Öffentlichkeit hilft bei der Suche nach Gravitationslinsen

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Mit dem Start von „Space Warps“, einem neu­en Bür­ger­wis­sen­schafts­pro­jekt auf der Platt­form Zoo­ni­ver­se, kann sich die Öffent­lich­keit nun aktiv an der Suche nach sel­te­nen und schwer erkenn­ba­ren star­ken Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen betei­li­gen. Grund­la­ge dafür sind bis­her unver­öf­fent­lich­te Auf­nah­men des Welt­raum­te­le­skops Euclid der Euro­päi­schen Welt­raum­or­ga­ni­sa­ti­on ESA. Das Pro­jekt zielt dar­auf ab, neue Erkennt­nis­se über die dunk­le Mate­rie in Gala­xien zu Hin­wei­se auf die rät­sel­haf­te dunk­le Ener­gie zu liefern.

Gravitationslinsen Euclid
Die­se Auf­nah­me zeigt Bei­spie­le für Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen, die Euclid wäh­rend der ers­ten Beob­ach­tun­gen der Deep-Field-Area­le auf­ge­nom­men hat. © ESA/Euclid/Euclid Consortium/NASA, Bild­be­ar­bei­tung durch M. Walm­s­ley, M. Huer­tas-Com­pa­ny, J.-C. Cuil­land­re (CC BY-SA 3.0 IGO)

„Warps“ in der Raum­zeit sind nicht nur ein The­ma für Sci­ence-Fic­tion-Wer­ke wie Star Trek oder den Film Inter­stel­lar. In der Rea­li­tät beob­ach­ten wir die­sen Ver­zer­rungs­ef­fekt der Gra­vi­ta­ti­on auf die Raum­zeit in Form des Gravitationslinseneffekts.

Die gewal­ti­ge Mas­se eines Objekts – etwa einer Gala­xie oder eines Gala­xien­hau­fens – ver­zerrt die Struk­tur der Raum­zeit und beugt die Licht­strah­len einer dahin­ter lie­gen­den, fer­nen Gala­xie. Durch die­se Krüm­mung wirkt die Vor­der­grund­ga­la­xie wie eine Lupe.

Das Licht des Hin­ter­grund­ob­jekts, das nor­ma­ler­wei­se ver­deckt blie­be, bewegt sich nicht mehr gerad­li­nig. Es krümmt sich statt­des­sen um die dazwi­schen­lie­gen­de Mas­se her­um, wodurch oft Mehr­fach­bil­der, ver­zerr­te Bögen oder sogar ein voll­stän­di­ger Ring ent­ste­hen – ein soge­nann­ter „Ein­stein­ring“, wie er kürz­lich von Euclid ent­deckt wurde.

Star­ke Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen sind ein ein­drucks­vol­ler Beleg für Ein­steins All­ge­mei­ne Rela­ti­vi­täts­theo­rie. Sie ver­deut­li­chen, dass Mate­rie im Uni­ver­sum als natür­li­ches Tele­skop fun­gie­ren kann, das ferns­te Objek­te sicht­bar macht.

Das Welt­raum­te­le­skop Euclid der ESA revo­lu­tio­niert die Unter­su­chung star­ker Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen durch hoch­emp­find­li­che Auf­nah­men wei­ter Him­mels­area­le in bei­spiel­lo­ser Detail­tie­fe. Genau dies ist not­wen­dig, um die sel­te­nen Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen zu identifizieren.

Im März 2025 wur­den in der ers­ten Ver­öf­fent­li­chung (Quick Data Release 1, Q1) fast 500 star­ke Lin­sen zwi­schen Gala­xien iden­ti­fi­ziert, die sich in nur 0,04 % der bis­he­ri­gen Euclid-Daten ver­bar­gen. Die meis­ten davon waren zuvor völ­lig unbe­kannt. Die­ser ers­te Kata­log wur­de durch die kom­bi­nier­te Leis­tung von Bür­ger­wis­sen­schaft­ler, maschi­nel­lem Ler­nen (ML) – einem Teil­be­reich der künst­li­chen Intel­li­genz (KI) – und Fach­wis­sen­schaft­ler erstellt.

