Weltraumteleskop Euclid spürt ferne Quasare mit Rekorddistanz auf

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Mit dem ESA-Welt­raum­te­le­skop Euclid hat jetzt ein neu­es Kapi­tel der Erfor­schung frü­her Qua­sa­re und ihrer Hei­mat­ga­la­xien begon­nen. Neue For­schungs­er­geb­nis­se von Sil­via Bel­la­dit­ta (Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie, MPIA) und Kol­le­gen haben eine der Ent­de­ckun­gen von Euclid wei­ter­ver­folgt und die Hei­mat­ga­la­xie eines der frü­hes­ten bekann­ten super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Löcher im Uni­ver­sum näher untersucht.

Helle Objekte mit einem dunklen Zentrum

Akti­ve Gala­xien­ker­ne, ins­be­son­de­re soge­nann­te Qua­sa­re, sind für eini­ge der hells­ten Leucht­erschei­nun­gen ver­ant­wort­lich, die Astro­no­men am Him­mel beob­ach­ten. “Antrieb” für die enor­me Leucht­kraft ist dabei jeweils Mate­rie, die auf ein zen­tra­les super­mas­se­rei­ches Schwar­zes Loch fällt, also auf ein Schwar­zes Loch mit Mil­lio­nen, Mil­li­ar­den oder sogar noch mehr Son­nen­mas­sen. Sol­che super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Löcher kom­men in so gut wie allen Gala­xien vor. Der Ener­gie­aus­stoß beein­flusst dabei die Stern­ent­ste­hung der umge­ben­den Gala­xie – ein Effekt, der bei den mas­se­reichs­ten Gala­xien beson­ders stark aus­ge­prägt ist. Der akti­ve Gala­xien­kern hemmt Stern­ent­ste­hung, indem er das Gas, das den Roh­stoff für neue Ster­ne bil­det, erhitzt. Er kann aber auch dazu bei­tra­gen, jenes Gas zu ver­dich­ten, und die Stern­ent­ste­hung damit zu fördern.

Quasar
Künst­le­ri­sche Dar­stel­lung des frü­hen Qua­sars mit sei­ner Hei­mat­ga­la­xie, in der gro­ße Men­gen an neu­en Ster­nen ent­ste­hen.
© T. Mül­ler, HdA/MPIA

Die Ent­ste­hung der ers­ten Gala­xien und ihrer zen­tra­len Schwar­zen Löcher ist ein hoch akti­ves For­schungs­ge­biet. Ein wich­ti­ger Teil des Puz­zles ist dabei die Suche nach den ers­ten Qua­sa­ren, und die Unter­su­chung ihrer Hei­mat­ga­la­xien. Aller­dings ist solch ein Blick in die Ver­gan­gen­heit immer eine Her­aus­for­de­rung: Wir sehen Objek­te genau dann so, wie sie im frü­hen Uni­ver­sum waren, wenn ihr Licht beson­ders lan­ge benö­tigt hat, um uns zu errei­chen. Zeigt uns das Licht, das heu­te unse­re Tele­sko­pe erreicht, uns einen Qua­sar so, wie er vor 13,4 Mil­li­ar­den Jah­ren war, dann liegt das schließ­lich dar­an, dass jenes Licht 13,4 Mil­li­ar­den Jah­re gebraucht hat, um von jenem Qua­sar zu unse­ren Tele­sko­pen zu gelangen.

Auf der Suche nach „gewöhnlichen“ Quasaren

Über so gro­ße Ent­fer­nun­gen beob­ach­tet erschei­nen selbst von Natur aus extrem hel­le Objek­te wie Qua­sa­re ver­gleichs­wei­se leucht­schwach. Am ein­fachs­ten zu beob­ach­ten sind natur­ge­mäß beson­ders hel­le Exem­pla­re – aber dass ein Qua­sar extrem hell ist, bedeu­tet gleich­zei­tig, dass er nicht reprä­sen­ta­tiv für die Popu­la­ti­on der Qua­sa­re ins­ge­samt sein dürf­te. Und genau hier kann das ESA-Welt­raum­te­le­skop sei­ne Stär­ken aus­spie­len: als beson­ders guter “Qua­sar-Fin­der” im frü­hen Uni­ver­sum – eine beacht­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit, die durch Nach­be­ob­ach­tun­gen mit boden­ge­stütz­ten Tele­sko­pen bestä­tigt wird.

