Die erste Nacht unter dem südlichen Sternenhimmel

Lese­zeit: 5 Minu­ten

Zwi­schen dem 24. Mai und 3. Juni 2014 ver­brach­ten mein Astro­kum­pel und ich unse­ren Urlaub auf der Sou­thern Sky Guest Farm Tivo­li in Nami­bia. Es war unser 1. Auf­ent­halt unter dem Kreuz des Südens. Seit unse­rer Ankunft auf der Gäs­te­f­arm am Sonn­tag Nach­mit­tag, hat­ten wir kaum geschla­fen. Aber an Schla­fen war nicht zu den­ken, denn viel zu auf­ge­regt waren wir, end­lich den süd­li­chen Ster­nen­him­mel zu beob­ach­ten. Die Son­ne ging an jenem Abend kurz nach 17:15 Uhr unter und wir waren über­rascht, wie schnell die kur­ze und beson­ders far­ben­fro­he Däm­me­rung über die Savan­ne von Nami­bia her­ein­brach. Wir genos­sen den Son­nen­un­ter­gang an unse­rer schon für die kom­men­de Nacht vor­be­rei­te­ten Dobson-Beobachterplattform.

Die südliche Milchstraße

Sin­gle-Shot Auf­nah­me der süd­li­chen Milch­stra­ße mit dem hel­len Zen­trum in Zenitnähe

Am spä­ten Nach­mit­tag hat­te uns Rein­holds Sohn einen Tisch und zwei Stüh­le bereit­ge­stellt. Den schwe­ren Tubus des 12,5 Zoll ICS-Dob­sons tru­gen Rein­hold und ich zusam­men auf den Platz. Uwe über­nahm die Rocker­box und den Beob­ach­ter­stuhl, der sich aller­dings als defekt erwies. Ein Ersatz war aber schnell auf­ge­trie­ben. Kurz vor dem Abend­essen guck­ten wir in den Him­mel und konn­ten schon das Stern­bild Ori­on, auf der Sei­te lie­gend, über dem west­li­chen Hori­zont aus­ma­chen. Ich ent­deck­te auch Siri­us und mei­nen 1. süd­li­chen Stern: Can­o­pus im Stern­bild Schiffs­kiel. Tief im Wes­ten leuch­te­te noch Jupi­ter im Stern­bild der Zwil­lin­ge. Um 17:30 Uhr gab es schließ­lich ein sehr geschmack­vol­les Abend­essen mit einer köst­li­chen Vor­sup­pe, Haupt­gang und Nachtisch.