Exklusiver Vorab-Einblick in neue Euclid-Aufnahmen

Wäh­rend Euclid sei­ne Him­mels­durch­mus­te­rung fort­setzt und täg­lich rund 100 GB an Daten zur Erde sen­det, benö­ti­gen die ESA und das Euclid-Kon­sor­ti­um erneut die Unter­stüt­zung von Bür­ger­wis­sen­schaft­lern, um star­ke Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen in einem umfang­rei­chen Daten­satz zu identifizieren.

Zu die­sem Zweck hat das Space-Warps-Team ein Citi­zen-Sci­ence-Pro­jekt initi­iert, das auf neu­en Euclid-Auf­nah­men basiert. Die­se wer­den Bestand­teil der künf­ti­gen Daten­ver­öf­fent­li­chung „Data Release 1“ (DR1) sein. Da die­se Daten noch nicht öffent­lich zugäng­lich sind, bie­tet die Teil­nah­me an dem Pro­jekt die exklu­si­ve Gele­gen­heit, vor­ab einen Blick auf die neu­en Gala­xien-Bil­der des Tele­skops zu werfen.

Im Fokus ste­hen dabei hoch­wer­ti­ge Bild­da­ten, in denen sich zahl­rei­che bis­her unbe­kann­te star­ke Lin­sen ver­ber­gen. Ins­ge­samt wer­den rund 300.000 Bil­der gezeigt, die mit­tels ML-Algo­rith­men vor­se­lek­tiert wur­den. Die Kri­te­ri­en für die­se Aus­wahl wur­den durch die Ergeb­nis­se der ers­ten Euclid-Suche nach star­ken Lin­sen wei­ter ver­fei­nert. Es han­delt sich um die viel­ver­spre­chends­ten Kan­di­da­ten aus einer beein­dru­cken­den Men­ge von 72 Mil­lio­nen Gala­xien in DR1, die durch ML-Algo­rith­men klas­si­fi­ziert wur­den. Fach­leu­te erwar­ten, dass die­ser her­aus­ra­gen­de Daten­satz zur Ent­de­ckung von mehr als 10.000 neu­en Lin­sen füh­ren wird.

Präzise Vorauswahl gegen die Datenflut

For­schen­de der Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät (LMU) Mün­chen und des Max-Planck-Insti­tuts für extra­ter­res­tri­sche Phy­sik (MPE) in Gar­ching waren maß­geb­lich an der Selek­ti­on der Daten für das Pro­jekt „Space Warps“ betei­ligt. Da Euclid für die Erfas­sung fer­ner Gala­xien durch unse­re Hei­mat­ga­la­xie, die Milch­stra­ße, bli­cken muss, ist es not­wen­dig, stö­ren­de Objek­te wie Ster­ne, Nebel und ande­re Phä­no­me­ne vor­ab zu iden­ti­fi­zie­ren und aus dem Kata­log zu ent­fer­nen. Erst danach kann die geziel­te Suche nach Lin­sen­kan­di­da­ten erfolgen.

„Beim ers­ten Durch­lauf mit den Q1-Daten redu­zier­te die­ser Schritt 29 Mil­lio­nen Objek­te auf ledig­lich eine Mil­li­on, die anschlie­ßend mit­tels maschi­nel­lem Ler­nen und mensch­li­cher Begut­ach­tung genau­er unter­sucht wur­den“, erklärt LMU- und MPE-Dok­to­rand Leon Ecker. Zusam­men mit Maxi­mi­li­an Fabri­ci­us, Stel­la Seitz und Rober­to Saglia (alle LMU und MPE) stell­te Ecker jedoch fest, dass die ursprüng­li­che Aus­wahl zu grob gefasst war. Durch ein ver­fei­ner­tes Ver­fah­ren iden­ti­fi­zier­ten sie 27.000 zusätz­li­che Kan­di­da­ten. Dies führ­te zur Ent­de­ckung von 72 wei­te­ren star­ken Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen, die im ers­ten Ansatz unent­deckt geblie­ben waren – was 14 % der Gesamt­fun­de von fast 600 Objek­ten ausmacht.

