Zerstörerische Kollisionen in einem jungen Planetensystem

  • Letz­te Ände­rung:4 Wochen 
  • Lese­zeit:5Minu­ten
  • Wör­ter:1079
  • Bei­trags­auf­ru­fe:448

Astro­nom­in­nen und Astro­no­men, dar­un­ter Bin Ren vom Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie, haben mit dem Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop die Fol­gen kata­stro­pha­ler Kol­li­sio­nen zwi­schen gro­ßen Gesteins­kör­pern in einem sich ent­wi­ckeln­den Pla­ne­ten­sys­tem um den Stern Fomal­haut beob­ach­tet. Die­se Ereig­nis­se ent­spre­chen dem aner­kann­ten Modell, wonach Pla­ne­te­si­ma­le, Aste­ro­iden und Kome­ten mit­ein­an­der kol­li­die­ren und dabei Trüm­mer erzeu­gen, die zur Ent­ste­hung von Pla­ne­ten bei­tra­gen. Wis­sen­schaft­ler gehen davon aus, dass auch das jun­ge Son­nen­sys­tem eine Pha­se inten­si­ver Ein­schlä­ge durch­lief, in der Trüm­mer die­ser Kol­li­sio­nen spä­ter die jun­ge Erde, den Mond und die ande­ren inne­ren Pla­ne­ten bombardierten.

„Zum ers­ten Mal habe ich gese­hen, wie ein Licht­punkt aus dem Nichts in einem extra­so­la­ren Pla­ne­ten­sys­tem auf­taucht“, sagt Paul Kalas, lei­ten­der Wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia in Ber­ke­ley, USA. „In unse­ren frü­he­ren Hub­ble-Auf­nah­men war er nicht zu sehen. Wir schlie­ßen dar­aus, dass wir Zeu­gen einer gewal­ti­gen Kol­li­si­on zwi­schen zwei mas­se­rei­chen Objek­ten und die Ent­ste­hung einer rie­si­gen Trüm­mer­wol­ke wur­den. In unse­rem Son­nen­sys­tem geschieht so etwas heu­te nicht mehr.“

Kollision Planetensimal
Die­se künst­le­ri­sche Dar­stel­lung zeigt die Kol­li­si­on zwei­er Pla­ne­te­si­ma­le im jun­gen, sich ent­wi­ckeln­den Pla­ne­ten­sys­tem Fomal­haut. Wäh­rend sol­cher Kol­li­sio­nen kön­nen bei­de Objek­te zer­stört und in klei­ne Bro­cken zer­sprengt wer­den. Die­se Trüm­mer kön­nen auf ande­re Him­mels­kör­per im Pla­ne­ten­sys­tem ein­schla­gen. – Cre­dit: © Tho­mas Mül­ler (HdA/MPIA) – CC BY 4.0

Fomalhaut – Ein naher, junger Stern mit Ringen aus Trümmern

Nur 25 Licht­jah­re von der Erde ent­fernt gehört Fomal­haut zu den hells­ten Ster­nen am Nacht­him­mel. Er liegt im Stern­bild Süd­li­cher Fisch (Piscis Aus­tri­nus) und ist mas­se­rei­cher, leucht­kräf­ti­ger und deut­lich jün­ger als die Son­ne. Um ihn her­um befin­den sich meh­re­re aus­ge­dehn­te Staubringe.

Der Max-Planck Wis­sen­schaft­ler und Hub­ble-Spe­zia­list Bin Ren, der auch am Obser­va­to­ri­um von Côte d’Azur in Niz­za tätig ist, über­prüf­te die Echt­heit des Signals. Hier­zu ver­wen­de­te er eige­ne Werk­zeu­ge zur Daten­ver­ar­bei­tung. „So konn­ten wir sicher­stel­len, dass das Signal nicht unge­wollt durch einen Ver­ar­bei­tungs­schritt künst­lich erzeugt wur­de“, sagt Ren.

