Fotografische Odyssey

Lese­zeit: 6 Minu­ten

Hob­by­as­tro­no­men sind ja bekannt­lich hart im Neh­men. Sei es, dass sie bei Minus­tem­pe­ra­tu­ren drau­ßen in der Käl­te am Fern­rohr ste­hen, sich über den neu­en Sky­bea­mer einer ört­li­chen Dis­co­thek ärgern oder vom Jagd­päch­ter vom ange­stamm­ten Beob­ach­tungs­platz ver­trie­ben wer­den. Das habe ich, und ande­re, in die­ser Art und Wei­se auch schon ein­mal erlebt. In der ers­ten Okto­ber­wo­che konn­te ich eini­ge wei­te­re Punk­te mei­ner Ärger­nis­lis­te hinzufügen.

Das Wet­ter ver­spricht eine kla­re Nacht. Und so packe ich mei­ne Aus­rüs­tung zur Astro­fo­to­gra­fie ins Auto und bre­che zu mei­nem ange­stamm­ten Beob­ach­tungs­stand­ort nach Radens­dorf auf. Schon von der Land­stra­ße aus sehe ich zwei Trak­to­ren, die mit ihren Flut­licht­schein­wer­fern am Feld­rand ste­hen und auf irgend­et­was war­ten. Der Land­wirt hat doch nicht etwa vor, heu­te Nacht sein Feld zu pflü­gen, wo ich mich eigent­lich mit mei­ner Astro­trac hin­stel­len möch­te? Na ja viel­leicht ver­schwin­den sie bald und ich habe end­lich mei­ne Ruhe. Ich baue also mein Sta­tiv auf und bin gera­de dabei, es in Waa­ge zu brin­gen, als die Trak­to­ren auf hin­auf­fah­ren. Der Licht­ke­gel strahlt direkt in mei­ne Rich­tung. Zäh­ne­knir­schend packe ich das Sta­tiv wie­der in den Kof­fer­raum und fah­re wei­ter in das Bio­sphä­ren­re­ser­vat hin­ein. Lei­der fin­de ich kei­nen geeig­ne­ten Stand­ort, da über­all Bäu­me die Sicht ver­sper­ren und der holp­ri­ge Feld­weg, auf dem ich mich even­tu­ell stel­len möch­te, nicht gera­de breit ist. Nicht dass ich hier die nächs­te Über­ra­schung auf mich war­tet und urplötz­lich irgend­ein Jäger den Weg hin­un­ter­ge­fah­ren kommt. Ich über­le­ge und ent­schei­de mich für den Wind­park Brie­sen­see. Dort ange­kom­men ist es schon ziem­lich unge­wohnt. Der zum Teil recht böi­ge Wind und dazu noch die Geräu­sche der Wind­kraft­an­la­gen sind schon recht unan­ge­nehm. Wenigs­tens habe ich hier einen guten Blick in Rich­tung Osten. Denn das Grenz­ge­biet der Stern­bil­der Kas­sio­peia und Per­seus, mit dem Herz­ne­bel und dem Dop­pel­stern­hau­fen h und Chi Persei, ist mein heu­ti­ges Ziel für mei­ne Kame­ra. So noch schnell das Sta­tiv in Waa­ge gebracht und die Astro­trac drauf gesetzt. Erst hier fällt mir auf, dass ich den blau­en Kof­fer mit der Astro­trac zu Hau­se ver­ges­sen habe. Also schmei­ße ich aber­mals das Sta­tiv zurück ins Auto und mache mich auf den 15 km lan­gen Weg zurück nach Hau­se. Auf der Fahrt über­le­ge ich, wo man sich denn noch hin­stel­len könn­te. Ein alter Beob­ach­tungs­stand­ort befin­det sich hier gleich in der Nähe und zwar in Bie­bers­dorf, direkt an der Wen­de­schlei­fe. Hier stö­ren aber Later­nen und die nahe Bun­des­stra­ße die Beob­ach­tung doch sehr. Oder stel­le ich mich in Trep­pen­dorf aufs Feld? In Rich­tung Nord­os­ten stört aber mei­ne Hei­mat­stadt Lüb­ben mit ihren Lich­tern. Außer­dem befürch­te ich, dort mit mei­nem Auto im Morast oder in einem tie­fen Schlag­loch ste­cken zu blei­ben, weil der Weg durch Land­ma­schi­nen schon län­ger ziem­lich kaputt­ge­fah­ren ist.

