Mit T‑Shirt unterm Sternenhimmel

Lese­zeit: 5 Minu­ten

Ich mag die lau­en Som­mer­näch­te, beson­ders wenn man drau­ßen in T‑Shirt und kur­zen Hosen beob­ach­ten kann. In den auf­ge­heiz­ten Buden ist es näm­lich nicht mehr zum Aus­hal­ten. Es gibt kei­ne Pro­ble­me mit Tau und der Kör­per kann sich bei deut­lich ange­neh­me­ren Tem­pe­ra­tu­ren akkli­ma­ti­sie­ren. Nur die Mücken hier im Spree­wald stö­ren zum Teil. Aber dafür gibt es ja spe­zi­el­le Mit­tel. Des­halb bin ich dank­bar, dass ich nach dem Sieg der Spa­ni­er gegen die Hol­län­der kurz nach 23 Uhr pünkt­lich von zu Hau­se aus los­fah­ren und der über­hitz­ten Woh­nung ent­flie­hen kann. End­lich raus zum Beob­ach­ten und mich bei ange­neh­men Tem­pe­ra­tu­ren unter einem pracht­vol­len Stern­him­mel stel­len. Ein­fach herr­lich. Lei­der ist der Him­mel nicht mehr ganz so bril­lant wie noch vor zwei Tagen bei der Jagd nach den Leuch­ten­den Nacht­wol­ken, aber trotz­dem noch ganz akzep­ta­bel. Die Milch­stra­ße spannt sich quer über den Him­mel bis zum Süd­ho­ri­zont her­ab. Glück­li­cher­wei­se macht auch der Land­wirt kei­ne Schwie­rig­kei­ten, denn weit und breit ist kein Flut­licht einer Ern­te­ma­schi­ne zu sehen. Dies­be­züg­lich hat­te ich ja schon mal Pech und konn­te wie­der einpacken. 

Dies­mal habe ich vor, eini­ge Objek­te auf­zu­su­chen, die ich vor­her noch nicht beob­ach­tet habe. Dazu gehö­ren auch eini­ge Mes­sier-Objek­te in den Stern­bil­dern Schüt­ze und Skor­pi­on. Für das Stern­bild Skor­pi­on ist es aller­dings schon zu spät, da es sich erfolg­reich hin­ter Sträu­chern ver­ste­cken kann. Auch ein ‑6,9 mag hel­ler Irdi­um-Fla­re steht noch auf mei­ner Lis­te. Des­halb stell­te ich zuerst die Kame­ra bereit, um für Iri­di­um 57 gewapp­net zu sein. Um das War­ten zu ver­kür­zen, über­prü­fe ich die Kol­li­ma­ti­on mei­nes 8 Zoll Dob­sons. Nur hier und da sind noch klei­ne Kor­rek­tu­ren nötig. Bis zum Auf­tau­chen des Fla­res, knapp 11 Minu­ten nach Mit­ter­nacht, beob­ach­te­te ich noch schnell Mes­sier 13 im Her­ku­les. Der stern­rei­che und hel­le Kugel­stern­hau­fen ist im 9 mm Weit­win­ke­l­oku­lar wie immer ein herr­li­cher Anblick. Auch die Nach­bar­ga­la­xie NGC 6207 ist leicht sicht­bar. Dann kurz nach Mit­ter­nacht erscheint der Fla­re auch zum berech­ne­ten Zeit­punkt nörd­lich vom Kopf der Schlan­ge und süd­öst­lich der Nörd­li­chen Kro­ne. Ich drü­cke auf den Aus­lö­ser und belich­tet 30 Sekun­den lang und bin froh, den Fla­re zum rich­ti­gen Zeit­punkt erwischt zu haben. Mitt­ler­wei­le bemer­ke ich auch das Wet­ter­leuch­ten in Rich­tung Wes­ten. Im Elbe-Els­ter-Kreis herrscht zu die­sem Zeit­punkt wohl ein kräf­ti­ges Unwet­ter. Und ich ste­he hier mit mei­nem Dob­son unter dem Ster­nen­him­mel. Wirk­lich fas­zi­nie­rend und zum Teil unheim­lich, immer wie­der die Wol­ken­tür­me am Hori­zont hell auf­blit­zen zu sehen. Das Gewit­ter wird mich in die­ser Nacht wohl nicht stören.