„Der aktu­el­le DR1-Daten­satz pro­fi­tiert nun direkt von die­sen Opti­mie­run­gen. So wird ver­hin­dert, dass eine beträcht­li­che Anzahl poten­zi­el­ler Ent­de­ckun­gen über­se­hen wird“, ergänzt Ecker.
Wel­che Erkennt­nis­se lie­fern star­ke Gravitationslinsen?

Die Euclid-Mis­si­on unter­sucht die Expan­si­on des Uni­ver­sums und die Ent­wick­lung sei­ner Struk­tu­ren im Lau­fe der kos­mi­schen Geschich­te. Dabei stützt sie sich pri­mär auf zwei Metho­den: den schwa­chen Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen­ef­fekt und baryo­ni­sche akus­ti­sche Oszil­la­tio­nen. Ziel ist es, die Rol­le der Gra­vi­ta­ti­on sowie die Natur der dunk­len Mate­rie und der dunk­len Ener­gie bes­ser zu verstehen.

Star­ke Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen lie­fern eben­falls wert­vol­le Bei­trä­ge zu die­sen zen­tra­len Fra­ge­stel­lun­gen. So ermög­li­chen sie es bei­spiels­wei­se, ein­zel­ne Gala­xien und Gala­xien­hau­fen prä­zi­se zu „wie­gen“. Dies gibt Auf­schluss über die Gesamt­mas­se – bestehend aus sicht­ba­rer und dunk­ler Mate­rie – und macht deren Ver­tei­lung sicht­bar. Durch die Unter­su­chung star­ker Lin­sen über ver­schie­de­ne kos­mi­sche Epo­chen hin­weg kön­nen Wis­sen­schaft­ler die Expan­si­on des Uni­ver­sums und deren Beschleu­ni­gung nach­ver­fol­gen. Dies lie­fert zusätz­li­che Erkennt­nis­se über die Wir­kung der dunk­len Energie.

„Der Erfolg der Kom­bi­na­ti­on von KI mit der visu­el­len Über­prü­fung durch Frei­wil­li­ge und Astro­no­men hat sich bei Space Warps bereits bewährt. Bei einer ers­ten, klei­ne­ren Euclid-Suche im Jahr 2024 konn­ten so hun­der­te exzel­len­te Lin­sen­kan­di­da­ten effi­zi­ent iden­ti­fi­ziert wer­den“, erklärt Apra­ji­ta Ver­ma, Mit­be­grün­de­rin von Space Warps und Pro­jekt­lei­te­rin an der Uni­ver­si­ty of Oxford.

„Der neue DR1-Daten­satz ist drei­ßig­mal umfang­rei­cher als die ursprüng­li­che Suche. Zusam­men mit unse­ren ver­bes­ser­ten Algo­rith­men erwar­ten wir, mehr als 10.000 hoch­wer­ti­ge Lin­sen­kan­di­da­ten zu fin­den. Das ist mehr als das Vier­fa­che der Anzahl an Lin­sen, die seit der Ent­de­ckung der ers­ten Gra­vi­ta­ti­ons­lin­se vor fast 50 Jah­ren ins­ge­samt gefun­den wurden.“

Die­ser dra­ma­ti­sche Fort­schritt wird durch Euclid ermög­licht. Die Mis­si­on kann wei­te Him­mels­area­le mit bis­her uner­reich­ter Schär­fe kar­tie­ren – eine idea­le Vor­aus­set­zung, um sel­te­ne Objek­te wie star­ke Gra­vi­ta­ti­ons­lin­sen aufzuspüren.

Über Euclid

Euclid wur­de im Juli 2023 gestar­tet und nahm am 14. Febru­ar 2024 den wis­sen­schaft­li­chen Rou­ti­ne­be­trieb auf. Ziel der Mis­si­on ist es, den ver­bor­ge­nen Ein­fluss von dunk­ler Mate­rie und dunk­ler Ener­gie auf das sicht­ba­re Uni­ver­sum zu ent­schlüs­seln. Über einen Zeit­raum von sechs Jah­ren wird Euclid die For­men, Ent­fer­nun­gen und Bewe­gun­gen von Mil­li­ar­den von Gala­xien bis zu einer Ent­fer­nung von 10 Mil­li­ar­den Licht­jah­ren untersuchen.

