Objekte des Monats: Der Kugelsternhaufen Messier 54

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Der Kugel­stern­hau­fen Mes­sier 54 (NGC 6715), im süd­li­chen Stern­bild Schüt­ze (Sagit­ta­ri­us), wur­de am 24. Juli 1778 vom fran­zö­si­schen Astro­no­men Charles Mes­sier ent­deckt. Von sei­nem Stand­ort in Paris aus beschrieb er ihn wie folgt: „Ein sehr hel­ler Nebel, ent­deckt im Stern­bild Schüt­ze. Er ist im Zen­trum hell und ent­hält kei­ne Ster­ne. Er ist mit einem achro­ma­ti­schen Tele­skop mit 1,07 Metern Brenn­wei­te sicht­bar.“ Der deutsch-bri­ti­sche Astro­nom Fried­rich Wil­helm Her­schel konn­te am 24. Juni 1784 den Stern­hau­fen nur in den Rand­be­rei­chen in etwa ein Dut­zend Ein­zel­ster­ne der 14. und 15. Grö­ßen­klas­se auf­lö­sen. Sein Sohn John beob­ach­te­te den Stern­hau­fen zwi­schen 1834 und 1836 vier­mal von Süd­afri­ka aus. Er beschrieb ihn als „einen leuch­ten­den, ziem­lich gro­ßen Kugel­stern­hau­fen, der kaum läng­lich ist und zur Mit­te hin all­mäh­lich hel­ler wird“. Her­schel trug ihn unter der Bezeich­nung GC 4442 in sei­nen Kata­log ein. J. L. E. Drey­er nahm ihn im Jahr 1888 eben­falls in sei­nen „New Gene­ral Cata­lo­gue of Nebu­lae and Clus­ters of Stars“ auf.

Der am weitesten entfernte Kugelsternhaufen des Messier-Katalogs

Mes­sier 54 ist mit einer schein­ba­ren Hel­lig­keit von 7,9 mag und einem schein­ba­ren Durch­mes­ser von 9,1 Bogen­mi­nu­ten bereits mit einem licht­star­ken Fern­glas erkenn­bar. Der Kugel­stern­hau­fen der Kon­zen­tra­ti­ons­klas­se III ist ver­gleichs­wei­se stark in Rich­tung Zen­trum kon­zen­triert. Er befin­det sich 87.400 Licht­jah­re von der Erde ent­fernt – mehr als drei Mal so weit weg wie die Ent­fer­nung zwi­schen Erde und dem galak­ti­schen Zen­trum. Er besitzt einen wah­ren Durch­mes­ser von gut 300 Licht­jah­ren. Sei­ne Ent­fer­nung zum Zen­trum der Milch­stra­ße beträgt 61.650 Licht­jah­re. Somit ist er der am wei­tes­ten ent­fern­te Kugel­stern­hau­fen in Mes­siers berühm­tem Nebel­ka­ta­log. Sein hel­ler Kern hat nur einen Durch­mes­ser von 2,1 Bogen­mi­nu­ten mit einem sehr dich­ten Zen­trum von etwa eine Bogen­mi­nu­te Aus­deh­nung. Dies macht ihn zu einem der dich­tes­ten bekann­ten Kugel­stern­hau­fen. Auf­grund sei­ner gro­ßen Ent­fer­nung errei­chen die hells­ten Ster­ne des Hau­fens aller­dings nur eine Hel­lig­keit von 15,5 mag, wäh­rend die Hel­lig­keit des Hori­zon­tal­as­tes 17,7 Grö­ßen­klas­sen beträgt. Somit ist der Kugel­hau­fen erst mit grö­ße­ren Instru­men­ten in sei­ne Ein­zel­ster­ne auflösbar.