Edu­ar­do Baña­dos, Grup­pen­lei­ter am MPIA und von 2022 bis 2025 Co-Lei­ter der Qua­sar-Grup­pe für Euclid, sagt: „Zu sehen, wie Euclid sein Poten­zi­al aus­schöpft, ist unge­mein befrie­di­gend. Aber es kommt noch bes­ser: Zum ers­ten Mal kön­nen wir gewöhn­li­che, typi­sche Qua­sa­re im frü­hen Uni­ver­sums unter­su­chen, nicht nur außer­ge­wöhn­lich hel­le. Das lie­fert Infor­ma­tio­nen dar­über, wie der Groß­teil der frü­hen Schwar­zen Löcher gewach­sen ist – und wie die­se Schwar­zen Löcher ihre Hei­mat­ga­la­xien beein­flusst haben.“

Nach nur 1,5 Jah­ren Beob­ach­tungs­zeit hat Euclid die Zahl der bekann­ten frü­hen Qua­sa­re von neun auf 21 bereits mehr als ver­dop­pelt. (Gemeint sind dabei Qua­sa­re mit Rot­ver­schie­bung z > 7, also Qua­sa­re, die wir so sehen, wie sie weni­ger als 800 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall waren.) Inner­halb weni­ger Mona­te konn­te Euclid den Rot­ver­schie­bungs­re­kord für Qua­sa­re dabei nicht nur ein­mal, son­dern gleich zwei­mal brechen!

Eigenschaften einer frühen Heimatgalaxie

Für einen jener gewöhn­li­chen frü­hen Qua­sa­re konn­ten Bel­la­dit­ta und ihr Team die Hei­mat­ga­la­xie genau­er unter die Lupe neh­men. Der Qua­sar trägt die Bezeich­nung EUCL J125308.55+705432.3 (ein “Name”, der sich aus der Posi­ti­on des Qua­sars am Him­mel ablei­tet). Was uns heu­te an Licht von die­sem Qua­sar erreicht, wur­de vor 13 Mil­li­ar­den Jah­ren aus­ge­strahlt, gan­ze 800 Mil­lio­nen Jah­re nach dem Urknall (bei der Rot­ver­schie­bung z=7,7). Der Qua­sar ist im UV-Bereich nur rund 15% so hell wie frü­he­re Qua­sa­re, die den Rekord bei der Rot­ver­schie­bung hielten.

Für ihre Beob­ach­tun­gen der Hei­mat­ga­la­xie nutz­ten die For­schen­den das NOE­MA-Anten­nen­feld (NOr­t­hern Exten­ded Mil­li­me­ter Array) auf dem Pla­teau de Bure in den fran­zö­si­schen Alpen. Die zwölf 15-Meter-Anten­nen von NOEMA wer­den so zusam­men­ge­schal­tet, dass sie wie ein ein­zel­nes, deut­lich grö­ße­res Tele­skop agie­ren. Mit die­sem Ver­bund beob­ach­te­ten die Astro­no­men die Hei­mat­ga­la­xie bei zwei sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­ten Submillimeter-Wellenlängen.

Mit Submillimeterlicht zu Sternentstehung und Staubgehalt

Die ers­te Art von Licht heißt in der Astro­no­mie [CII]-Linie. Sol­ches Licht ent­steht in Mole­kül­wol­ken, in denen gera­de neue Ster­ne ent­ste­hen. Aus der Hel­lig­keit jener Linie kann man daher auf die Stern­ent­ste­hungs­ra­te einer Gala­xie schließen.

Das Licht ermög­licht zudem eine Mas­sen­schät­zung: Die meis­ten von uns haben schon direkt erlebt, wie sich das Tatü-Tata eines Ein­satz­fahr­zeugs ver­än­dert, wenn das Fahr­zeug an uns vor­bei­fährt. Bewe­gung beein­flusst die Wel­len­län­ge von Wel­len. In einer Art Umkehr­schluss kön­nen die Astro­no­men aus der Form der [CII]-Linie rekon­stru­ie­ren, wie sich das Gas in der betref­fen­den Gala­xie bewegt. Das wie­der­um erlaubt eine Abschät­zung der Mas­se jener Galaxie.

Die zwei­te Art von Sub­mil­li­me­ter-Licht, die Bel­la­dit­ta und ihre Kol­le­gen unter­sucht haben, ist die Wär­me­strah­lung des kal­ten Staubs in einer Gala­xie. Die Inten­si­tät die­ses Lichts lässt Rück­schlüs­se dar­auf zu, mit wie viel Staub wir es in jener Gala­xie zu tun haben. Die Men­ge an Staub wie­der­um hängt typi­scher­wei­se mit der Men­ge an mole­ku­la­rem Was­ser­stoff in einer Gala­xie zusam­men, dem Aus­gangs­ma­te­ri­al für die Stern­ent­ste­hung – und die Beob­ach­tun­gen zei­gen, dass jene Gala­xie offen­bar viel Staub und damit mole­ku­la­ren Was­ser­stoff besitzt!
Die Stern­ent­ste­hungs­ra­te rekonstruieren

Aus ihren Beob­ach­tun­gen konn­ten Bel­la­dit­ta und ihren Kol­le­gen wich­ti­ge Eigen­schaf­ten der Gala­xie rekon­stru­ie­ren, in der sich der Qua­sar befin­det. In jener Gala­xie ent­ste­hen offen­bar jedes Jahr neue Ster­ne mit einer Gesamt­mas­se von mehr als 250 Son­nen­mas­sen pro Jahr. Im Ver­gleich mit rund einer Son­nen­mas­se an neu­en Ster­nen pro Jahr in unse­rer Milch­stra­ße ist das viel. Die hohe Stern­ent­ste­hungs­ra­te kommt ange­sichts frü­he­rer Beob­ach­tun­gen an weni­ger weit ent­fern­ten Qua­sa­ren aber nicht uner­war­tet. Die Mas­se der Gala­xie ergibt sich zu rund zehn Mil­li­ar­den Son­nen­mas­sen. Das ist rund ein Zehn­tel der Mas­se unse­rer Milch­stra­ße, und passt zu einer frü­hen Gala­xien, die den Groß­teil ihres Wachs­tums erst noch vor sich hat.

Sil­via Bel­la­dit­ta, Post­dok­to­ran­din am MPIA, Haupt­au­to­rin der Stu­die und neue Co-Lei­te­rin der Qua­sar-Arbeits­grup­pe von Euclid, sagt: „Wir haben eine Gala­xie gefun­den, die alle Zuta­ten dafür besitzt, ein­mal zu einem wirk­lich gro­ßen Exem­plar zu wer­den: Sie ist so mas­se­reich wie die Hei­mat­ga­la­xien der hells­ten frü­hen Qua­sa­re, und sie ent­hält ein rie­si­ges Reser­voir an mole­ku­la­rem Gas, das inten­si­ve Stern­ent­ste­hung ermög­licht. Das eröff­net eine fas­zi­nie­ren­de Mög­lich­keit: UV-schwa­che Qua­sa­re wie EUCL J125308.55+705432.3 befin­den sich mög­li­cher­wei­se in einerm ande­ren Ent­wick­lungs­sta­di­um als ihre leucht­kräf­ti­ge­ren Ver­wand­ten. Ent­we­der wächst das Schwar­ze Loch bei ihnen lang­sa­mer als bei den hells­ten Qua­sa­ren, oder aber ein Groß­teil ihrer Akti­vi­tät ist hin­ter dich­ten Staub­wol­ken ver­bor­gen. Wel­che die­ser Mög­lich­kei­ten zutrifft, müs­sen wir jetzt mit Hil­fe zukünf­ti­ger Beob­ach­tun­gen herausfinden.“