Iridium 57 Flare

-6,9 mag hel­ler Fla­re von Iri­di­um 57 am 12. Juli 2010, 00:11 Uhr MESZ

Ich wen­de mich wie­der dem Nacht­him­mel zu und star­te mit dem hel­len Kugel­stern­hau­fen Mes­sier 22 im Schüt­zen. Ich stau­ne nicht schlecht, da bei die­ser gerin­gen Hori­zont­hö­he der Kugel­stern­hau­fen bis ins Zen­trum auf­ge­löst und leicht oval erscheint. Was für ein fan­tas­ti­scher Anblick wür­de sich erge­ben, wenn M 22 höher stün­de. Mit 6,2 mag Hel­lig­keit ist das Objekt aber schon im Sucher als ova­ler Licht­fleck sicht­bar. West­lich des Hau­fens erkennt man in mei­nem Über­sichts­oku­lar auch eine inter­es­san­te Stern­grup­pe von gleich hel­len Sternen.
Wei­ter gehts per Sta­r­hop­ping zum Kugel­stern­hau­fen Mes­sier 28. M 28 ist deut­lich klei­ner, schwä­cher und run­der als M 22. Das Zen­trum bleibt auch bei hoher Ver­grö­ße­rung nicht auf­ge­löst. Nur im Rand­ge­biet erschei­nen eini­ge Ster­ne. Auch die­ser Kugel­stern­hau­fen erscheint im Sucher, aller­dings als deut­lich schwä­che­rer Nebelfleck.
Nun schwen­ke ich zu Mes­sier 54. Mein Dob­son zeigt hier fast par­al­lel zum Hori­zont, was auch kein Wun­der ist, da der Kugel­stern­hau­fen im süd­li­chen Bereich des Schüt­zen gera­de ein­mal 7 Grad Höhe erreicht. Das Objekt ist noch deut­lich klei­ner als M 22. Auch bei 100facher Ver­grö­ße­rung bleibt der Hau­fen dif­fus und nicht auf­ge­löst. Nur sein Zen­trum erscheint etwas heller.
Wei­ter gehts zu Mes­sier 9, dies­mal im Schlan­gen­trä­ger, der etwas ober­halb der Sträu­cher steht. Die­ser Kugel­hau­fen ist eben­falls im Sucher sicht­bar. Mit 133facher Ver­grö­ße­rung lässt sich aber nur der Rand­be­reich in ein­zel­ne Ster­ne auf­lö­sen. Das hel­le Zen­trum bleibt unauf­ge­löst und leicht sternförmig.
Mes­sier 23 im Schüt­zen prä­sen­tiert sich in mei­nem Über­sichts­oku­lar als wirk­lich hüb­sches Exem­plar eines offe­nen und rela­tiv gro­ßen Stern­hau­fens. Vie­le gleich hel­le Ster­ne ord­nen sich in Ket­ten und in der Form eines Drei­ecks an. Im öst­li­chen Teil ist ein röt­lich leuch­ten­der Stern sicht­bar, der wohl noch zum Hau­fen gehört. Im Sucher erscheint M 23 als gro­ßer, leicht läng­li­cher und deut­lich sicht­ba­rer Nebelfleck.

Mitt­ler­wei­le inten­si­viert sich das Wet­ter­leuch­ten. Auch die Mücken wer­den wie­der bis­si­ger. Ich ver­las­se die süd­li­chen Regio­nen der Milch­stra­ße und schwen­ke in Rich­tung Nord­wes­ten zum Stern­bild Dra­che. Nun ver­las­se ich die Umge­bung der Milch­stra­ße und sto­ße ins Reich der Gala­xien vor.