Neue Erkenntnisse über Kollisionen von Planetesimalen

Fomal­haut war 2008 das ers­te Stern­sys­tem, in dem mit dem Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ein mög­li­cher Exo­pla­net im sicht­ba­ren Licht ent­deckt wur­de. Das als Fomal­haut b bezeich­ne­te Objekt ent­pupp­te sich spä­ter jedoch als eine sich aus­deh­nen­de Staub­wol­ke – das Ergeb­nis einer Kol­li­si­on zwi­schen Kilo­me­ter gro­ßen Pla­ne­te­si­ma­len, den Bau­stei­nen von Planeten.

Bei der Aus­wer­tung neu­er Hub­ble-Auf­nah­men such­ten die For­schen­den erneut nach Fomal­haut b. Statt­des­sen ent­deck­ten sie einen zwei­ten Licht­punkt an einer ähn­li­chen Posi­ti­on. Das ursprüng­li­che Objekt erhielt die Bezeich­nung cs1, wäh­rend das neu ent­deck­te Objekt nun cs2 genannt wird.

Unerwartete Häufigkeit von Kollisionen

War­um sich die­se bei­den Staub­wol­ken so nahe bei­ein­an­der befin­den, bleibt ein Rät­sel. Wenn Zusam­men­stö­ße zwi­schen Aste­ro­iden und Pla­ne­te­si­ma­len zufäl­lig gesche­hen, soll­ten sich cs1 und cs2 an ver­schie­de­nen Orten zei­gen. Doch sie lie­gen auf­fäl­lig nahe bei­ein­an­der am inne­ren Rand des äuße­ren Staub­rings von Fomalhaut.

Ein wei­te­res Mys­te­ri­um ist die Häu­fig­keit die­ser Ereig­nis­se. Theo­re­ti­sche Model­le sagen vor­aus, dass sol­che Kol­li­sio­nen nur etwa ein­mal in 100.000 Jah­ren statt­fin­den. Doch das Team hat inner­halb von nur 20 Jah­ren gleich zwei davon beob­ach­tet. Das ist ver­gleich­bar mit einem plötz­li­chen Feu­er­werk. Zwar sind sol­che Kol­li­sio­nen grund­le­gen­de Vor­gän­ge bei der Ent­ste­hung von Pla­ne­ten­sys­te­men, doch sie sind sel­ten und schwer zu untersuchen.

Fomalhaut (HST)
Die­ses zusam­men­ge­setz­te Bild des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops zeigt den Trüm­mer­ring und die Staub­wol­ken cs1 und cs2 um den Stern Fomal­haut. Zum Ver­gleich ist die 2012 auf­ge­nom­me­ne Staub­wol­ke cs1 zusam­men mit der 2023 auf­ge­nom­me­nen Staub­wol­ke cs2 abge­bil­det. – Cre­dit: © NASA, ESA, Paul Kalas (UC Berkeley)

„Es könn­ten Hun­der­te sol­cher Kol­li­sio­nen statt­ge­fun­den haben, die unbe­merkt blie­ben“, erklärt Ren. „Nur die­se bei­den waren hell genug, um mit Hub­ble sicht­bar zu wer­den. Die Nähe von Fomal­haut zur Erde hat uns dabei gehol­fen, die­se schwa­chen Licht­aus­brü­che über­haupt zu entdecken.“

Beson­ders span­nend an die­ser Ent­de­ckung ist, dass sie Rück­schlüs­se auf die Grö­ße und Häu­fig­keit der kol­li­die­ren­den Objek­te ermög­licht. Auf ande­rem Wege sind die­se Infor­ma­tio­nen kaum zu gewin­nen. Die zer­stör­ten Pla­ne­te­si­ma­le, die cs1 und cs2 erzeugt haben, waren etwa 30 Kilo­me­ter groß. In Fomal­hauts Pla­ne­ten­sys­tem könn­ten rund 300 Mil­lio­nen sol­cher Objek­te existieren.