Blick in Rich­tung Süden am neu­en Stand­ort in Wußwerk

Nach­dem ich mei­ne Astro­trac abge­holt habe, fah­re ich wie­der in Rich­tung mei­nes Beob­ach­tungs­stand­or­tes. Viel­leicht ist der Bau­er end­lich mit der Arbeit fer­tig – aber falsch gedacht. So fah­re ich wei­ter die Dör­fer ent­lang und kom­me durch Burg­lehn, Alt Zau­che und schluss­end­lich in Wuß­werk an. Hier fin­de ich durch blo­ßen Zufall end­lich eine geeig­ne­te Stel­le, die etwas abge­le­gen ist und wo ich mei­ne Aus­rüs­tung auf­bau­en kann. Hier wird mich garan­tiert nie­mand zu nächt­li­cher Stun­de stö­ren. Das Are­al hier ist ziem­lich groß, so dass man even­tu­ell auch ein klei­nes Tele­skop­tref­fen statt­fin­den las­sen könn­te. In Rich­tung Wes­ten liegt das Dorf Wuß­werk. Im Süden ist der Hori­zont bis in eine Höhe von zwei Grad nahe­zu frei. Nur zwei etwas näher ste­hen­de Bäu­me stö­ren im Süd­os­ten. Auch der Blick in Rich­tung Osten ist güns­tig. Dort befin­det sich ein grö­ße­res Wald­ge­biet, der das Streu­licht abhält und die Blink­lich­ter der Wind­rä­der von Neu Zau­che ver­deckt, so dass sie nicht sicht­bar sind. Der Stand­ort ist auch etwas höher gele­gen und nicht so nebel­an­fäl­lig, wie der in Radens­dorf. In Rich­tung Nor­den gibt es zwar auch höhe­re Bäu­me, die bis auf 40 Grad Höhe die Sicht ein­schrän­ken. Der Polar­stern ist aber sicht­bar, so dass man kei­ne Schwie­rig­kei­ten hat, die Mon­tie­rung auf den Him­mels­pol aus­zu­rich­ten. Ich stel­le schließ­lich in eine klei­ne Lich­tung, die vor dem Wind etwas bes­ser geschützt ist.

Canon EOS 1000Da mit Kit­ob­jek­tiv und der Astro­Trac auf einem Dreibeinstativ

Der Auf­bau der Astro­trac dau­ert nur weni­ge Minu­ten. Ich packe den Pol­su­cher auf die Mon­tie­rung und dre­he die Beleuch­tung auf. Komisch, ich kann die Strich­plat­te nicht erken­nen und schrau­be die Beleuch­tung vom Sucher wie­der ab. Erst hier erken­ne ich, dass die Licht­fal­le, die das Licht auf die Strich­plat­te pro­ji­ziert, beim letz­ten Jus­ta­ge­ver­such ver­dreht wur­de. Schö­ner Mist das Gan­ze. Also han­tie­re ich mit roter Taschen­lam­pe vor dem Objek­tiv her­um, damit ich die Mar­kie­run­gen so gut wie mög­lich mit den Ster­nen im Gesichts­feld des Pol­su­chers in Ein­klang brin­gen kann. Nach schie­ren end­lo­sen Minu­ten bin ich dann sicher, dass die Mon­tie­rung gut genug auf dem Him­mels­nord­pol aus­ge­rich­tet ist. Nun packe ich die Kame­ra mit dem über 40 Jah­re alten Zeiss 135 mm Tele­ob­jek­tiv auf den Kugel­kopf und dre­he die Kame­ra in Rich­tung des Stern­bilds Per­seus. Dank mei­nes neu­en 90° Win­kel­su­chers muss ich mir dies­mal nicht den Hals ver­ren­ken. Ich star­te den Test­lauf um zu sehen, ob ich einen güns­ti­gen Bild­aus­schnitt erwischt habe. Nach 4 Minu­ten sehen ich mir das Bild an: Die Ster­ne sind als Strich­spu­ren ver­zerrt, obwohl die Nach­füh­rung der Mon­tie­rung ein­ge­schal­tet war. Dann erken­ne ich, dass ich ver­ges­sen habe, die Azi­mut­schrau­be des Kugel­kop­fes fest­zu­zie­hen. Also das Gan­ze noch ein­mal vorn. Nach dem Pro­be­lauf star­te ich die Belich­tung erneut und habe vor, maxi­mal 2 Stun­den am Stück zu belich­ten, bis die Mon­tie­rung wie­der von allei­ne an ihre Aus­gangs­po­si­ti­on fährt. In der Zwi­schen­zeit brin­ge ich mei­ne Canon EOS 600D in Posi­ti­on und mon­tie­re das Fisch­au­gen-Objek­tiv daran.

Sternenspuren um den nördlichen Himmelspol

48 Minu­ten lang belich­te­te Auf­nah­me des Him­mels­pols mit dem Polar­stern im Zentrum

Ich las­se die Mon­tie­rung ihre Arbeit ver­rich­ten und wid­me mich nun der Strich­spur­auf­nah­me. Die Canon EOS 600D stel­le ich etwas abseits in Rich­tung Nor­den auf und stel­le den Timer auf 30 x 3 Minu­ten ein. Hof­fent­lich macht mir Tau auf der Lin­se nicht irgend­wann einen Strich durch die Rech­nung. Denn die Heiz­man­schet­te ver­wen­de ich ja schon für die nach­ge­führ­te Stern­feld­auf­nah­me an mei­ner Canon EOS 1000D. Ich star­te den Timer und gehe wie­der zurück an mein Auto und will mir gera­de mei­nen Kindl schnap­pen, als ich bemer­ke, dass die Astro­trac nicht mehr nach­führt. Die Ener­gie der Bat­te­rien schei­nen wohl erschöpft zu sein. War­um habe ich auch nicht gleich die Mon­tie­rung an mei­ne Power-Sta­ti­on ange­schlos­sen bzw. frisch auf­ge­la­de­ne Ene­lopps ver­wen­det? So sind gleich 5 Bil­der für die Ton­ne und die Zeit dar­auf ver­schwen­det. Unglück­li­cher­wei­se muss ich jetzt auch wie­der die Him­mels­re­gi­on neu ein­stel­len, aber­mals 1 – 2 Test­bil­der schie­ßen und mit der Belich­tung von vor­ne begin­nen. Mei­ne Uhr zeigt soeben 23:30 Uhr an. Zäh­ne­knir­schend wie­der­ho­le ich das Ver­fah­ren und über­prü­fe vor­sorg­lich auch noch ein­mal den Fokus, damit ich hin­ter­her kei­ne wei­te­re Über­ra­schung erle­be. Ich star­te also die Belich­tung erneut und ver­zie­he mich in mein Auto, um end­lich in mei­nem Buch wei­ter­zu­le­sen. Denn die fol­gen­den 2 Stun­den wer­den gefühlt nun ziem­lich lang. Zur Beob­ach­tung und Zeit­ver­treib habe ich auch noch mein Fuji­non 7x50 Fern­glas mit­ge­nom­men, das ich wäh­rend der Timer sein Belich­tungs­pro­gramm abspult, frei­hän­dig ver­wen­de und es auf eini­ge bekann­te Deep-Sky Objek­te rich­te. Zwi­schen­durch sehe ich mir den neu­en Stand­ort etwas genau­er an.

Herznebel mit IC 1848 sowie NGC 869 und NGC 884 im Perseus

Die bei­den HII-Regio­nen IC 1805 und IC 1848 und dem Dop­pel­stern­hau­fen im Per­seus in einer 104 minü­ti­gen Aufnahme.

Nach rund einer Stun­de sehe ich rou­ti­ne­mä­ßig mal nach mei­ner Kame­ra, die mit den Strich­spur­auf­nah­men beschäf­tigt ist. Ich stel­le fest, dass die Kame­ra kei­nen Mucks mehr von sich gibt. Nur der Timer klickt mun­ter vor sich hin. Offen­sicht­lich ist nun wohl auch der Akku der Canon EOS 600D leer. Ich leuch­te auf die Front­lin­se des Obje­kl­tivs und sehe, dass sich schon ers­ter breit­ge­macht hat. Also müs­sen wohl 48 Minu­ten für die Strich­spur­auf­nah­me rei­chen. Der­wei­len belich­tet die Kame­ra auf der Astro­trac mun­ter wei­ter vor sich hin.
Nach wei­te­ren 45 Minu­ten zeigt das akus­ti­sche Signal der Nach­führ­platt­form an, dass die zwei Stun­den gleich vor­bei sind. 10 Minu­ten spä­ter ist es dann soweit als die Astro­trac wie­der auf die Aus­gangs­po­si­ti­on zurück­fährt. Gera­de recht­zei­tig, denn ich sehe schon die Sil­hou­et­te auf­ge­hen­den des Mon­des über dem Wald­ge­biet im Osten. Und auch die Ener­gie des ande­ren Kame­ra­ak­kus nährt sich lang­sam der Null­li­nie. Ich belich­te noch schnell 10 Flats und klem­me die Kame­ra vom Kugel­kopf ab. Die Dun­kel­bil­der kön­nen der­wei­len auf der Rück­bank mei­nes Autos belich­tet wer­den. Also habe ich nun die Zeit, die Aus­rüs­tung in aller Ruhe wie­der im Kof­fer­raum zu ver­stau­en, bis ich dann kurz nach 2 Uhr mor­gens end­lich den Heim­weg antre­ten kann. Die Kame­ra macht der­wei­len auf dem Bei­fah­rer­sitz wei­ter ihre Dun­kel­bil­der. Wie­der zu Hau­se ange­kom­men ist die Aus­rüs­tung recht schnell in der Woh­nung ver­staut und ein wei­te­res astro­fo­to­gra­fi­sches Pro­jekt im Kasten.

Was ich zu Beginn nicht ver­mu­tet habe war es trotz aller Wid­rig­kei­ten eine erfolg­rei­che Nacht. Das nächs­te Mal wer­de ich aber bes­ser vor­be­rei­tet sein und die Aus­rüs­tung noch mal über­prü­fen, bevor ich zu einer wei­te­ren astro­fo­to­gra­fi­schen Tour mit mei­ner Astro­trac aufbreche. 🙂

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeige diese Bilder u.a. auf Flickr.

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