29 Cygni b oder wie entstehen massereiche Himmelskörper?

  • Letz­te Ände­rung:3 Tagen 
  • Lese­zeit:4Minu­ten
  • Wör­ter:1036
  • Bei­trags­auf­ru­fe:2511

Wo ver­läuft die Gren­ze zwi­schen Ster­nen und den mas­se­reichs­ten Pla­ne­ten? Wis­sen­schaft­ler ver­mu­ten, dass dies von ihrer Ent­ste­hungs­me­tho­de abhängt. Ent­stan­den sie durch ein „Bottom-up“-Prozess, bei dem sie all­mäh­lich wuch­sen, oder durch ein „Top-down“-Prozess, bei dem sich eine gro­ße Ansamm­lung von Gas und Staub in klei­ne­re, pla­ne­ten­gro­ße Frag­men­te auf­spal­te­te? Astro­no­men nutz­ten das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop von NASA, ESA und CSA, um ein Objekt zu unter­su­chen, das etwa 15-mal so schwer ist wie Jupi­ter und sich damit genau an der Gren­ze zwi­schen den bei­den Pro­zes­sen befin­det. Sie fan­den her­aus, dass sich das Objekt mit der Bezeich­nung 29 Cyg­ni b wahr­schein­lich eher von unten nach oben als von oben nach unten gebil­det hat. Mit ande­ren Wor­ten: Es ent­stand wie ein Pla­net, nicht wie ein Stern.

Exoplanet 29 Cygni b
Der Exo­pla­net 29 Cyg­ni b, dar­ge­stellt in die­ser künst­li­chen Dar­stel­lung, ist ein Gas­rie­se mit etwa der 15-fachen Jupi­ter­mas­se. Er umkreist einen Stern vom Spek­tral­typ A, der etwas hei­ßer und mas­se­rei­cher als unse­re Son­ne ist. Ein hypo­the­ti­sches Kome­ten­frag­ment nähert sich dem Pla­ne­ten, wäh­rend frü­he­re Ein­schlä­ge dunk­le Fle­cken auf sei­nen Wol­ken­ober­flä­chen hin­ter­las­sen haben. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, J. Olm­sted (STScI)

Pla­ne­ten, wie jene in unse­rem Son­nen­sys­tem, ent­ste­hen durch einen Bot­tom-up-Pro­zess, bei dem sich klei­ne Gesteins- und Eis­bro­cken zusam­men­bal­len und mit der Zeit wach­sen. Je mas­se­rei­cher der Pla­net jedoch ist, des­to schwie­ri­ger lässt sich sei­ne Ent­ste­hung auf die­se Wei­se erklären.

Astro­no­men unter­such­ten mit dem James-Webb-Welt­raum­te­le­skop 29 Cyg­ni b, ein Objekt mit etwa der 15-fachen Mas­se des Jupi­ters, das einen nahen Stern umkreist. Sie fan­den zahl­rei­che Hin­wei­se dar­auf, dass 29 Cyg­ni b tat­säch­lich durch einen Bot­tom-up-Pro­zess ent­stan­den ist, was neue Erkennt­nis­se dar­über lie­fert, wie die mas­se­reichs­ten Pla­ne­ten ent­ste­hen. Ein Arti­kel, der die­se Ergeb­nis­se beschreibt, wur­de in den Astro­phy­si­cal Jour­nal Let­ters veröffentlicht.

Die Pla­ne­ten­ent­ste­hung fin­det, wie all­ge­mein bekannt, in rie­si­gen Schei­ben aus Gas und Staub um Ster­ne durch einen Pro­zess namens Akkre­ti­on statt. Staub­klum­pen ver­dich­ten sich zu klei­nen Par­ti­keln, die kol­li­die­ren und immer grö­ßer wer­den, wodurch Pro­to­pla­ne­ten und schließ­lich Pla­ne­ten ent­ste­hen. Die größ­ten die­ser Par­ti­kel sam­meln dann Gas an und ent­wi­ckeln sich zu Rie­sen­pla­ne­ten wie Jupi­ter. Da die Ent­ste­hung von Gas­rie­sen mehr Zeit in Anspruch nimmt und die Schei­be aus pla­ne­ten­bil­den­dem Mate­ri­al schließ­lich ver­dampft und ver­schwin­det, ent­hal­ten Pla­ne­ten­sys­te­me letzt­end­lich viel mehr klei­ne als gro­ße Planeten.

