Hubble liefert neue Hinweise zur Reionisierung des Universums

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Astro­no­men haben mit­hil­fe des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops der NASA/ESA etwas ent­deckt, womit sie nie gerech­net hät­ten: ultra­vio­let­tes Licht aus einer Gala­xie, die bereits 1,4 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall exis­tier­te. Die­se Gala­xie ent­hält dicht bei­ein­an­der­lie­gen­de jun­ge Ster­ne, die ioni­sie­ren­des Licht erzeu­gen, das das undurch­sich­ti­ge, neu­tra­le Gas inner­halb und unmit­tel­bar um die Gala­xie her­um umwan­delt und so den Blick frei­gibt. Dies deu­tet dar­auf hin, dass ähn­li­che Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum dafür ver­ant­wort­lich waren, den neu­tra­len Nebel aus Was­ser­stoff­gas zu lich­ten, der einst den Kos­mos erfüllte.

Position MXDFz4.4
Das Bild zeigt die Gala­xie MXDFz4.4, rechts ver­grö­ßert, im Hub­ble Ultra Deep Field (HUDF), auf­ge­nom­men sowohl mit der Advan­ced Came­ra for Sur­veys (ACS) des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops als auch mit der NIR­Cam (Nahin­fra­rot­ka­me­ra) des James-Webb-Welt­raum­te­le­skops. Cre­dit: NASA, ESA, STScI, I. Goo­vaerts, M. Rafel­ski, A. Koe­ke­moer (STScI). Image Pro­ces­sing: A. Pagan (STScI)

Die unter der Bezeich­nung MXDFz4.4 kata­lo­gi­sier­te Gala­xie exis­tier­te am Ende der Ära der Reio­ni­sa­ti­on, einer Zeit des Umbruchs in unse­rem Uni­ver­sum. Wäh­rend der ers­ten rund eine Mil­li­ar­de Jah­re des Kos­mos war das Gas zwi­schen Ster­nen und Gala­xien für ener­gie­rei­ches ultra­vio­let­tes Licht undurch­sich­tig. Im Lau­fe der Zeit wur­de das Gas über­all trans­pa­rent oder ioni­siert. Die­ser Über­gang voll­zog sich nicht abrupt, son­dern dau­er­te ver­mut­lich Hun­der­te von Mil­lio­nen Jah­ren. For­scher sam­meln wei­ter­hin Bewei­se, um die­sen Pro­zess voll­stän­dig zu ver­ste­hen. Des­halb stellt MXDFz4.4 einen wich­ti­gen Prä­ze­denz­fall dar.

Ein Arti­kel, der die­se Ent­de­ckung beschreibt, wur­de am 23. Juni 2026 im Astro­phy­si­cal Jour­nal ver­öf­fent­licht.

„Die Beob­ach­tung einer sol­chen Gala­xie galt lan­ge als unmög­lich“, sag­te Haupt­au­tor Ili­as Goo­vaerts, Post­dok­to­rand am Space Telescope Sci­ence Insti­tu­te (STScI) in Bal­ti­more. „For­scher gin­gen davon aus, dass der ‚Nebel‘ aus neu­tra­lem Was­ser­stoff, der das frü­he Uni­ver­sum erfüll­te, zu dicht sei und unse­re Sicht auf ihr ioni­sie­ren­des Licht ver­de­cken wür­de. Hub­ble hat die­ses Licht nicht nur ent­deckt, son­dern auch unglaub­li­che Details über die Eigen­schaf­ten der Gala­xie enthüllt.“

Große „Flucht“ des Lichts

Jun­ge, mas­se­rei­che Ster­ne strah­len ultra­vio­let­tes Licht aus, das Was­ser­stoff­ato­me ioni­sie­ren kann. Wäh­rend die­ses Licht über 12 Mil­li­ar­den Jah­re lang unter­wegs war, um das Hub­ble-Tele­skop zu errei­chen, dehn­te sich der Welt­raum aus, und das Licht wur­de gestreckt bzw. rot­ver­scho­ben [1] in sicht­ba­res Licht. Der Wel­len­län­gen­be­reich des Hub­ble-Tele­skops, kom­bi­niert mit der Emp­find­lich­keit und Auf­lö­sung sei­nes stand­orts im Welt­raum, macht es zum ein­zi­gen Tele­skop, das die­ses ultra­vio­let­te Licht aus dem frü­hen Uni­ver­sum erfas­sen kann.

