Junge Sternhaufen im Fokus naher Galaxien

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Astro­nom­in­nen und Astro­no­men haben mit­hil­fe des NASA/ESA/CSA James-Webb-Welt­raum­te­le­skops – in Kom­bi­na­ti­on mit dem NASA/ESA Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop – einen tie­fen Blick auf Tau­sen­de jun­ger Stern­hau­fen in vier nahe­ge­le­ge­nen Gala­xien gewor­fen und dabei Stern­hau­fen in ver­schie­de­nen Ent­wick­lungs­sta­di­en unter­sucht. Ihre Ergeb­nis­se zei­gen, dass mas­se­rei­che­re Stern­hau­fen schnel­ler aus den Wol­ken her­vor­tre­ten, in denen sie ent­ste­hen, dabei Gas ver­trei­ben und die Gala­xie mit ultra­vio­let­tem Licht durch­flu­ten. Das Ergeb­nis ver­schafft uns ein detail­lier­te­res Ver­ständ­nis der Stern­ent­ste­hung in Gala­xien sowie dar­über, wie und wo sich Pla­ne­ten bil­den können.

Messier 51 (JWST)
Die­ses Bild zeigt einen Aus­schnitt aus einem der Spi­ral­ar­me von Mes­sier 51 (M51), einer der vier in die­ser Arbeit unter­such­ten Gala­xien, auf­ge­nom­men mit der Nahin­fra­rot­ka­me­ra (NIR­Cam) des Webb-Tele­skops – Cre­dit: ESA/Webb, NASA & CSA, A. Ped­ri­ni, A. Ada­mo (Stock­holm Uni­ver­si­ty) and the FEAST JWST team

Astro­no­men wis­sen schon lan­ge, dass das Ver­ständ­nis der Ent­ste­hung von Stern­hau­fen der Schlüs­sel zur Ent­schlüs­se­lung wei­te­rer Geheim­nis­se der galak­ti­schen Ent­wick­lung ist.Sterne ent­ste­hen in Hau­fen, die ent­ste­hen, wenn Gas­wol­ken unter dem Ein­fluss der Schwer­kraft kol­la­bie­ren. Wäh­rend in einer kol­la­bie­ren­den Wol­ke immer mehr Ster­ne ent­ste­hen, zer­streu­en star­ke Stern­win­de, inten­si­ve ultra­vio­let­te Strah­lung und die Super­no­va-Explo­sio­nen mas­se­rei­cher Ster­ne die Wol­ke schließ­lich und been­den die Stern­ent­ste­hung, bevor das gesam­te Gas auf­ge­braucht ist. Sobald die Gas­wol­ke, in der ein Stern­hau­fen ent­stan­den ist, ver­schwun­den ist, kann sein Licht auch auf ande­re stern­bil­den­de Regio­nen in der Gala­xie ein­wir­ken. Die­ser Pro­zess wird als stel­la­re Rück­kopp­lung bezeich­net und bedeu­tet, dass der größ­te Teil des Gases in einer Gala­xie nie für die Stern­ent­ste­hung genutzt wird. Die Erfor­schung der Ent­wick­lung von Stern­hau­fen kann daher Fra­gen zur Stern­ent­ste­hung auf galak­ti­scher Ebe­ne beantworten.

Stu­di­en der nächst­ge­le­ge­nen Stern­ent­ste­hungs­ge­bie­te – in unse­rer Milch­stra­ße sowie in den Zwerg­ga­la­xien, die sie umkrei­sen – ermög­li­chen es uns, Stern­hau­fen bis ins kleins­te Detail zu ana­ly­sie­ren; unse­re Posi­ti­on inner­halb der Schei­be unse­rer eige­nen Gala­xie bedingt jedoch, dass uns nur weni­ge sol­cher Regio­nen direkt zugäng­lich sind. Durch die Beob­ach­tung nahe­ge­le­ge­ner Gala­xien kön­nen Astro­no­men hin­ge­gen Tau­sen­de von Stern­ent­ste­hungs­ge­bie­ten erfas­sen und gan­ze Popu­la­tio­nen von Stern­hau­fen in unter­schied­lichs­ten Ent­wick­lungs­sta­di­en cha­rak­te­ri­sie­ren – eine Leis­tung, die erst durch den Ein­satz von Welt­raum­te­le­sko­pen ermög­licht wur­de, allen vor­an durch das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop der NASA/ESA. Bei­de Unter­su­chungs­an­sät­ze sind unver­zicht­bar, um die Mecha­nis­men der Stern­ent­ste­hung in Gala­xien umfas­send zu begreifen.

Messie 51 (JWST) Detail
Die­ses Bild zeigt einen Stern­ent­ste­hungs­kom­plex in einem der Spi­ral­ar­me von Mes­sier 51 (M51), der einen Durch­mes­ser von fast 800 Licht­jah­ren hat. M51 ist etwa 27 Mil­lio­nen Licht­jah­re von der Erde ent­fernt. Die dich­te Wol­ke aus stern­bil­den­dem Gas, in der Klum­pen kol­la­bier­ten und so die ein­zel­nen Stern­hau­fen bil­de­ten, ist hier in Rot- und Oran­ge­tö­nen dar­ge­stellt, die das von ioni­sier­tem Gas, Staub­kör­nern und kom­ple­xen Mole­kü­len wie poly­zy­kli­schen aro­ma­ti­schen Koh­len­was­ser­stof­fen (PAKs) emit­tier­te Infra­rot­licht wie­der­ge­ben. – Cre­dit: ESA/Webb, NASA & CSA, A. Ped­ri­ni, A. Ada­mo (Stock­holm Uni­ver­si­ty) and the FEAST JWST team

Die kon­ti­nu­ier­li­che Wei­ter­ent­wick­lung der Infra­rot­as­tro­no­mie hat es uns ermög­licht, den „gas­för­mi­gen Vor­hang“ zu lüf­ten, der die jüngs­ten Stern­hau­fen noch immer ver­hüllt, und so Ein­bli­cke in die frü­hes­ten Pha­sen ihrer Ent­wick­lung zu gewin­nen. Den­noch geben eini­ge Phä­no­me­ne den For­schern nach wie vor Rät­sel auf. Eine die­ser Fra­gen lau­tet bei­spiels­wei­se: Wel­che Fak­to­ren bestim­men bei der Ent­ste­hung eines Stern­hau­fens, wie lan­ge es dau­ert, bis die­ser sei­ne Geburts­wol­ke auf­ge­löst hat und beginnt, ultra­vio­let­tes Licht in die Gala­xie hin­aus abzustrahlen?

Nun wur­de der Stand der Tech­nik wei­ter­ent­wi­ckelt, indem Hub­ble und Webb gemein­sam ein breit­ban­di­ges Bild von Tau­sen­den jun­ger Stern­hau­fen lie­fern. Ein inter­na­tio­na­les Astro­no­men­team hat Bil­der von vier nahe­ge­le­ge­nen Gala­xienMes­sier 51, Mes­sier 83, NGC 628 und NGC 4449 – aus dem Beob­ach­tungs­pro­gramm FEAST (#1783) ein­ge­hend unter­sucht, um die­ses Rät­sel zu lösen.Ihre Ergeb­nis­se, die heu­te in Natu­re Astro­no­my ver­öf­fent­licht wur­den, zei­gen, dass es die mas­se­reichs­ten Stern­hau­fen sind, die ihre gas­för­mi­ge Hül­le am schnells­ten abtra­gen und am frü­hes­ten begin­nen, ihre Gala­xie zu erhellen.

M51, M83, NGC 449, NGC 628
Die­ses Bild zeigt die vier Gala­xien, die im Rah­men die­ser For­schung unter­sucht wur­den und von denen jede bereits Gegen­stand eines „ESA/­Webb-Bil­des des Monats“ war: Mes­sier 51 (oben links), Mes­sier 83 (oben rechts), NGC 4449 (unten links) und NGC 628 (unten rechts). – Cre­dit: ESA/Webb, NASA & CSA, A. Ped­ri­ni, A. Ada­mo (Stock­holm Uni­ver­si­ty) and the FEAST JWST team

Das Team iden­ti­fi­zier­te in den vier Gala­xien fast 9.000 Stern­hau­fen in unter­schied­li­chen Ent­wick­lungs­sta­di­en: jun­ge Hau­fen, die gera­de erst begin­nen, aus ihren Geburts­wol­ken aus Gas her­vor­zu­tre­ten, Hau­fen, die das Gas bereits teil­wei­se ver­drängt hat­ten (bei­de Grup­pen basie­rend auf Webb-Auf­nah­men), sowie voll­stän­dig frei­ge­leg­te Hau­fen, die im opti­schen Licht sicht­bar sind (gefun­den auf Hub­ble-Auf­nah­men). Dank der Fähig­keit von Webb, tief in die Gas­wol­ken hin­ein­zu­bli­cken, konn­ten die For­schen­den anschlie­ßend Mas­se und Alter jedes ein­zel­nen Hau­fens anhand sei­nes Licht­spek­trums bestim­men. Die mas­se­reichs­ten Hau­fen waren voll­stän­dig her­vor­ge­tre­ten und hat­ten ihre Gas­wol­ken nach etwa fünf Mil­lio­nen Jah­ren ver­drängt, wäh­rend weni­ger mas­se­rei­che Hau­fen zwi­schen sie­ben und acht Mil­lio­nen Jah­re alt waren, als sie ihre „Ster­nen­kin­der­stu­ben“ verließen.

Die Beant­wor­tung der offe­nen Fra­ge, wel­che Stern­hau­fen ihre Geburts­wol­ken am schnells­ten auf­lö­sen, ver­tieft unser Ver­ständ­nis der Gala­xien­ent­ste­hung. „Simu­la­tio­nen zur Stern­ent­ste­hung und zum stel­la­ren Rück­kopp­lungs­pro­zess hat­ten bis­her Schwie­rig­kei­ten, die Ent­ste­hung von Stern­hau­fen und deren Aus­tritt aus ihren Geburts­wol­ken nach­zu­bil­den. Die­se Ergeb­nis­se lie­fern uns wich­ti­ge neue Erkennt­nis­se zu die­sem Pro­zess“, erklär­te Ange­la Ada­mo von der Uni­ver­si­tät Stock­holm und dem Oskar-Klein-Zen­trum in Schwe­den, eine der Haupt­au­torin­nen der Stu­die und Pro­jekt­lei­te­rin des FEAST-Programms.

Mas­se­rei­che Stern­hau­fen emit­tie­ren auf­grund ihres Reich­tums an hei­ßen Ster­nen natur­ge­mäß den Groß­teil des ultra­vio­let­ten Lichts in Gala­xien. Die­se Stu­die bestä­tigt jedoch, dass sie im Ver­gleich zu mas­se­är­me­ren Hau­fen auch einen zeit­li­chen Vor­sprung bei der Erzeu­gung von stel­la­rem Feed­back haben. Zu wis­sen, wo und wann die­ses stel­la­re Feed­back wäh­rend der gesam­ten Lebens­dau­er einer Gala­xie am stärks­ten ist, ermög­licht es Astro­no­men bes­ser vor­her­zu­sa­gen, wie der „Treib­stoff“ für die Stern­ent­ste­hung in der Gala­xie ver­teilt wird und wie sich somit Ster­ne und Stern­hau­fen wahr­schein­lich bilden.

Auch unse­re Theo­rien zur Pla­ne­ten­ent­ste­hung wer­den durch die­se For­schung beein­flusst. Je schnel­ler das Gas inner­halb eines Stern­hau­fens abge­baut wird, des­to frü­her sind pro­to­pla­ne­ta­re Schei­ben um Ster­ne der star­ken ultra­vio­let­ten Strah­lung ande­rer Ster­ne aus­ge­setzt und des­to weni­ger Gele­gen­heit haben sie, wei­te­res Gas aus dem Nebel anzu­zie­hen. Dies ver­rin­gert ihre Chan­cen, Staub anzu­sam­meln und Pla­ne­ten zu bilden.

„Die­se Arbeit bringt For­scher zusam­men, die die Stern­ent­ste­hung simu­lie­ren, sowie sol­che, die mit Beob­ach­tun­gen arbei­ten, und Grup­pen, die sich mit der Pla­ne­ten­ent­ste­hung befas­sen“, sag­te Alex Ped­ri­ni, Haupt­au­tor und eben­falls an der Uni­ver­si­tät Stock­holm sowie am Oskar-Klein-Zen­trum in Schwe­den tätig. „Mit Hil­fe von Webb kön­nen wir in die Wie­gen von Stern­hau­fen bli­cken und die Pla­ne­ten­ent­ste­hung mit dem Zyklus der Stern­ent­ste­hung und der Rück­kopp­lung durch die Ster­ne in Ver­bin­dung bringen.“

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit ihren Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: ESA/Webb, NASA & CSA, A. Ped­ri­ni, A. Ada­mo (Uni­ver­si­tät Stock­holm) und das FEAST-JWST-Team

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2608

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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