Hubble lüftet das Rätsel um Blaue Nachzüglersterne

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Eini­ge Ster­ne schei­nen sich der Zeit selbst zu wider­set­zen. Ein­ge­bet­tet in alte Stern­hau­fen leuch­ten sie blau­er und hel­ler als ihre Nach­barn und sehen viel jün­ger aus als sie tat­säch­lich sind. Die­se als blaue Nach­züg­ler­ster­ne bekann­ten stel­la­ren Beson­der­hei­ten geben Astro­no­men seit über 70 Jah­ren Rät­sel auf. Neue Ergeb­nis­se mit dem NASA/E­SA-Welt­raum­te­le­skop Hub­ble ent­hül­len nun end­lich, wie die­se „ewig jun­gen“ Ster­ne ent­ste­hen und war­um sie in ruhi­ge­ren kos­mi­schen Umge­bun­gen gedeihen.

Blaue Nach­züg­ler­ster­ne fal­len in alten Stern­hau­fen auf, weil sie hei­ßer, mas­se­rei­cher und jün­ger erschei­nen als Ster­ne, die sich eigent­lich vor Mil­li­ar­den von Jah­ren gebil­det haben soll­ten. Ihre Exis­tenz wider­spricht gän­gi­gen Theo­rien der Stern­al­te­rung und hat jahr­zehn­te­lan­ge Debat­ten dar­über aus­ge­löst, ob sie durch hef­ti­ge Stern­kol­li­sio­nen oder durch sub­ti­le­re Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Stern­paa­ren ent­ste­hen. Eine neue Stu­die lie­fert nun eini­ge der bis­her deut­lichs­ten Bewei­se dafür, dass blaue Nach­züg­ler­ster­ne ihr jugend­li­ches Aus­se­hen nicht Kol­li­sio­nen, son­dern engen Stern­ge­mein­schaf­ten und den Umge­bun­gen ver­dan­ken, die deren Über­le­ben ermöglichen.

Kugelsternhaufen (HST)
Die­ses Bild zeigt zwei Kugel­stern­hau­fen aus einer aktu­el­len Hub­ble-Stu­die, die einen der bis­lang ein­deu­tigs­ten Bewei­se dafür lie­fert, dass blaue Nach­züg­ler ihr jugend­li­ches Aus­se­hen nicht Kol­li­sio­nen ver­dan­ken. – Cre­dit: ESA/Hubble & NASA

Ein inter­na­tio­na­les For­schungs­team ana­ly­sier­te Ultra­vio­lett-Beob­ach­tun­gen des Hub­ble-Tele­skops von 48 Kugel­stern­hau­fen in der Milch­stra­ße und erstell­te so den größ­ten und voll­stän­digs­ten Kata­log blau­er Nach­züg­ler­ster­ne, der je ent­stan­den ist. Die Stich­pro­be umfasst mehr als 3.000 die­ser rät­sel­haf­ten Objek­te. Ihre Wirts­stern­hau­fen decken das gesam­te Spek­trum mög­li­cher Umge­bungs­be­din­gun­gen ab, von sehr locke­ren bis hin zu sehr dich­ten Sys­te­men. Die­ser umfang­rei­che Daten­satz ermög­lich­te es Astro­no­men, die lan­ge ver­mu­te­ten Zusam­men­hän­ge zwi­schen Blau­en Nach­züg­lern und ihrer Umge­bung zu untersuchen.

Statt ver­mehrt Blaue Nach­züg­ler in den dich­tes­ten, kol­li­si­ons­ge­fähr­de­ten Stern­hau­fen zu fin­den, ent­deck­te das Team über­ra­schen­der­wei­se das Gegen­teil: Dich­te Umge­bun­gen beher­ber­gen weni­ger Blaue Nach­züg­ler. Statt­des­sen sind die­se Ster­ne am häu­figs­ten in Stern­hau­fen gerin­ger Dich­te anzu­tref­fen, wo sie mehr Platz haben und fra­gi­le Dop­pel­stern­sys­te­me eine höhe­re Über­le­bens­chan­ce besitzen.

„Die­se Arbeit zeigt, dass die Umge­bung eine wich­ti­ge Rol­le im Leben von Ster­nen spielt“, sagt Fran­ces­co R. Fer­ra­ro, Haupt­au­tor der Stu­die und Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bolo­gna in Ita­li­en. „Blaue Nach­züg­ler­ster­ne sind eng mit der Ent­wick­lung von Dop­pel­stern­sys­te­men ver­bun­den, aber ihr Über­le­ben hängt von den Bedin­gun­gen ab, unter denen sie leben. Umge­bun­gen mit gerin­ger Dich­te bie­ten den bes­ten Lebens­raum für Dop­pel­ster­ne und ihre Neben­pro­duk­te, wodurch man­che Ster­ne jün­ger erschei­nen als erwartet.“

Das Team fand her­aus, dass Blaue Nach­züg­ler eng mit Dop­pel­stern­sys­te­men ver­bun­den sind, in denen zwei Ster­ne ein­an­der umkrei­sen. In sol­chen Sys­te­men kann ein Stern Mate­ri­al von sei­nem Part­ner abzie­hen oder voll­stän­dig mit ihm ver­schmel­zen, wodurch er neu­en Brenn­stoff erhält und hel­ler und blau­er leuch­tet (und somit sei­ne inne­re Uhr qua­si zurücksetzt).

Die­se Beob­ach­tun­gen zei­gen jedoch, dass dich­te­re Umge­bun­gen weni­ger Dop­pel­ster­ne beher­ber­gen. Dies deu­tet dar­auf hin, dass in dicht gepack­ten Stern­hau­fen häu­fi­ge nahe Begeg­nun­gen zwi­schen Ster­nen Dop­pel­ster­ne aus­ein­an­der­bre­chen las­sen, bevor sie Zeit haben, einen Blau­en Nach­züg­ler zu erzeu­gen. In ruhi­ge­ren Umge­bun­gen hin­ge­gen über­le­ben Dop­pel­ster­ne, und Blaue Nach­züg­ler gedei­hen prächtig.

„Dich­te Stern­hau­fen bie­ten kei­nen güns­ti­gen Lebens­raum für Dop­pel­ster­ne“, erklärt Enri­co Ves­pe­ri­ni von der India­na Uni­ver­si­ty in den USA. „Wo der Platz begrenzt ist, kön­nen Dop­pel­ster­ne leich­ter zer­stört wer­den, und die Ster­ne ver­lie­ren ihre Chan­ce, jung zu bleiben.“

Die­se Ent­de­ckung ist die ers­te, die solch kla­re und den Erwar­tun­gen wider­spre­chen­de Zusam­men­hän­ge zwi­schen Popu­la­tio­nen Blau­er Nach­züg­ler und ihrer Umge­bung beob­ach­tet hat. Sie bestä­tigt, dass blaue Nach­züg­ler ein direk­tes Neben­pro­dukt der Ent­wick­lung von Dop­pel­stern­sys­te­men sind und ver­deut­licht, wie stark die Umge­bung eines Sterns des­sen Lebens­zy­klus beein­flus­sen kann.

„Die­se Arbeit gibt uns eine neue Mög­lich­keit zu ver­ste­hen, wie sich Ster­ne über Mil­li­ar­den von Jah­ren ent­wi­ckeln“, sag­te Bar­ba­ra Lan­zo­ni, Mit­au­torin der Stu­die von der Uni­ver­si­tät Bolo­gna in Ita­li­en. „Sie zeigt, dass sogar das Leben von Ster­nen von ihrer Umge­bung geprägt wird, ähn­lich wie leben­de Sys­te­me auf der Erde.“

Durch die Auf­lö­sung ein­zel­ner Ster­ne in dich­ten Stern­hau­fen und deren Beob­ach­tung im ultra­vio­let­ten Licht war Hub­ble in ein­zig­ar­ti­ger Wei­se geeig­net, die­ses lan­ge ver­bor­ge­ne Mus­ter auf­zu­de­cken. Die Ergeb­nis­se lösen nicht nur ein seit lan­gem bestehen­des astro­no­mi­sches Rät­sel, son­dern eröff­nen auch neue Wege zum Ver­ständ­nis, wie Ster­ne inter­agie­ren, altern und manch­mal Wege fin­den, um neu zu beginnen.

Die­se Ergeb­nis­se wur­den heu­te in Natu­re Com­mu­ni­ca­ti­ons veröffentlicht .

Hintergrundformationen

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen ESA und NASA.

Bild­nach­weis: ESA/Hubble & NASA

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung heic2602

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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