„Astro­no­men haben vie­le Gala­xien ent­deckt, die zu die­sem Zeit­punkt in der Geschich­te des Uni­ver­sums exis­tier­ten, aber wir haben von kei­ner von ihnen ioni­sie­ren­de Pho­to­nen [2] nach­ge­wie­sen, was MXDFz4.4 zu einem Uni­kat macht“, sag­te Marc Rafel­ski, Mit­au­tor und stell­ver­tre­ten­der Hub­ble-Mis­si­ons­lei­ter am STScI.

Die Lang­zeit­be­lich­tun­gen des Hub­ble-Tele­skops, die aus meh­re­ren bestehen­den Durch­mus­te­run­gen stam­men, zeig­ten, dass die jun­gen, mas­se­rei­chen Ster­ne der Gala­xie die Quel­le des ultra­vio­let­ten Lichts sind, das den umge­ben­den Raum auf­hell­te. Die­se Ster­ne ent­stan­den in den letz­ten Mil­lio­nen Jah­ren der Exis­tenz von MXDFz4.4 in Schü­ben und sind dicht bei­ein­an­der ange­ord­net. Die­ser Ver­dich­tungs­ef­fekt wird noch ver­stärkt, da MXDFz4.4 etwa 100-mal klei­ner ist als unse­re Milch­stra­ße, aber zehn­mal schnel­ler Ster­ne bildet.

„Vie­le jun­ge, hei­ße, mas­se­rei­che Ster­ne auf klei­nem Raum kön­nen undurch­sich­ti­ges Gas bes­ser durch­drin­gen“, sag­te Goo­vaerts. Die For­scher schät­zen, dass 50 bis 100 % des ener­gie­rei­chen, ioni­sie­ren­den Lichts der jun­gen Ster­ne aus dem umge­ben­den Gas entweicht.

Die Lebens­dau­er mas­se­rei­cher Ster­ne spielt eben­falls eine Rol­le, da sie nur weni­ge Mil­lio­nen Jah­re exis­tie­ren. Vie­le explo­die­ren als Super­no­vae, set­zen dabei gigan­ti­sche Ener­gie­men­gen frei und rei­ßen rie­si­ge Löcher, durch die noch mehr Licht ent­wei­chen kann.

Zusammenarbeit mit anderen Observatorien

Hub­ble hät­te dies nicht allein leis­ten kön­nen. Die­se Schluss­fol­ge­run­gen wer­den durch Daten gestützt, die vom James-Webb-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA/CSA im nahen Infra­rot­be­reich und vom MUSE eXtre­me­ly Deep Field (MXDF), dem Namens­ge­ber der Gala­xie, auf­ge­nom­men wur­den und vom Very Lar­ge Telescope (VLT) der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te im sicht­ba­ren Licht erfasst wur­den. Das Team nutz­te Webbs Daten, um die Mas­se der Gala­xie zu bestim­men, ihre älte­ren Ster­ne zu ana­ly­sie­ren und ihre Stern­ent­ste­hungs­ge­schich­te zu rekon­stru­ie­ren. Die älte­ren Ster­ne der Gala­xie sind mas­se­är­mer und küh­ler und daher nicht für die Ver­än­de­rung des umge­ben­den Gases verantwortlich.

Ein Ver­gleich der Daten von Hub­ble und Webb zeig­te zudem, dass die jüngs­te Stern­ent­ste­hung in Schü­ben statt­fand. Daten des VLT bestimm­ten außer­dem genau, wann MXDFz4.4 exis­tier­te: 1,4 Mil­li­ar­den Jah­re nach dem Urknall. Vor die­ser Ent­de­ckung hat­ten For­scher ledig­lich eine Gala­xie iden­ti­fi­ziert, die ioni­sier­tes Licht aus einer Zeit aus­sand­te, als das Uni­ver­sum 1,6 Mil­li­ar­den Jah­re alt war. Es wur­den nur weni­ge wei­te­re Bei­spie­le iden­ti­fi­ziert, die exis­tier­ten, als das Uni­ver­sum etwa 2 Mil­li­ar­den Jah­re alt war. MXDFz4.4 bringt die For­scher näher an fun­dier­te Schluss­fol­ge­run­gen dar­über, wie sich die Ära der Reio­ni­sa­ti­on vollzog.

„Die­se Erkennt­nis­se über MXDFz4.4 wur­den durch die leis­tungs­star­ke Kom­bi­na­ti­on von Hub­ble, Webb und dem VLT ermög­licht“, sag­te Koau­tor Alex­an­der Beckett, Post­dok­to­rand am Labo­ra­toire d’As­tro­phy­si­que de Mar­seil­le. „Selbst dann konn­ten wir die Eigen­schaf­ten die­ser bemer­kens­wer­ten Gala­xie nur mit­hil­fe moderns­ter Ana­ly­se­soft­ware mes­sen, die haupt­säch­lich in Mar­seil­le ent­wi­ckelt wurde.“

Unser Wissen erweitern

Die Erfor­schung der Ära der Reio­ni­sie­rung ist ein jahr­zehn­te­lan­ges Unter­fan­gen. For­scher nut­zen Sta­tis­ti­ken über Stern­po­pu­la­tio­nen in nahen Gala­xien, die wir sehr detail­liert beob­ach­ten kön­nen, um fun­dier­te Annah­men dar­über zu tref­fen, was in Gala­xien im frü­hen Uni­ver­sum vor sich gehen könn­te, unter ande­rem, weil deren Stern­po­pu­la­tio­nen zu weit ent­fernt sind, um sie im Detail aufzulösen.

Im Jahr 2023 zeig­ten For­scher mit­hil­fe des Webb-Tele­skops, dass die Ster­ne von Gala­xien 900 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall genug Licht aus­strahl­ten, um das Gas um sie her­um zu erwär­men und zu ioni­sie­ren. Dies war ein Durch­bruch, doch Astro­no­men benö­ti­gen Gala­xien wie MXDFz4.4, um den Ablauf die­ses Pro­zes­ses voll­stän­dig zu erklä­ren, da sie zei­gen, wie das hoch­en­er­ge­ti­sche Licht jun­ger Ster­ne es schaff­te, dem Gas und Staub inner­halb der Gala­xie selbst zu entweichen.

Es ist mög­lich, dass noch ande­re Gala­xien wie MXDFz4.4 dar­auf war­ten, ent­deckt zu werden.

„Die Hub­ble-Beob­ach­tun­gen von MXDFz4.4 ermög­li­chen es uns, unse­re Hypo­the­sen viel näher am Zeit­al­ter der Reio­ni­sa­ti­on zu über­prü­fen als je zuvor“, sag­te Rafel­ski. „Die Ent­de­ckung wei­te­rer Gala­xien, ins­be­son­de­re aus etwas spä­te­ren kos­mi­schen Zeit­räu­men, in denen grö­ße­re Stich­pro­ben in Reich­wei­te lie­gen, wür­de es uns ermög­li­chen, die­se Mes­sun­gen zu ver­fei­nern und her­aus­zu­fin­den, was unse­ren Blick frei­mach­te, als die­ses Zeit­al­ter zu Ende ging.“

Anmerkungen

[1] Wenn Licht aus gro­ßer Ent­fer­nung zu den Spie­geln des Hub­ble-Tele­skops gelangt, wird es auf­grund der Expan­si­on des Uni­ver­sums immer wei­ter in den roten Bereich ver­scho­ben – eine soge­nann­te kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung. Astro­no­men kön­nen bekann­te Merk­ma­le im Spek­trum eines Objekts unter­su­chen, um fest­zu­stel­len, ob sie von ihrer nor­ma­len Posi­ti­on im Spek­trum ver­scho­ben sind. Die Dif­fe­renz zwi­schen ihrer nor­ma­len und ihrer neu­en Posi­ti­on wird als kos­mo­lo­gi­sche Rot­ver­schie­bung bezeich­net. Da Raum und Zeit mit­ein­an­der ver­bun­den sind, lie­gen ent­fern­te Objek­te mit zuneh­men­der Rot­ver­schie­bung zeit­lich wei­ter zurück, da ihr Licht so lan­ge benö­tigt, um uns zu errei­chen. Neben der Mes­sung der Expan­si­on des Uni­ver­sums kann Hub­ble mit sei­nen Detek­to­ren auch Licht von frü­hen Gala­xien vor Mil­li­ar­den von Jah­ren empfangen.

[2] Ein Pho­ton ist ein Ele­men­tar­teil­chen, das die kleins­te Licht­men­ge (ein Quant) dar­stellt und Trä­ger (Eich­bo­son) der elek­tro­ma­gne­ti­schen Kraft ist. Pho­to­nen haben kei­ne Ruhe­mas­se, kei­ne elek­tri­sche Ladung, bewe­gen sich im Vaku­um stets mit Licht­ge­schwin­dig­keit und besit­zen eine Ener­gie, die dem Pro­dukt aus ihrer Strah­lungs­fre­quenz und dem Planck­schen Wir­kungs­quan­tum entspricht.

Hintergrundinformationen

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen ESA und NASA.

Bild­nach­weis: NASA, ESA, STScI, I. Goo­vaerts, M. Rafel­ski, A. Koe­ke­moer (STScI). Bild­ver­ar­bei­tung: A. Pagan (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2608

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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