Messier 54
Mes­sier 54 im Schüt­zen – Auf­nah­me von Kai-Oli­ver Det­ken, Quel­le: CCD-Gui­de, Astro­no­mi­scher Arbeits­kreis Salzkammergut

Mes­sier 54 ent­hält min­des­tens 82 bekann­te Ver­än­der­li­che, von denen 55 der Klas­se der Hau­fen­ver­än­der­li­chen bzw. RR-Lyrae-Ster­ne zuge­rech­net wer­den. Neue­re Stu­di­en gehen sogar von 211 bekann­ten Ver­än­der­li­chen aus. Dar­un­ter befin­den sich auch zwei halb­re­gel­mä­ßi­ge rote Ver­än­der­li­che mit Peri­oden von 77 und 101 Tagen. Im Jahr 2009 wur­den Hin­wei­se auf ein Schwar­zes Loch mitt­le­rer Mas­se im Zen­trum von M 54 ent­deckt. Die­ses besitzt eine geschätz­te Mas­se von 9.400 Son­nen. Die Gesamt­mas­se von Mes­sier 54 wird mit 1,5 Mil­lio­nen Son­nen­mas­sen ange­ge­ben. Mit 850.000-fachen Son­nen­leucht­kraft, einer abso­lu­ten Hel­lig­keit von ‑10 mag und mehr als einer Mil­li­on Mit­glieds­ster­nen gehört M 54 zu den leucht­kräf­tigs­ten und mas­se­reichs­ten bekann­ten Kugel­stern­hau­fen. Nur der spek­ta­ku­lä­re Ome­ga Cen­tau­ri (NGC 5139) im süd­li­chen Stern­bild Ken­taur ist leucht­kräf­ti­ger. M 54 ent­hält meh­re­re Stern­po­pu­la­tio­nen: die Haupt­po­pu­la­ti­on, die etwa 13 Mil­li­ar­den Jah­re alt ist, sowie vier wei­te­re Popu­la­tio­nen, die sich vor 6 Mil­li­ar­den, 4 Mil­li­ar­den, 2,3 Mil­li­ar­den bzw. vor weni­gen hun­dert Mil­lio­nen Jah­ren gebil­det haben.

Ein Besucher aus einer anderen Galaxie

Anfangs ver­mu­te­te man noch, dass Mes­sier 54 zur Milch­stra­ße gehört. Aller­dings ist der Kugel­stern­hau­fen nicht zusam­men mit unse­rer Gala­xie vor vie­len Mil­li­ar­den Jah­ren ent­stan­den. Nach neue­ren For­schungs­er­geb­nis­sen aus dem Jahr 1994 ist M 54 mit der 10.000 Licht­jah­re gro­ßen Sagit­ta­ri­us-Zwerg­ga­la­xie (Sag­DEG = Sagit­ta­ri­us Dwarf Ellip­ti­cal Gala­xy) asso­zi­iert. Die­se umkreist unse­re Hei­mat­ga­la­xie in einem spi­ral­för­mi­gen, pola­ren Orbit, mit einem Abstand von 50.000 Licht­jah­ren um das Zen­trum der Milch­stra­ße. Sie ist Teil unse­rer loka­len Gala­xien­grup­pe. Die Gala­xie besitzt die Koor­di­na­ten RA 18h 55,1m und Dec –30° 29′ und deckt eine Flä­che von 3,2 x 8,2 Grad am Him­mel ab. Sie liegt uns sogar noch etwas näher als die Magel­lan­schen Wol­ken und befin­det sich direkt hin­ter den dich­tes­ten Tei­len der Milch­stra­ße. Nach der Canis-Major-Zwerg­ga­la­xie ist die­se ellip­ti­sche Zwerg­ga­la­xie der nächs­te direk­te Nach­bar unse­rer Gala­xis. Zum extra­ga­lak­ti­schen Ursprung von M 54 pas­sen auch die Ent­fer­nung und die recht hohe Radi­al­ge­schwin­dig­keit von 130 km/s des Kugelsternhaufens.