Die südlichen Sternbildern

Blick in Rich­tung Süden mit den süd­li­chen Sternbildern

Wir wur­den immer unru­hi­ger und rutsch­ten ner­vös auf unse­ren Stüh­len her­um, denn schließ­lich war auf Tivo­li schon die dunk­le Nacht her­ein­ge­bro­chen. Wir ver­ab­schie­de­ten uns von unse­ren Kame­ra­den und nah­men die beleg­ten Pau­sen­bro­te für die kom­men­de Nacht in Emp­fang. Als ich end­lich auf­stand und in die Dun­kel­heit hin­aus­trat, spann­te sich die süd­li­che Milch­stra­ße schon hoch über unse­ren Köp­fen. Sofort ent­deck­te ich das Kreuz des Südens mit dem Koh­len­sack, wel­ches über dem Wip­fel eines Bau­mes stand. Ein schier über­wäl­ti­gen­der Anblick! Links neben dem Kreuz konn­te ich Alpha und Beta Cen­tau­ri aus­ma­chen. Die übri­gen Stern­bil­der erschie­nen mir äußerst fremd­ar­tig. Die Regi­on um das Stern­bild Schiffs­kiel und Cen­tau­rus war ein ein­zi­ges Lich­ter­meer hel­ler und schwä­che­rer Ster­ne, gespikt mit Licht­fle­cken, die offe­ne Stern­hau­fen oder Nebel zu sein schie­nen. Ich hat­te Schwie­rig­kei­ten, den auf den Kopf ste­hen­den Löwen und das Stern­bild Jung­frau zu iden­ti­fi­zie­ren.  So fremd­ar­tig und eigen­ar­tig erschie­nen mir die bekann­ten Stern­bil­der. Dicht über dem West­ho­ri­zont fun­kel­ten noch  Siri­us im Gro­ßen Hund und etwas höher, und nahe­zu gleich hell, der Stern Can­o­pus im Stern­bild Schiffs­kiel. Hoch im Süd­os­ten stand das Stern­bild Skor­pi­on voll­stän­dig mit Sta­chel am Fir­ma­ment. Dane­ben lag der Schüt­ze, mit dem unbe­schreib­lich  hel­len Zen­trum der Milch­stra­ße, das aus zahl­rei­chen Dun­kel­wol­ken bestand. Süd­lich vom Schüt­zen ent­deck­te ich die Süd­li­che Kro­ne. Als ich auf unse­re Lodge zuging, bemerk­te ich etwas tie­fer im Süden einen hel­len und ziem­lich gro­ßen Licht­fleck. Das muss­te also die Gro­ße Magel­lan­sche Wol­ke sein, die sich noch rund 20 Grad über dem Hori­zont befand. Ich ver­such­te auch die Klei­ne Magel­lan­sche Wol­ke auf­zu­fin­den, was mir aber nicht gelang.

Blick in Richtung Westen

Blick in Rich­tung Wes­ten mit den mar­kan­ten Tivoli-Palmen

Wir lie­fen schnell ins Haus und pack­ten unse­re Aus­rüs­tung zusam­men. Auf Auf­nah­men mit der Astro­trac ver­zich­te­te ich, da ich den süd­li­chen Ster­nen­him­mel erst­mal ken­nen ler­nen woll­te. Zügig gin­gen wir zu unse­rer Beob­ach­ter­platt­form und sahen den Gro­ßen Wagen auf dem Kopf ste­hend tief über dem nörd­li­chen Hori­zont lie­gend. Wir pack­ten den Dob­son aus und ori­en­tier­ten uns erst­mal am Him­mel. Ein­fach unglaub­lich, wie hell die Milch­stra­ße am Fir­ma­ment stand. Dort oben muss­te auch Ome­ga Cen­tau­ri zu fin­den sein. Ein schnel­ler Schwenk auf den Kugel­stern­hau­fen und wir vie­len vom Glau­ben ab: Der rie­sie­ge, ova­le Hau­fen nahm im 26 mm Nag­ler nahe­zu das gesam­te Gesichts­feld ein. Zen­tau­sen­de Ster­ne waren sicht­bar. Die Zen­tral­re­gi­on erschien wie ein Kon­glo­me­rat aus unzäh­li­gen Zucker­kris­tal­len. Auch im Fern­glas erschien Ome­ga Cen­tau­ri präch­tig und schon voll­stän­dig in Ster­ne auf­ge­löst – kein Ver­gleich mit dem „Para­de­ob­jekt“ Mes­sier 13 am Nord­him­mel! Nun noch schnell ein Schwenk auf den Eta Cari­nae Nebel. Unglaub­lich wie ein­fach die rie­si­ge Nebel­re­gi­on zu sehen war.

Sternenspuren

Ster­nen­spu­ren um den süd­li­chen Him­mels­pol (Gesamt­be­lich­tungs­zeit 100 Min.)