Zukunftspläne

Für unser Gesamt­bild der Gala­xien­ent­wick­lung sind das ein­zel­ne Puz­zle­tei­le, aber es sind durch­aus wich­ti­ge Puz­zle­tei­le, die den Astro­no­men zudem sagen, was es als Nächs­tes zu unter­su­chen gilt. Die voll­stän­di­ge, auf sechs Jah­re ange­leg­te Him­mels­durch­mus­te­rung mit Euclid dürf­te Hun­der­te wei­te­rer frü­her Qua­sa­re die­ser Art fin­den. Fol­ge­be­ob­ach­tun­gen wie die von Bel­la­dit­ta und ihren Kol­le­gen wer­den dazu jeweils Infor­ma­tio­nen über Stern­ent­ste­hungs­ra­ten und Gala­xien­mas­sen lie­fern. Damit dürf­te nach und nach ein immer voll­stän­di­ge­res Bild der frü­hes­ten Gala­xien und super­mas­se­rei­chen Schwar­zen Löcher im Uni­ver­sum ent­ste­hen. Ent­spre­chend detail­rei­cher dürf­te unser Bild von der Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der frü­hes­ten Gala­xien – und damit einer wich­ti­gen Vor­aus­set­zung für unse­re eige­ne Exis­tenz – werden.

MP

Hintergrundinformationen

Die hier beschrie­be­nen Ergeb­nis­se wur­den ver­öf­fent­licht als Bel­la­dit­ta et al. „Euclid: A UV-faint qua­sar in a high­ly lumi­nous star-forming host gala­xy at z≈7.7“ in der Fach­zeit­schrift Astro­no­my & Astro­phy­sics. Die Ergeb­nis­se der Euclid-Qua­sar-Suche wur­den ver­öf­fent­licht als D. Yang et al., „Euclid: Dis­co­very of 31 new qua­sars at 6.6 < z < 7.8“ in der Fach­zeit­schrift Astro­no­my & Astro­phy­sics.

Die betei­lig­ten Wis­sen­schaft­ler des MPIA sind Sil­via Bel­la­dit­ta, Edu­ar­do Bana­dos, Fabi­an Wal­ter, Knud Jahn­ke, Sarah Bos­man, Juli­en Wolf und Mischa Schirm­er in Zusam­men­ar­beit mit Rober­to Decar­li (INAF-Obser­va­to­ri­um, Bolo­gna), Daming Yang (Stern­war­te Lei­den), Fran­ces­co Guar­ne­ri (Uni­ver­si­tät Ham­burg) und dem Rest der Euclid-Kollaboration.

Euclid ist eine Mis­si­on der ESA, die die Eigen­schaf­ten von dunk­ler Ener­gie und dunk­ler Mate­rie über die gesam­te bis­he­ri­ge kos­mi­sche Geschich­te hin­weg ver­mes­sen soll. Seit dem Start des Welt­raum­te­le­skops im Jah­re 2023 ist Euclid dabei, rund ein Drit­tel des Him­mels zu durch­mus­tern, Bil­der von zwei Mil­li­ar­den Gala­xien auf­zu­neh­men und die genau­en Ent­fer­nun­gen von rund 50 Mil­lio­nen Gala­xien zu bestim­men. Die ers­te gro­ße Daten­ver­öf­fent­li­chung von Euclid, DR1, wird der inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Com­mu­ni­ty im Novem­ber 2026 Daten zu einer Flä­che von fast 2000 Qua­drat­grad lie­fern. Das Max-Planck-Insti­tut für Astro­no­mie (MPIA) ist Grün­dungs­mit­glied des Euclid-Kon­sor­ti­ums, einer Grup­pe von mitt­ler­wei­le mehr als 150 Insti­tu­tio­nen in Euro­pa, Kana­da, Japan und den USA. Wäh­rend der Bau­pha­se hat das MPIA Hard­ware für das Nahin­fra­rot-Instru­ment an Bord von Euclid bei­gesteu­ert. Aktu­ell sind Wis­sen­schaft­ler des MPIA am Betrieb des Welt­raum­te­le­skops betei­ligt und lei­ten die gesam­ten Kali­brie­rungs­ar­bei­ten für Euclid.

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

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