Euclid ist eine euro­päi­sche Mis­si­on, die von der ESA gebaut und betrie­ben wird, mit Bei­trä­gen der NASA. Das Euclid-Kon­sor­ti­um – bestehend aus mehr als 2.000 Wis­sen­schaft­ler von 300 Insti­tu­ten aus 15 euro­päi­schen Län­dern sowie den USA, Kana­da und Japan – ist für die Bereit­stel­lung der wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­te und die Ana­ly­se der wis­sen­schaft­li­chen Daten ver­ant­wort­lich. Die ESA wähl­te Tha­les Ale­nia Space als Haupt­auf­trag­neh­mer für den Bau des Satel­li­ten und sei­nes Ser­vice­mo­duls; Air­bus Defence and Space wur­de mit der Ent­wick­lung des Nutz­last­mo­duls ein­schließ­lich des Tele­skops beauf­tragt. Die NASA lie­fer­te die Detek­to­ren für das Nahin­fra­rot-Spek­tro­me­ter und ‑Foto­me­ter (NISP). Euclid ist eine Mit­tel­klas­se­mis­si­on im Rah­men des Cos­mic-Visi­on-Pro­gramms der ESA.

Der deutsche Beitrag

Euclid wur­de im Juli 2023 gestar­tet und begann am 14. Febru­ar 2024 mit sei­nen rou­ti­ne­mä­ßi­gen wis­sen­schaft­li­chen Beob­ach­tun­gen. Es han­delt sich um eine euro­päi­sche Mis­si­on, die von der Euro­päi­schen Welt­raum­or­ga­ni­sa­ti­on (ESA) gebaut wur­de und betrie­ben wird, mit Bei­trä­gen ihrer Mit­glieds­staa­ten und der NASA. Das Euclid-Kon­sor­ti­um – bestehend aus mehr als 2000 Wis­sen­schaft­ler aus 300 Insti­tu­ten in 15 euro­päi­schen Län­dern, den USA, Kana­da und Japan – ist für die Bereit­stel­lung der wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­te und die wis­sen­schaft­li­che Daten­ana­ly­se ver­ant­wort­lich. Die ESA wähl­te Tha­les Ale­nia Space als Haupt­auf­trag­neh­mer für den Bau des Satel­li­ten und sei­nes Ser­vice­mo­duls aus, wäh­rend Air­bus Defence and Space mit der Ent­wick­lung des Nutz­last­mo­duls, ein­schließ­lich des Tele­skops, beauf­tragt wur­de. Die NASA stell­te die Detek­to­ren des Nahin­fra­rot-Spek­tro­me­ters und ‑Pho­to­me­ters (NISP) zur Verfügung. 

Aus Deutsch­land sind das Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie in Hei­del­berg, das Max-Planck-Insti­tut für extra­ter­res­tri­sche Phy­sik in Gar­ching, die Lud­wig-Maxi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen, die Uni­ver­si­tät Bonn, die Ruhr-Uni­ver­si­tät Bochum, die Uni­ver­si­tät Bie­le­feld und die Deut­sche Raum­fahrt­agen­tur im Deut­schen Zen­trum für Luft- und Raum­fahrt (DLR) in Bonn am Euclid-Pro­jekt beteiligt.

Die Deut­sche Raum­fahrt-Agen­tur im DLR koor­di­niert die deut­schen ESA-Bei­trä­ge und för­dert die betei­lig­ten deut­schen For­schungs­in­sti­tu­te mit 60 Mil­lio­nen Euro aus dem Natio­na­len Raumfahrtprogramm.

Mit rund 21 % ist Deutsch­land der wich­tigs­te Bei­trags­zah­ler zum Wis­sen­schafts­pro­gramm der ESA.

NM

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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