Zahl­rei­che hel­le Nebel­an­tei­le und Dun­kel­ne­bel durch­zo­gen das Gesichts­feld unse­res Über­sichts­oku­lars. Mit höhe­rer Ver­grö­ße­rung sahen wir auch den Schlüs­sel­loch­ne­bel. Bevor die Gro­ße Magel­lan­sche Wol­ke immer tie­fer sank, schwenk­ten wir das Tele­skop in Rich­tung unse­rer Nach­bar­ga­la­xie. Der Taran­tel­ne­bel sprang sofort ins Auge und erschien tat­säch­lich wie eine Art Spin­ne. Beim Schwenk über die Gala­xie ent­deck­ten wir noch wei­te­re unzäh­li­ge Stern­hau­fen und Nebel, die zu beob­ach­ten, wohl eine gesam­te Nacht in Anspruch neh­men wür­de. Anschlie­ßend stell­ten wir Cen­tau­rus A ins Oku­lar und kipp­ten fast vom Beob­ach­ter­stuhl. Die Gala­xie stand als run­des und beson­ders gro­ßes Objekt im Gesichts­feld des 12 mm Nag­ler. Ein auf­fäl­li­ges und geteil­tes Staub­band durch­zog die Gala­xie genau in der Mit­te, genau so, wie wir sie auf Fotos kann­ten. Ein­fach fan­tas­tisch. Unser hand­schrift­lich geführ­tes Beob­ach­tungs­buch ver­zeich­ne­te an jenem Abend über 30 Objek­te, über­wie­gend kugel­för­mi­ge und offe­ne Stern­hau­fen in den Stern­bil­dern Schüt­ze, Skor­pi­on und Schiffs­kiel sowie in wei­te­ren süd­li­chen Stern­bil­dern. Unter­malt wur­de das Gan­ze von den elek­tro­ni­schen Klän­gen der Space Night auf mei­nem iPad. Nach Mit­ter­nacht stieg auch die Klei­ne Magel­lan­sche Wol­ke end­lich höher, so dass wir auch einen Blick auf den Kugel­stern­hau­fen 47 Tuca­nae wer­fen konn­ten. Die­ser erschien recht ein­drucks­voll als beson­ders gro­ßer und hel­ler Hau­fen. Der Zen­tral­be­reich des Hau­fens war so dicht und hell, dass wir ihn mit einer Art von unten beleuch­te­ten Minio­bla­te verglichen.

Das Kreuz des Südens zwischen Palmen

Das Kreuz des Südens zwi­schen Palmen

Kurz vor Mit­ter­nacht schnapp­te ich mir mei­ne Canon EOS 600D mit dem Fisch­au­gen­ob­jek­tiv, die seit dem Beginn unse­rer Beob­ach­tung mit Strich­spur­auf­nah­men beschäf­tigt war, und mach­te einen Rund­gang durch das Gelän­de. Ein erha­ben­des Gefühl stieg in mir auf. Ich sah das Kreuz des Südens zwi­schen den Pal­men­blät­tern ste­hen. In Zenitnä­he stand das mäch­ti­ge Zen­trum unse­res Milch­stra­ßen­sys­tems hell und groß über mei­nem Kopf. Unse­re Hei­mat­ga­la­xie glich nun einer Gala­xie, die wir direkt von der Kan­te sehen, mit einer hel­len, brei­ten Bul­ge und einer Gala­xien­schei­be, die durch ein Staub­band geteilt war. Am Nord­ost­him­mel war auch schon das Som­merd­reick über dem Hori­zont erschie­nen. Die Stern­bil­der Lei­er, Schwan und Adler stan­den auf dem Kopf. Die­ser Teil der Milch­stra­ße erschien mir im Ver­gleich mit den süd­li­chen Tei­len der Gala­xis eher unscheinbar.

Wir beob­ach­ten noch bis kurz nach 3 Uhr mor­gens, und bemerk­ten, den mäch­ti­gen Zodia­kal­licht­ke­gel im Osten auf­stei­gen, bis die Müdig­keit lang­sam die Ober­hand gewann. Schließ­lich hat­te wir seit unge­fähr 48 Stun­den kaum geschla­fen. Wir pack­ten dar­auf­hin zufrie­den ein. Schließ­lich hat­te wir ja noch 7 Näch­te vor uns und eine lan­ge Lis­te mit Objek­ten, die wir noch unbe­dingt beob­ach­ten wollten.

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeige diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.