Objekte des Monats: Die Spiralgalaxie NGC 2775

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Die Gala­xie NGC 2775, im nörd­li­chen Stern­bild Krebs (Can­cer), wur­de am 19. Dezem­ber 1783 von dem deutsch-bri­ti­schen Astro­no­men Fried­rich Wil­helm Her­schel mit sei­nem 18,7 Zoll gro­ßen Spie­gel­te­le­skop ent­deckt. Er beschrieb sie als „beträcht­lich hell und groß, mit einem run­den Kern, der in der Mit­te sehr all­mäh­lich hel­ler wird“. Sein Sohn John Her­schel nahm sie unter der Num­mer 1771 in sei­nen „Gene­ral Cata­lo­gue of Nebu­lae and Clus­ters” auf. In Sir Patrick Cald­well-Moo­res Kata­log ist sie außer­dem als Cald­well 48 gelis­tet. Bevor die Inter­na­tio­na­le Astro­no­mi­sche Uni­on im Jahr 1930 die Gren­zen der Stern­bil­der neu defi­nier­te, gehör­te NGC 2775 zum Stern­bild der Wasserschlange.

Ein ungewöhnliche Spiralgalaxie

Das Stern­bild Krebs ist vor allem für sei­ne bei­den offe­nen Stern­hau­fen Mes­sier 44 und Mes­sier 67 bekannt. Als dritt­hells­tes Deep-Sky-Objekt in die­sem Stern­bild gilt die Spi­ral­ga­la­xie NGC 2775. Sie ist vom Hub­ble-Typ Sab und besitzt eine schein­ba­re Hel­lig­keit von 10,4 mag. Mit einer Aus­deh­nung von 4,3 x 3,3 Bogen­mi­nu­ten am Him­mel, ist sie schon in mitt­le­ren Tele­sko­pen auf­find­bar. In gewis­ser Wei­se ähnelt sie einer ein­fa­che­ren Ver­si­on der Son­nen­blu­men­ga­la­xie Mes­sier 63 im Stern­bild der Jagd­hun­de. In der astro­no­mi­schen Lite­ra­tur wird sie als „floc­cu­lent spi­ral gala­xy“ (flo­cki­ge Spi­ral­ga­la­xie) klassifiziert.

NGC 2775
NGC 2775 im Stern­bild Krebs – Cre­dit: Copy­right Adam Block/Mount Lem­mon SkyCenter/University of Ari­zo­na, CC BY-SA 3.0 US, via Wiki­me­dia Commons

NGC 2775 befin­det sich 67 Mil­lio­nen Licht­jah­re von der Erde ent­fernt und ent­hält schät­zungs­wei­se 150 Mil­li­ar­den Ster­ne, von denen sich etwa 40 % in der Schei­be und der Rest im zen­tra­len Bul­ge befin­den. Ihr wah­rer Durch­mes­ser wird mit rund 79.000 Licht­jah­ren ange­ge­ben. Damit besitzt sie etwa drei Vier­tel der Aus­deh­nung unse­rer eige­nen Gala­xis. Das Spek­trum der Gala­xie wird vom Licht alter, küh­ler Ster­ne domi­niert. Auf Fotos erscheint die Gala­xie recht unge­wöhn­lich, mit einem eher struk­tur­lo­sen, glat­ten Kern und einer auf­fal­len­den ring­för­mi­gen Struk­tur mit zahl­rei­chen eng anlie­gen­den Spi­ral­ar­men, die weit außer­halb des Zen­trums beginnen.

Der Kern­wulst (Bul­ge) ist fast voll­stän­dig gas­frei, was auf eine hohe Super­no­va-Rate hin­deu­ten könn­te. Die um 44° zur Sicht­li­nie geneig­te Schei­be erscheint eher glatt und ähnelt einer lin­sen­för­mi­gen Gala­xie. Die unglaub­lich kom­plex erschei­nen­den Spi­ral­ar­me ent­hal­ten nur sehr weni­ge Stern­ent­ste­hungs­ge­bie­te und sehen auf astro­no­mi­schen Auf­nah­men eng gewun­den, geflockt und stark seg­men­tiert aus. Ver­mut­lich fin­det im von dunk­len Staub­bah­nen durch­zo­ge­nen Außen­be­reich kaum noch Stern­ent­ste­hung statt, obwohl sich dort unzäh­li­ge jun­ge, mas­se­rei­che blaue Ster­ne in Stern­hau­fen kon­zen­trie­ren. Im Spek­trum der Gala­xie feh­len Emis­si­ons­li­ni­en. Nor­ma­ler­wei­se wer­den die­se durch Stern­ent­ste­hungs­ge­bie­te in und um die Spi­ral­ar­me her­um ver­ur­sacht. Die spi­ral­för­mi­ge Natur „flo­cki­ger” Spi­ral­ga­la­xien steht im Gegen­satz zu Grand-Design-Spi­ra­len, die mar­kan­te, klar defi­nier­te Spi­ral­ar­me auf­wei­sen. Der galak­ti­sche Kern von NGC 2775 ist frei von jeg­li­cher Stern­ent­ste­hung und beher­bergt ein super­mas­se­rei­ches Schwar­zes Loch mit 79 Mil­lio­nen Sonnenmassen.

Spiralförmig oder elliptisch?

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop hat im Jahr 2025 ein neu­es Bild der Gala­xie NGC 2775 auf­ge­nom­men. Dem­nach ist sie eine Gala­xie, die sich nicht ein­deu­tig als ellip­tisch oder spi­ral­för­mig ein­ord­nen lässt, son­dern hybri­de Eigen­schaf­ten besitzt. Ihr glat­ter, gas­ar­mer Zen­tral­be­reich ähnelt einer ellip­ti­schen Gala­xie, wäh­rend ihr staub­rei­cher äuße­rer Ring eher an eine Spi­ral­ga­la­xie erin­nert. Dies deu­tet dar­auf hin, dass es sich um eine lin­sen­för­mi­ge Über­gangs­form han­deln könn­te. Außer­dem wur­de ein rund 100.000 Licht­jah­re lan­ger Schweif aus Was­ser­stoff ent­deckt. Die­ser lässt auf frü­he­re Wech­sel­wir­kun­gen und Ver­schmel­zungs­pro­zes­se mit ande­ren Gala­xien schließen.

NGC 2775 (HST)
NGC 2775 in einer Auf­nah­me des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops (2025) – Cre­dit: ESA/Hubble, CC BY 4.0, via Wiki­me­dia Commons

Sol­che Wech­sel­wir­kun­gen lösen oft inten­si­ve Stern­ent­ste­hungs­pha­sen (Star­burst) in den umge­ben­den Rin­gen aus, wäh­rend der Kern rela­tiv inak­tiv bleibt. Es scheint, als habe eine Satel­li­ten­ga­la­xie NGC 2775 mehr­fach umkreist, dabei Mas­se ver­lo­ren und schwa­che, scha­len­ar­ti­ge Struk­tu­ren gebil­det. Auch die nahe­ge­le­ge­ne irre­gu­lä­re Gala­xie NGC 2777 weist einen Gezei­ten­schweif aus ato­ma­rem Was­ser­stoff­gas auf, der in Rich­tung NGC 2775 zeigt. Dies deu­tet dar­auf hin, dass die bei­den Gala­xien phy­sisch mit­ein­an­der ver­bun­den sein könn­ten. Das Pro­fil von NGC 2775 bei der Wel­len­län­ge von neu­tra­lem Was­ser­stoff ist aller­dings regel­mä­ßig. Es gibt daher kei­ner­lei Anzei­chen für eine Wech­sel­wir­kung mit NGC 2777.

Zusam­men mit den Gala­xien NGC 2777, UGC 4781 und UGC 4797 bil­det die Gala­xie eine klei­ne Gala­xien­grup­pe, die als NGC-2775-Grup­pe (LGG 169) bezeich­net wird. Die­se Grup­pe ähnelt unse­rer eige­nen Loka­len Grup­pe im Ver­band des 106 Mit­glie­der umfas­sen­den Ant­lia-Hydra-Gala­xien­hau­fens, der wie­der­um Teil des Vir­go-Super­hau­fens ist. Die 13,1 mag hel­le Gala­xie NGC 2777 steht nur 12 Bogen­mi­nu­ten nord­west­lich von NGC 2775. Öst­lich davon befin­det sich die 13,6 mag hel­le Gala­xie NGC 2773. Im Gegen­satz zu NGC 2777 befin­det sich NGC 2773 vier­mal so weit ent­fernt im Hin­ter­grund. Am 23. Sep­tem­ber 1993 wur­de die Super­no­va SN 1993Z in NGC 2775 beob­ach­tet. Sie befand sich nur 15 Bogen­se­kun­den west­lich und 42 Bogen­se­kun­den süd­lich des Kerns. Die­se Super­no­va vom Typ Ia erreich­te eine Hel­lig­keit von 13,9 mag und wur­de zwei Wochen nach ihrem Maxi­mum detek­tiert. Eini­ge Quel­len deu­ten dar­auf hin, dass NGC 2775 in den letz­ten 30 Jah­ren fünf Super­no­vae beher­bergt hat.

Beobachtung

Unter einem dunk­len Land­him­mel kann man NGC 2775 gera­de noch in einem 10×50 Feld­ste­cher auf­fin­den. In Tele­sko­pen mit 3 bis 4‑Zoll Öff­nung und 23-facher Ver­grö­ße­rung erscheint sie ledig­lich als dif­fu­ser, ova­ler Licht­fleck, mit einem fast stern­ar­ti­gen Kern. Mit Tele­sko­pen von 6 bis 8‑Zoll Öff­nung und 120-facher Ver­grö­ße­rung erscheint die Gala­xie etwas hel­ler mit einer run­den, kon­zen­trier­ten Schei­be. Zur Mit­te hin wird die­se deut­lich hel­ler und besitzt einen deut­lich hel­le­ren Kern. Die äuße­re Schei­be ist ver­schwom­men und unscharf begrenzt und geht all­mäh­lich in den Hin­ter­grund über. Der nord­öst­li­che Bereich der Gala­xien­schei­be erscheint auch etwas hel­ler als der süd­west­li­che. Mit Indi­rek­tem Sehen las­sen sich dün­ne, sehr schma­le Hel­lig­keits­kon­zen­tra­tio­nen um das hel­le Kern­ge­biet nach­wei­sen, ins­be­son­de­re im süd­li­chen Teil der Schei­be. Tele­sko­pe mit einer Öff­nung zwi­schen 10 und 12-Zoll und dar­über hin­aus zei­gen eine gro­ße, ova­le Gala­xie mit einem aus­ge­dehn­te­ren Zen­tral­be­reich und einer aus­ge­dehn­ten Koma. Beson­ders auf­fäl­lig ist der hel­le Kern. In der Gala­xien­schei­be sind auch eini­ge fei­ne Fle­cken erkenn­bar, die die Spi­ral­ar­me andeu­ten. Tat­säch­lich stört die gro­ße Hel­lig­keit des Kerns ihre Beob­ach­tung jedoch sehr.

Aufsuchkarte NGC 2775
Auf­such­kar­te für NGC 2775 – erstellt mit SkytechX

Die Gala­xie ist am bes­ten im Spät­win­ter und im Früh­jahr zu beob­ach­ten, wenn das Stern­bild Can­cer hoch am Him­mel steht. Sie befin­det sich nur ein hal­bes Grad von der Gren­ze zum Stern­bild Hydra ent­fernt, nord­öst­lich des Kop­fes der See­schlan­ge. Um sie auf­zu­su­chen, geht man vom Kopf der Hydra aus. Die­ser Aste­ris­mus ent­hält Ster­ne der Grö­ßen­klas­sen 3 bis 5. Die Gala­xie befin­det sich 3 ¾ Grad nord­öst­lich von Zeta Hydrae (3,1 mag), dem hells­ten Stern in die­ser Gegend, und nur 1 ¾ Grad von zwei wei­te­ren Ster­nen der 6. und 7. Grö­ßen­klas­se ent­fernt, die im Sucher­te­le­skop sicht­bar sind. Die­ses Ster­nen­paar bil­det mit Zeta und Ome­ga Hya (5,0 mag) ein gleich­sei­ti­ges Dreieck.

Auf­such­kar­te NGC 2775 (81,2 KiB, 28 hits)

Steckbrief für NGC 2775

Daten und Fak­ten für Gala­xie NGC 2775 im Krebs (Can­cer)
Objekt­na­meNGC 2775
Kata­log­be­zeich­nungUGC 4820, PGC 25861, MCG 1−24−5, ZWG 34.6, IRAS 09076+0714
TypGala­xie, Sab
Stern­bildKrebs (Can­cer)
Rekt­aszen­si­on (J2000.0)09h 10m 20,1s
Dekli­na­ti­on (J2000.0)+07° 02′ 14″
V Hel­lig­keit10,4 mag
Flä­chen­hel­lig­keit12,9 mag
Win­kel­aus­deh­nung4,3′ x 3,3′
Posi­ti­ons­win­kel155°
Abso­lu­te Helligkeit-20,549 mag
Durch­mes­ser79.000 Licht­jah­re
Ent­fer­nung67 Mil­lio­nen Lichtjahre
Beschrei­bungcB,cL,R,vgvsmbM,r; H I 2;N in B smooth lens;many knot­ty arms form dk lane
Ent­de­ckerFried­rich Wil­helm Her­schel, 1783
Stern­at­lan­tenCam­bridge Star Atlas: Chart 10
Inter­stel­larum Deep Sky Atlas: Chart 47 & 59
Mill­en­ni­um Star Atlas: Charts 759–760 (Vol II)
Pocket Sky Atlas: Chart 35
Sky Atlas 2000: Chart 12
Urano­me­tria 2nd Ed.: Chart 93

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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