Auf dem Weg zu Mes­sier 102 sto­ße ich auf NGC 5879 im Dra­chen. Die schwa­che und läng­li­che Gala­xie ist in mei­nem 32 mm Über­sichts­oku­lar und im 9 mm Weit­win­kel schon direkt sicht­bar und steht öst­lich eines 7 mag hel­len Sterns. Danach schwen­ke ich auf die nadel­fei­ne aber über­ra­schend auf­fäl­li­ge Gala­xie NGC 5907. Die Gala­xie hat eine Elon­ga­ti­on von 1:10 und erscheint mit knapp 12 Bogen­mi­nu­ten Län­ge wie eine fei­ne Nadel. Bei 130facher Ver­grö­ße­rung ist ihr Zen­trum deut­lich hel­ler als der rest­li­che Gala­xien­kör­per und eben­falls leicht länglich.
Nun neh­me ich das schwa­che Gala­xien­paar NGC 5905 und NGC 5908 in Augen­schein. Mit dem Über­sichts­oku­lar sind die bei­den Gala­xien durch den hel­le­ren Him­mel­hin­ter­grund nicht sicht­bar. Mit dem 9 mm Weit­win­kel muss ich schon eine gan­ze Wei­le suchen, um die bei­den Gala­xien indi­rekt als ova­le und äußerst schwa­che Licht­fle­cken der 12. Grö­ßen­klas­se wahr­zu­neh­men. Bei NGC 5905 ist die Sich­tung aller­dings schon etwas fraglich.
Schließ­lich sto­ße ich auf die Spin­del­ga­la­xie Mes­sier 102 im Dra­chen. Die hel­le Gala­xie erscheint von der Sei­te inner­halb eines Drei­ecks von Ster­nen 8., 9., und 10. Grö­ßen­klas­se ein­ge­bet­tet. Bei hoher Ver­grö­ße­rung erscheint der Gala­xien­kör­per in der Mit­te leicht dunk­ler. Macht sich hier schon das cha­rak­te­ris­ti­sche Staub­band bemerk­bar, was man auf län­ger belich­te­ten Fotos erken­nen kann?

Nach die­sem kur­zen Abste­cher zum Dra­chen schwen­ke ich hin­über zum Kopf der Schlan­ge. Bevor die ein­set­zen­de Mor­gen­däm­me­rung mir einen Strich durch die Rech­nung macht, möch­te ich noch zwei wei­te­re Gala­xien mitnehmen.
NGC 5970 in der Schlan­ge ist eine schwa­che rund­li­che und eher dif­fu­se Gala­xie, die nur bei indi­rek­tem Sehen als sol­che zu erken­nen ist. Sie befin­det sich direkt auf der Ver­bin­dungs­li­nie zwi­schen Del­ta und Beta Ser­pen­tis auf rund 1/3 die­ser Stre­cke. Knapp 5 Grad nord­west­lich von Beta Ser neh­me ich noch NGC 5962 aufs Korn. Auch die­se Gala­xie ist schwach und dif­fus, aller­dings auch deut­lich grö­ßer und ova­ler als NGC 5970.
Nun rei­se ich zurück ins Son­nen­sys­tem und schub­se den Dob­son in Rich­tung Osten auf den Rie­sen­pla­ne­ten Jupi­ter zu. Seit Beginn der Beob­ach­tung hat sich das See­ing etwas ver­schlech­tert, da ich kaum Ein­zel­hei­ten auf der Jupiter­schei­be wahr­neh­men kann. Auf­fäl­lig ist aber das feh­len­de süd­li­che Äqua­tor­band, was dem Jupi­ter ein recht unge­wöhn­li­ches Aus­se­hen verleiht.

Weil lang­sam aber sich die Mor­gen­däm­me­rung vor­an­schrei­tet, wid­me ich mich noch eini­gen Stan­dard­ob­jek­ten des Som­mer­him­mels. Vor­her ver­su­che ich noch den Kome­ten C/2009 K5 McNaught im Stern­bild Giraf­fe auf­zu­su­chen, was mir aber lei­der nicht mehr gelingt. Die bei­den Pla­ne­ta­ri­schen Nebel Mes­sier 57 in der Lei­er und Mes­sier 27 im Füchs­chen, sowie der Kugel­stern­hau­fen Mes­sier 92 im Her­ku­les dür­fen natür­lich auf kei­ner Tour feh­len und sind auch in der Däm­me­rung dank­ba­re Objekte.

Nach dem Ver­stau­en der Aus­rüs­tung und bevor es wie­der heim­wärts geht, wer­fe ich noch schnell einen letz­ten Blick auf die immer schwä­cher wer­den­de Milchstraße.

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeige diese Bilder u.a. auf Flickr.

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