Sagittarius
Die süd­li­che Milch­stra­ße im Stern­bild Schütze

M 54 fällt mit einer der bei­den Haupt­kon­zen­tra­tio­nen der Sag­DEG-Gala­xie zusam­men und ent­fernt sich mit einer ähn­li­chen Geschwin­dig­keit von uns. Dies macht es sehr wahr­schein­lich, dass sich Mes­sier 54 inner­halb die­ser Gala­xie befin­det. Aus unse­rer Per­spek­ti­ve aus liegt M 54 genau im Zen­trum der Zwerg­ga­la­xie, wes­halb man zunächst des­sen Kern dar­in ver­mu­te­te. Eine Stu­die zeig­te jedoch, dass bei­de unter­schied­li­che Stern­po­pu­la­tio­nen besit­zen und somit unab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­den sein müs­sen. Man ver­mu­tet, dass M 54 auf­grund der dyna­mi­schen Rei­bung und der damit ein­her­ge­hen­den Ver­än­de­rung sei­ner Umlauf­bahn in das Zen­trum der Sagit­ta­ri­us-Zwerg­ga­la­xie gestürzt ist. In etwa 400 Mil­lio­nen Jah­ren wird die Umlauf­bahn sei­ner Wirts­ga­la­xie Mes­sier 54 auf eine Ent­fer­nung von fast 150.000 Licht­jah­ren bringen.

Messier 54 (HST)
Mes­sier 54 in einer Auf­nah­me des Hub­ble-Welt­raum­te­le­skops – Cre­dit: NESA/Hubble & NASA, CC BY 3.0, via Wiki­me­dia Commons

Auch wenn M 54 heu­te als nicht zur Milch­stra­ße gehö­rig ein­ge­stuft wird, wird es in Zukunft Teil unse­rer Gala­xis wer­den. Die star­ke Anzie­hungs­kraft unse­rer Milch­stra­ße ver­schlingt der­zeit die Sagit­ta­ri­us-Zwerg­ga­la­xie. Sie wird schließ­lich mit der Milch­stra­ße ver­schmel­zen und eine grö­ße­re Gala­xie bil­den. Somit ist M 54 dank der Ent­de­ckung durch Charles Mes­sier der ers­te jemals ent­deck­te extra­ga­lak­ti­sche Kugel­stern­hau­fen. Mes­sier war die­se Tat­sa­che natür­lich völ­lig unbe­kannt. Abge­se­hen von M 54 gehö­ren die Kugel­stern­hau­fen Arp 2, Ter­zan 7 und 8 sowie Palo­mar 12 alle zu Sag­DEG. Letz­te­rer könn­te bereits an die Milch­stra­ße ver­lo­ren gegan­gen sein. Der ein­zi­ge ande­re extra­ga­lak­ti­sche Kugel­stern­hau­fen im Mes­sier-Kata­log ist Mes­sier 79 im Stern­bild Hase. Er ist ein Teil der win­zi­gen Canis-Major-Zwerggalaxie.

Beobachtung

Mes­sier 54 ist auf­grund sei­ner süd­li­chen Posi­ti­on nicht ganz leicht zu beob­ach­ten. Auf­grund sei­ner gerin­gen Hori­zont­hö­he wird sein Anblick häu­fig von Dunst und hori­zon­ta­ler Licht­ver­schmut­zung getrübt. In Nami­bia zieht der Kugel­hau­fen dage­gen direkt durch den Zenit. Unter einem dunk­len Land­him­mel erscheint er in einem han­dels­üb­li­chen 10x50-Feld­ste­cher rela­tiv klein und nicht sehr hell, sodass er oft über­se­hen oder mit einem nor­ma­len Feld­stern ver­wech­selt wird. Mit einem 16×70 Fuji­non-Feld­ste­cher erscheint er nur als run­der Nebel­fleck mit hel­le­rem Zen­trum, ähn­lich einem unscharf gestell­ten Stern. In einem 3 bis 4‑Zoll Refrak­tor ist selbst bei einer Ver­grö­ße­rung von 80-fach nur ein run­der, blas­ser Nebel­fleck mit hel­lem Zen­trum erkenn­bar, der zu den Rän­dern hin all­mäh­lich ver­blasst. Unter guten Bedin­gun­gen ist eine gefleck­te Struk­tur mit eini­gen stern­för­mi­gen Kno­ten nach­weis­bar. Mit einer Öff­nung von 5 bis 6‑Zoll erschei­nen bei 120-facher Ver­grö­ße­rung die Rän­der schon leicht kör­nig. Das Zen­trum erscheint sehr kom­pakt und sternförmig.

Aufsuchkarte
Auf­such­kar­te für Mes­sier 54 – erstellt mit SkytechX

Selbst unter sehr guten Bedin­gun­gen sind auch mit einer Öff­nung von 8 bis 10-Zoll und einer sehr hohen Ver­grö­ße­rung von 200-fach kaum Ein­zel­ster­ne am Rand des Kugel­stern­hau­fens erkenn­bar. Meis­tens han­delt es sich hier­bei um schwa­che Vor­der­grund­ster­ne. Am öst­li­chen und süd­öst­li­chen Rand des Hau­fens sind zwei die­ser Ster­ne sicht­bar. Im All­ge­mei­nen erscheint Mes­sier 54 nun fle­ckig und sein Zen­trum etwas grö­ßer. Sein Kern ist unge­wöhn­lich hell. Auf den ers­ten Blick ähnelt M 54 einem pla­ne­ta­ri­schen Nebel, mit einem blass­blau­en Außen­be­reich und einem blass­gel­ben Kern. Das Zen­trum ist von einem schwa­chen, kreis­run­den Nebel umge­ben. Die Rän­der erschei­nen wei­ter­hin gra­nu­liert. Eine ech­te, wenn auch noch unvoll­stän­di­ge Auf­lö­sung gelingt erst mit einer Öff­nung ab 14-Zoll auf­wärts und sehr hoher Ver­grö­ße­rung. Das Zen­trum bleibt auch hier unaufgelöst.

Der Kugel­stern­hau­fen ist am bes­ten in den Spät­som­mer­mo­na­ten zu beob­ach­ten, wenn das Stern­bild Schüt­ze tief im Süden kul­mi­niert. Mit einer Dekli­na­ti­on von ‑30 Grad erreicht das Objekt von Deutsch­land aus jedoch nur eine Höhe von 10° über dem Süd­ho­ri­zont. Dage­gen ist der Kugel­stern­hau­fen rela­tiv leicht auf­zu­fin­den. Er befin­det sich 1 ¾ Grad west­süd­west­lich von Ascel­la (Zeta Sgr, 2,6 mag), dem süd­lichs­ten Stern des Tee­kan­nen-Aste­ris­mus und dritt­hells­ten Stern im Schüt­zen, sowie etwas ober­halb der Ver­bin­dungs­li­nie mit Kaus Aus­tra­lis (Epsi­lon Sgr, 1,8 mag). Wenn wir den süd­öst­li­chen Stern der Tee­kan­ne in die Mit­te des Sucher­fern­rohrs stel­len, soll­te M 54 bereits als rund­li­cher Nebel­fleck in der Nähe des Sterns erkenn­bar sein.

Auf­such­kar­te Mes­sier 54 (47,7 KiB, 83 Downloads)

Steckbrief für Messier 54

Daten und Fak­ten für den Kugel­stern­hau­fen Mes­sier 54 im Schüt­zen (Sagit­ta­ri­us)
Objekt­na­meMes­sier 54
Kata­log­be­zeich­nungNGC 6715, GCL 104, ESO 458-SC8 
TypKugel­stern­hau­fen, III
Stern­bildSchüt­zen (Sagit­ta­ri­us)
Rekt­aszen­si­on (J2000.0)18h 55m 03,3s
Dekli­na­ti­on (J2000.0)-30° 28′ 40″
V Hel­lig­keit7,7 mag
Flä­chen­hel­lig­keit11,0 mag
Win­kel­aus­deh­nung12,0′
Durch­mes­ser300 Licht­jah­re
Ent­fer­nung87.400 Licht­jah­re
Beschrei­bungvB,L,R,g,smbM; * mags 15…
Ent­de­ckerCharles Mes­sier, 1778
Stern­at­lan­tenCam­bridge Star Atlas: Chart 18
Inter­stel­larum Deep Sky Atlas: Chart 78
Mill­en­ni­um Star Atlas: Charts 1411–1412 (Vol III)
Pocket Sky Atlas: Chart 69
Sky Atlas 2000: Chart 22
Urano­me­tria 2nd Ed.: Chart 163

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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