Ster­ne ent­ste­hen hin­ge­gen, wenn eine rie­si­ge Gas­wol­ke zer­fällt und jedes Frag­ment unter sei­ner eige­nen Schwer­kraft zusam­men­fällt, wodurch es klei­ner und dich­ter wird. Ein ähn­li­cher Zer­falls­pro­zess könn­te theo­re­tisch auch in pro­to­pla­ne­ta­ren Schei­ben statt­fin­den. Das könn­te erklä­ren, war­um eini­ge sehr mas­se­rei­che Objek­te Mil­li­ar­den von Kilo­me­tern von ihren Mut­ter­ster­nen ent­fernt gefun­den wer­den, in Regio­nen, in denen die pro­to­pla­ne­ta­re Schei­be eigent­lich zu dünn gewe­sen wäre, als dass eine Akkre­ti­on hät­te statt­fin­den können.

29 Cyg­ni b liegt an der Trenn­li­nie zwi­schen dem, was durch die­se bei­den unter­schied­li­chen Mecha­nis­men erklärt wer­den kann. Er wiegt 15-mal so viel wie Jupi­ter und umkreist sei­nen Stern in einer durch­schnitt­li­chen Ent­fer­nung von 2,4 Mil­li­ar­den Kilo­me­tern, etwa so weit wie Ura­nus in unse­rem Son­nen­sys­tem. Das For­schungs­team nahm ihn ins Visier, da er poten­zi­ell aus bei­den Pro­zes­sen her­vor­ge­gan­gen sein könnte.

29 Cygni b
Astro­no­men nutz­ten das James-Webb-Welt­raum­te­le­skop im koro­no­gra­phi­schen Modus, um 29 Cyg­ni b direkt abzu­bil­den. Dabei wird ein Keil (blau umran­det) ver­wen­det, um das Licht des Zen­tral­sterns (mit A und einem Stern­sym­bol gekenn­zeich­net) abzu­schir­men und so den Pla­ne­ten sicht­bar zu machen. – Cre­dit: NASA, ESA, CSA, W. Bal­mer (JHU, STScI), L. Pueyo (STScI). Image pro­ces­sing: A. Pagan (STScI)

Das Beob­ach­tungs­pro­gramm des Wis­sen­schafts­teams nutz­te Webbs Nahin­fra­rot­ka­me­ra (NIR­Cam) im koro­na­gra­phi­schen Modus, um 29 Cyg­ni b direkt abzu­bil­den. Die­ser Pla­net war das ers­te von vier Objek­ten, die im Rah­men des Pro­gramms unter­sucht wur­den. Alle vier Objek­te haben bekann­ter­ma­ßen die 1- bis 15-fache Mas­se des Jupi­ters. Das Team leg­te außer­dem fest, dass die Ziel­ob­jek­te ihre Ster­ne in einem Umkreis von etwa 15 Mil­li­ar­den Kilo­me­tern umkrei­sen sollten. 

Die Pla­ne­ten waren alle jung und auf­grund ihrer Ent­ste­hung noch heiß, mit Tem­pe­ra­tu­ren zwi­schen etwa 530 und 1.000 Grad Cel­si­us. Dies gewähr­leis­te­te, dass ihre Atmo­sphä­ren­che­mie der­je­ni­gen der Pla­ne­ten von HR 8799 ähnel­te, deren Sys­tem das Team bereits zuvor unter­sucht hatte . 

Durch die Wahl geeig­ne­ter Fil­ter konn­te das Team nach Anzei­chen für die Absorp­ti­on von Licht durch Koh­len­di­oxid (CO₂) und Koh­len­mon­oxid (CO) suchen, wodurch es die Men­ge die­ser schwe­re­ren che­mi­schen Ele­men­te bestim­men konn­te, die Astro­no­men zusam­men­fas­send als Metal­le bezeichnen.

Sie fan­den star­ke Hin­wei­se dar­auf, dass 29 Cyg­ni b im Ver­gleich zu sei­nem Zen­tral­stern, des­sen Zusam­men­set­zung unse­rer Son­ne ähnelt, mit Metal­len ange­rei­chert ist. Ange­sichts der Pla­ne­ten­mas­se ent­spricht die Men­ge an schwe­ren Ele­men­ten, die er ent­hält, etwa 150 Erd­mas­sen. Dies deu­tet dar­auf hin, dass er gro­ße Men­gen metall­rei­cher Fest­kör­per aus einer pro­to­pla­ne­ta­ren Schei­be auf­ge­nom­men hat.

Das Team nutz­te außer­dem ein boden­ge­bun­de­nes opti­sches Tele­skop­ar­ray namens CHARA (Cen­ter for High Angu­lar Reso­lu­ti­on Astro­no­my), um fest­zu­stel­len, ob die Umlauf­bahn des Pla­ne­ten mit der Rota­ti­on des Sterns über­ein­stimmt. Sie bestä­tig­ten die­se Aus­rich­tung, die für ein Objekt, das aus einer pro­to­pla­ne­ta­ren Schei­be ent­stan­den ist, zu erwar­ten wäre.

Zusam­men­ge­nom­men deu­ten die­se Bewei­se stark dar­auf hin, dass sich 29 Cyg­ni b inner­halb einer pro­to­pla­ne­ta­ren Schei­be durch rasche Akkre­ti­on metall­rei­chen Mate­ri­als gebil­det hat. Wäh­rend das Team Daten zu den ande­ren drei Zie­len sei­nes Pro­gramms sam­melt, plant es, nach Hin­wei­sen auf Unter­schie­de in der Zusam­men­set­zung zwi­schen Pla­ne­ten mit gerin­ge­rer und höhe­rer Mas­se zu suchen. Dies dürf­te zusätz­li­che Ein­bli­cke in ihre Ent­ste­hungs­me­cha­nis­men liefern.

Hintergrundinformationen

Webb ist das größ­te und leis­tungs­stärks­te Tele­skop, das jemals ins All gebracht wur­de. Im Rah­men einer inter­na­tio­na­len Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung stell­te die ESA den Start­dienst für das Tele­skop unter Ein­satz der Trä­ger­ra­ke­te Aria­ne 5 bereit. In Zusam­men­ar­beit mit ihren Part­nern war die ESA für die Ent­wick­lung und Qua­li­fi­zie­rung der Anpas­sun­gen der Aria­ne 5 für die Webb-Mis­si­on sowie für die Beschaf­fung des Start­diens­tes durch Aria­nespace ver­ant­wort­lich. Die ESA stell­te außer­dem den Haupt­spek­tro­gra­fen NIR­Spec sowie 50 % des Mit­tel­in­fra­rot-Instru­ments MIRI bereit, das von einem Kon­sor­ti­um staat­lich finan­zier­ter euro­päi­scher Insti­tu­te (dem MIRI Euro­pean Con­sor­ti­um) in Zusam­men­ar­beit mit dem JPL und der Uni­ver­si­ty of Ari­zo­na ent­wi­ckelt und gebaut wurde.

Webb ist eine inter­na­tio­na­le Part­ner­schaft zwi­schen der NASA, der ESA und der Cana­di­an Space Agen­cy (CSA).

Bild­nach­weis: NASA, ESA, CSA, J. Olm­sted (STScI)

Links

Link zur ESA-Pres­se­mit­tei­lung weic2607

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert