: A. Pagan

Da die Kep­ler-Bewe­gung den ein­fa­chen Geset­zen der Gra­vi­ta­ti­on folgt, konn­te das Team die Gas­ge­schwin­dig­keits­mes­sun­gen nut­zen, um die Mas­se des Schwar­zen Lochs direkt zu berech­nen – eine Leis­tung, die zuvor nicht mög­lich gewe­sen war. Sie fan­den her­aus, dass das Schwar­ze Loch nicht nur rie­sig ist – etwa 50 Mil­lio­nen Son­nen­mas­sen –, son­dern auch erstaun­li­che zwei Drit­tel der Gesamt­mas­se von QSO1 aus­macht. Die­ser Anteil ist tau­send­fach grö­ßer als in nahen Gala­xien, wo super­mas­se­rei­che Schwar­ze Löcher nur einen win­zi­gen Bruch­teil der Gesamt­mas­se der Wirts­ga­la­xie ausmachen.

Die IFU-Zusam­men­set­zungs­kar­ten bestä­tig­ten die­se Ergeb­nis­se und zeig­ten, dass das Gas in QSO1 fast aus­schließ­lich aus Was­ser­stoff und Heli­um besteht, mit sehr gerin­gen Men­gen an schwe­re­ren Ele­men­ten wie Sau­er­stoff, die in einer Gala­xie mit vie­len Ster­nen und Ster­nen­trüm­mern zu erwar­ten wären. Mit einer Metal­li­zi­tät von weni­ger als 0,5 % der Son­nen­me­tal­li­zi­tät zählt QSO1 zu den unbe­rühr­tes­ten galak­ti­schen Umge­bun­gen, die jemals ver­mes­sen wurden.

„Das ist ein phä­no­me­na­les Ergeb­nis“, sag­te Mai­o­li­no. „Es han­delt sich um die ers­te direk­te Mes­sung der Mas­se eines Schwar­zen Lochs inner­halb der ers­ten Mil­li­ar­de Jah­re nach dem Urknall, und sie stimmt mit frü­he­ren Mes­sun­gen über­ein.“ Das Team sieht dar­in ein gutes Zei­chen dafür, dass die Annah­men, die für indi­rek­te Mas­sen­mes­sun­gen her­an­ge­zo­gen wur­den, zutref­fend sind und die Mas­sen ande­rer Schwar­zer Löcher im frü­hen Uni­ver­sum nicht über­schätzt wurden.

Ursprünge supermassereicher Schwarzer Löcher

Die im Ver­hält­nis zu sei­ner Wirts­ga­la­xie über­di­men­sio­na­le Mas­se von QSO1 legt nahe, dass es sich nicht schritt­wei­se aus viel klei­ne­ren, stel­la­ren Schwar­zen Löchern gebil­det haben kann, die ver­schmol­zen und sich wei­ter ver­grö­ßert haben. „Es scheint, als hät­ten wir ein Schwar­zes Loch gefun­den, das kei­ne nen­nens­wer­te Wirts­ga­la­xie hat und das älter ist als stel­la­re Pro­zes­se“, sag­te Juo­dž­ba­lis. „Das ist sehr span­nend, denn es ist ein Hin­weis auf pri­mor­dia­le Schwar­ze Löcher oder durch direk­ten Kol­laps ent­stan­de­ne Schwar­ze Löcher, die zwar theo­re­tisch vor­her­ge­sagt, aber noch nicht bestä­tigt wurden.“

Ob das Schwar­ze Loch von QSO1 aus einem „schwe­ren Keim“ ent­stand, der sich inner­halb der ers­ten Sekun­de des Urknalls bil­de­te, oder etwas spä­ter aus dem Kol­laps einer rie­si­gen Gas­wol­ke, es war mit ziem­li­cher Sicher­heit groß und befin­det sich mög­li­cher­wei­se in einem frü­hen Sta­di­um des Auf­baus einer Gala­xie um sich herum.

Das Team geht davon aus, dass „Litt­le Red Dots“ wie QSO1 im frü­hen Uni­ver­sum nicht sel­ten gewe­sen sein kön­nen, und ana­ly­siert der­zeit ähn­li­che Objek­te, um her­aus­zu­fin­den, ob super­mas­si­ve Schwar­ze Löcher tat­säch­lich älter sind als die Gala­xien, in denen sie sich der­zeit befinden.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ver­wen­dung der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Aria­ne-5-Anpas­sun­gen für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung der Start­dienst­leis­tung durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec und 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wor­fen und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, L. Fur­tak (Ben-Guri­on-Uni­ver­si­tät), R. Mai­o­li­no (Cam­bridge), F. D’Eu­ge­nio (Cam­bridge), I. Juo­dž­ba­lis (Cam­bridge), H. Übler (MPE), C. Mar­con­ci­ni (Uni­ver­si­tät Flo­renz). Bild­be­ar­bei­tung: A. Pagan

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2609

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert