Der Zerfall eines Kometen

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Der Komet C/2025 K1 (ATLAS), hat­te gera­de sei­nen son­nen­nächs­ten Punkt erreicht und befand sich auf dem Weg aus dem Son­nen­sys­tem. Obwohl er nur weni­ge Tage zuvor noch intakt gewe­sen war, zer­brach K1 in min­des­tens vier Tei­le, wäh­rend das NASA/E­SA-Welt­raum­te­le­skop Hub­ble ihn beob­ach­te­te. Die Wahr­schein­lich­keit dafür, dass dies wäh­rend der Beob­ach­tung durch Hub­ble geschah, ist extrem gering.

Der Komet K1, des­sen voll­stän­di­ger Name „Komet C/2025 K1 (ATLAS)“ lau­tet – nicht zu ver­wech­seln mit dem inter­stel­la­ren Kome­ten 3I/ATLAS –, war ursprüng­lich nicht das Ziel einer aktu­el­len Hub­ble-Stu­die. Die Ergeb­nis­se wur­den heu­te in der Fach­zeit­schrift „Ica­rus“ veröffentlicht.

C/2025 K1 (ATLAS)
Die­se Bild­se­rie des zer­fal­len­den Kome­ten C/2025 K1 (ATLAS), wur­de vom Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop an drei auf­ein­an­der­fol­gen­den Tagen auf­ge­nom­men: dem 8., 9. und 10. Novem­ber 2025. – Cre­dit:
NASA, ESA, D. Bode­wits (Aub­urn). Image pro­ces­sing: J. DePas­qua­le (STScI)

„Manch­mal ent­ste­hen die bes­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se durch Zufall“, sag­te Mit­for­scher John Noo­nan, For­schungs­pro­fes­sor am Fach­be­reich Phy­sik der Aub­urn Uni­ver­si­ty in Ala­ba­ma, USA. „Die­ser Komet wur­de beob­ach­tet, weil unser ursprüng­li­cher Komet auf­grund neu­er tech­ni­scher Ein­schrän­kun­gen nach der Bewil­li­gung unse­res Antrags nicht mehr sicht­bar war. Wir muss­ten ein neu­es Ziel fin­den – und genau in dem Moment, als wir ihn beob­ach­te­ten, zer­brach er, was eine äußerst unwahr­schein­li­ches Ereig­nis ist.“

Noo­nan wuss­te nichts von der Frag­men­tie­rung von K1, bis er die Bil­der einen Tag nach der Hub­ble-Auf­nah­me betrach­te­te. „Beim ers­ten Blick auf die Daten sah ich, dass vier Kome­ten auf den Bil­dern zu sehen waren, obwohl wir nur einen beob­ach­ten woll­ten“, sag­te Noo­nan. „Da wuss­ten wir, dass dies etwas ganz Beson­de­res war.“

Dies ist ein Expe­ri­ment, das die For­scher schon immer mit Hub­ble durch­füh­ren woll­ten. Sie hat­ten zahl­rei­che Hub­ble-Beob­ach­tun­gen vor­ge­schla­gen, um den Zer­fall eines Kome­ten zu doku­men­tie­ren. Lei­der sind die­se sehr schwer zu pla­nen und blie­ben bis­her erfolglos.

„Die Iro­nie ist, dass wir gera­de einen ganz nor­ma­len Kome­ten unter­su­chen, der vor unse­ren Augen zer­fällt“, sag­te Pro­jekt­lei­ter Den­nis Bode­wits, Pro­fes­sor am Fach­be­reich Phy­sik der Aub­urn Uni­ver­si­ty. „Kome­ten sind Über­bleib­sel aus der Ent­ste­hungs­zeit des Son­nen­sys­tems und bestehen daher aus ‚altem Mate­ri­al‘ – den Urma­te­ria­li­en, aus denen unser Son­nen­sys­tem ent­stan­den ist“, erklär­te Bode­wits. „Aber sie sind nicht unbe­rührt – sie wur­den erhitzt und von der Son­ne sowie von kos­mi­scher Strah­lung bestrahlt. Wenn wir also die Zusam­men­set­zung eines Kome­ten unter­su­chen, stel­len wir uns immer die Fra­ge: ‚Ist das eine ursprüng­li­che Eigen­schaft oder das Ergeb­nis evo­lu­tio­nä­rer Pro­zes­se?‘ Indem man einen Kome­ten auf­bricht, kann man das uralte, unver­ar­bei­te­te Mate­ri­al sehen.“

Das Hub­ble-Tele­skop beob­ach­te­te, wie K1 in min­des­tens vier Tei­le zer­brach, von denen jeder eine deut­li­che Koma auf­wies – die dif­fu­se Hül­le aus Gas und Staub, die den eisi­gen Kern eines Kome­ten umgibt. Hub­ble konn­te die Frag­men­te klar auf­lö­sen, doch für boden­ge­bun­de­ne Tele­sko­pe erschie­nen sie damals nur als kaum erkenn­ba­re Flecken.

Die Bil­der von Hub­ble wur­den nur einen Monat nach K1 größ­ter Annä­he­rung an die Son­ne, dem soge­nann­ten Peri­hel, auf­ge­nom­men. Das Peri­hel des Kome­ten lag inner­halb der Umlauf­bahn des Mer­kur, etwa ein Drit­tel der Ent­fer­nung der Erde von der Son­ne. Wäh­rend des Peri­hels erfährt ein Komet sei­ne inten­sivs­te Erwär­mung und maxi­ma­le Belas­tung. Kurz nach dem Peri­hel nei­gen eini­ge lang­pe­ri­odi­sche Kome­ten wie K1 dazu, auseinanderzufallen.

C/2025 K1 (ATLAS) - Bahn
Die­ses Dia­gramm zeigt die Bahn des lang­pe­ri­odi­schen Kome­ten C/2025 K1 (ATLAS), als er an der Son­ne vor­bei­zog und sei­ne Rei­se aus dem Son­nen­sys­tem begann. Am 10. Novem­ber 2025 nahm das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop das ein­ge­füg­te Bild des zer­fal­len­den Kome­ten auf. Die­se Auf­nah­me ent­stand nur einen Monat nach K1s größ­ter Son­nen­nä­he, dem soge­nann­ten Peri­hel. – Cre­dit:
NASA, ESA, R. Craw­ford (STScI)

Vor dem Zer­fall war K1 wahr­schein­lich etwas grö­ßer als ein durch­schnitt­li­cher Komet, ver­mut­lich etwa 8 Kilo­me­ter im Durch­mes­ser. Das Team schätzt, dass der Komet acht Tage vor der Hub­ble-Beob­ach­tung zu zer­fal­len begann. Hub­ble nahm täg­lich vom 8. bis zum 10. Novem­ber 2025 drei 20-Sekun­den-Bil­der auf. Wäh­rend der Beob­ach­tung zer­brach auch eines der klei­ne­ren Frag­men­te von K1.

Da Hub­bles schar­fe Sicht selbst feins­te Details erken­nen kann, konn­te das Team die Geschich­te der Frag­men­te bis zu ihrer Ent­ste­hungs­zeit als Gan­zes zurück­ver­fol­gen. Dies ermög­lich­te es ihnen, den zeit­li­chen Ablauf zu rekon­stru­ie­ren. Dabei stie­ßen sie jedoch auf ein Rät­sel: War­um gab es eine Ver­zö­ge­rung zwi­schen dem Aus­ein­an­der­bre­chen des Kome­ten und dem Auf­tre­ten der hel­len Aus­brü­che vom Boden aus? War­um wur­de der Komet nicht fast augen­blick­lich hel­ler, als er zer­brach und fri­sches Eis freilegte?

Das Team hat eini­ge Theo­rien. Die Hel­lig­keit eines Kome­ten ent­steht größ­ten­teils durch Son­nen­licht, das von Staub­kör­nern reflek­tiert wird. Doch wenn ein Komet auf­bricht, kommt rei­nes Eis zum Vor­schein. Mög­li­cher­wei­se muss sich zunächst eine Schicht aus tro­cke­nem Staub über dem rei­nen Eis bil­den und dann abge­tra­gen wer­den. Oder viel­leicht muss Hit­ze unter die Ober­flä­che gelan­gen, Druck auf­bau­en und dann eine sich aus­deh­nen­de Staub­hül­le ausstoßen.

„Noch nie zuvor hat Hub­ble einen zer­fal­len­den Kome­ten so kurz nach sei­nem Aus­ein­an­der­bre­chen beob­ach­tet. Nor­ma­ler­wei­se dau­ert es eini­ge Wochen bis einen Monat. In die­sem Fall konn­ten wir ihn nur weni­ge Tage spä­ter sehen“, sag­te Noo­nan. „Das ver­rät uns etwas sehr Wich­ti­ges über die phy­si­ka­li­schen Vor­gän­ge an der Kome­ten­ober­flä­che. Wir beob­ach­ten mög­li­cher­wei­se den Zeit­raum, der benö­tigt wird, um eine beträcht­li­che Staub­schicht zu bil­den, die dann vom Gas aus­ge­sto­ßen wer­den kann.“

Das Team freut sich dar­auf, die Ana­ly­se der vom Kome­ten frei­ge­setz­ten Gase abzu­schlie­ßen. Boden­ba­sier­te Ana­ly­sen zei­gen bereits, dass K1 eine sehr unge­wöhn­li­che che­mi­sche Zusam­men­set­zung auf­weist – er ist im Ver­gleich zu ande­ren Kome­ten deut­lich koh­len­stoff­är­mer. Spek­tro­sko­pi­sche Ana­ly­sen mit den Instru­men­ten STIS (Space Telescope Ima­ging Spec­tro­graph) und COS (Cos­mic Ori­g­ins Spec­tro­graph) des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops wer­den vor­aus­sicht­lich noch viel mehr über die Zusam­men­set­zung von K1 und die Ent­ste­hung unse­res Son­nen­sys­tems enthüllen.

Der Komet K1 ist heu­te eine Ansamm­lung von Frag­men­ten und befin­det sich etwa 400 Mil­lio­nen Kilo­me­ter von der Erde ent­fernt. Er befin­det sich im Stern­bild Fische und ver­lässt das Son­nen­sys­tem – eine Rück­kehr ist unwahr­schein­lich. Astro­no­men beob­ach­ten, dass lang­pe­ri­odi­sche Kome­ten wie K1 eher zer­fal­len als kurz­pe­ri­odi­sche, wie bei­spiels­wei­se 67P/Chu­ry­u­mov-Gera­si­men­ko, der von der ESA-Mis­si­on Roset­ta besucht wur­de. Der Grund dafür ist jedoch noch unbe­kannt. Die ESA-Mis­si­on Comet Inter­cep­tor, deren Start gegen Ende des Jahr­zehnts geplant ist, wird als ers­te einen lang­pe­ri­odi­schen Kome­ten unter­su­chen. „Die zufäl­li­ge Beob­ach­tung von K1 durch das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop wird uns hel­fen zu ver­ste­hen, war­um sich man­che lang­pe­ri­odi­sche Kome­ten auf­spal­ten, und uns einen ers­ten Ein­blick in ihr Inne­res ermög­li­chen“, sag­te Koau­tor Prof. Colin Snod­grass von der Uni­ver­si­tät Edin­burgh in Schott­land, inter­dis­zi­pli­nä­rer Wis­sen­schaft­ler der Comet-Inter­cep­tor-Mis­si­on. „Die­se neu­en Ergeb­nis­se ergän­zen die detail­lier­ten Auf­nah­men eines lang­pe­ri­odi­schen Kome­ten, die wir mit Comet Inter­cep­tor erhal­ten wer­den, und hel­fen Astro­no­men bei der Aus­wahl des Missionsziels.“

Hintergrundinformationen

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen ESA und NASA.

Bild­nach­weis: NASA, ESA, D. Bode­wits (Aub­urn). Bild­be­ar­bei­tung: J. DePas­qua­le (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2606

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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