Im Jahr 2022 ließ die NASA im Rah­men ihrer ers­ten Test­mis­si­on für pla­ne­ta­re Ver­tei­di­gung eine Raum­son­de namens DART (Dou­ble Aste­ro­id Redi­rec­tion Test) absicht­lich mit einem Aste­ro­iden kol­li­die­ren. Die­ses Expe­ri­ment erzeug­te eine ein­drucks­vol­le Staub­wol­ke. Doch der Zusam­men­stoß im Fomal­haut-Sys­tem war eine Mil­li­ar­de Mal gewal­ti­ger. Fomal­haut bie­tet daher eine ein­ma­li­ge Gele­gen­heit, die Phy­sik der Kol­li­si­on von Pla­ne­te­si­ma­len direkt zu unter­su­chen. Die­se Erkennt­nis­se hel­fen Astro­nom­in­nen und Astro­no­men zu ver­ste­hen, wor­aus die Trüm­mer bestehen und wie Pla­ne­te­si­ma­le sich bilden.

Warnung für Exoplanetenjäger

Die kurz­le­bi­ge Natur von cs1 und cs2 stellt eine Her­aus­for­de­rung für zukünf­ti­ge Exo­pla­ne­ten-Mis­sio­nen dar. Staub­wol­ken wie die­se könn­ten leicht mit ech­ten Exo­pla­ne­ten ver­wech­selt werden.

„Fomal­haut cs2 sieht genau­so aus wie ein Exo­pla­net, der Ster­nen­licht reflek­tiert“, erklärt Kalas. „Von cs1 haben wir gelernt, dass eine gro­ße Staub­wol­ke jah­re­lang wie ein Pla­net erschei­nen kann. Das ist eine War­nung für zukünf­ti­ge Mis­sio­nen, die Exo­pla­ne­ten im reflek­tier­ten Licht auf­spü­ren wollen.“

Ausblick in die Zukunft

Das Team hat zusätz­li­che Beob­ach­tungs­zeit mit Hub­ble erhal­ten, um cs2 in den kom­men­den drei Jah­ren wei­ter zu ver­fol­gen. Dabei soll unter­sucht wer­den, wie sich das Objekt ver­än­dert: Ver­blasst es oder wird es hel­ler? Da cs2 näher am Staub­gür­tel liegt als cs1, könn­te es auf wei­te­res Mate­ri­al tref­fen. Dies könn­te eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­lö­sen, bei der noch mehr Staub frei­ge­setzt wird – mit der Fol­ge, dass sich die gesam­te Regi­on aufhellt.

Zusätz­lich pla­nen die For­schen­den Beob­ach­tun­gen mit dem NIR­Cam-Instru­ment des Welt­raum­te­le­skops James Webb. Wäh­rend Hub­bles STIS-Kame­ra (Space Telescope Ima­ging Spec­tro­graph) das Objekt nur im sicht­ba­ren Licht erfas­sen kann, wird das JWST cs2 im Infra­rot­be­reich unter­su­chen. Dabei wird es Farb­infor­ma­tio­nen lie­fern, die ver­ra­ten, wie groß die Staub­par­ti­kel sind und wor­aus sie bestehen. Sogar Hin­wei­se auf Was­ser­eis könn­ten so erbracht werden.

MN

Hintergrundinformationen

Bin Ren ist der ein­zi­ge Astro­nom des Max-Planck-Insti­tuts für Astro­no­mie, der zu die­ser For­schung bei­getra­gen hat (eben­falls Obser­va­toire de la Côte d’Azur, Niz­za, Frankreich).

Wei­te­re For­schen­de waren Paul Kalas (Astro­no­my Depart­ment, Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, Ber­ke­ley, USA; SETI Insti­tu­te, Carl Sagan Cen­ter, Moun­tain View, USA; Insti­tu­te of Astro­phy­sics, FORTH, Hera­klion, Grie­chen­land), Jason J. Wang (Cen­ter for Inter­di­sci­pli­na­ry Explo­ra­ti­on and Rese­arch in Astro­phy­sics (CIERA) und Depart­ment of Phy­sics and Astro­no­my, Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty, Evan­s­ton, USA) und Max­well A. Mil­lar-Blan­cha­er (Depart­ment of Phy­sics, Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, San­ta Bar­ba­ra, USA).

Das Hub­ble-Welt­raum­te­le­skop ist ein Pro­jekt der inter­na­tio­na­len Zusam­men­ar­beit zwi­schen der NASA und der ESA (Euro­päi­sche Weltraumorganisation).

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert