Isotopenanalyse wirft Fragen zur Planetenentstehung auf

  • Letz­te Ände­rung:3 Mona­ten 
  • Lese­zeit:6Minu­ten
  • Wör­ter:1532
  • Bei­trags­auf­ru­fe:115

Das jun­ge und unfer­ti­ge Pla­ne­ten­sys­tem des 23 Mil­lio­nen Jah­re alten Sterns Beta Pic­to­ris (kurz: Beta Pic) hat sich zu einem Para­de­bei­spiel für zir­kum­stel­la­re Staub­schei­ben ent­wi­ckelt und beher­bergt min­des­tens drei Rie­sen-Gas­pla­ne­ten. Beta Pic­to­ris b wur­de bereits 2008 mit­tels direk­ter Bild­ge­bung ent­deckt und ist mit etwa 11 Jupi­ter­mas­sen der mas­se­reichs­te die­ser Pla­ne­ten. Er umkreist sei­nen Zen­tral­stern auf einer wei­ten Umlauf­bahn und benö­tigt dafür etwa 23 Jahre.

Astro­nom­in­nen und Astro­no­men des Max-Planck-Insti­tuts für Astro­no­mie (MPIA) in Hei­del­berg, Deutsch­land, des Obser­va­toire de la Côte d’Azur (OCA) in Niz­za, Frank­reich, sowie wei­te­rer Part­ner haben Beta Pic b beob­ach­tet. Mit dem kürz­lich moder­ni­sier­ten Instru­ment GRAVITY+ unter­such­ten sie den Ursprung des Pla­ne­ten sowie eine mög­li­che atmo­sphä­ri­sche Varia­bi­li­tät. Das Instru­ment ist an das Very Lar­ge Telescope Inter­fe­ro­me­ter (VLTI) ange­schlos­sen, das von der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO) am Par­anal-Obser­va­to­ri­um in Chi­le betrie­ben wird. Anto­nia von Stauf­fen­berg, Dok­to­ran­din am MPIA, ist die Haupt­au­to­rin der Stu­die, die als Let­ter in der Fach­zeit­schrift Astro­no­my & Astro­phy­sics erschie­nen ist.

Beta Pictoris b
Künst­le­ri­sche Dar­stel­lung von Beta Pic b im Beta-Pic-Pla­ne­ten­sys­tem. © ESO/L. Calçada

„Das inter­fe­ro­me­tri­sche Instru­ment GRAVITY+ ist extrem sta­bil […], was es ein­zig­ar­tig macht, um die Eigen­schaf­ten von direkt abge­bil­de­ten Exo­pla­ne­ten mit hoher Genau­ig­keit zu bestim­men“, sagt Co-Autor und MPIA-Wis­sen­schaft­ler Jonas Sau­ter. GRAVITY+ ist eine Erwei­te­rung des ursprüng­li­chen GRA­VI­TY-Instru­ments und ver­fügt über eine ver­bes­ser­te adap­ti­ve Optik.

Was lässt sich über die Atmosphäre und den Ursprung von Beta Pictoris b lernen?

Das Team wen­de­te eine Metho­de an, die vor eini­gen Jah­ren vor­ge­schla­gen wur­de, um den Geburts­ort von Pla­ne­ten in pla­ne­ten­bil­den­den Schei­ben zu bestim­men. Durch die Mes­sung des rela­ti­ven Häu­fig­keits­ver­hält­nis­ses zwi­schen zwei ver­schie­de­nen Vari­an­ten von Koh­len­stoff, die im Koh­len­mon­oxid­gas der Atmo­sphä­re von Beta Pic b gebun­den sind, soll­te sich ablei­ten las­sen, ob der Pla­net außer­halb oder inner­halb einer Regi­on der Schei­be ent­stand, in der Koh­len­mon­oxid als Eis vor­lag. Unter Berück­sich­ti­gung der Strah­lung des Zen­tral­sterns, der die Schei­be von innen auf­heizt, lie­ße sich dies direkt in die Ent­fer­nung zum Stern über­set­zen, in der der Pla­net entstand.

Der Radi­us, an dem die Tem­pe­ra­tur nied­rig genug ist, damit Gas zu Eis gefriert, wird im All­ge­mei­nen als Schnee­li­nie bezeich­net. Der Fach­be­griff für die Vari­an­ten eines Atoms, etwa bei Koh­len­stoff, lau­tet Iso­top. Iso­to­pe besit­zen die glei­che Anzahl an posi­tiv gela­de­nen Pro­to­nen im Atom­kern, unter­schei­den sich jedoch in der Anzahl der neu­tra­len Neu­tro­nen – wie bei den bei­den Koh­len­stoff-Iso­to­pen 12C und 13C. Infol­ge­des­sen haben sie leicht unter­schied­li­che Mas­sen, wei­sen jedoch ähn­li­che che­mi­sche Eigen­schaf­ten auf. Im Welt­all ver­bin­det sich Koh­len­stoff häu­fig mit Sau­er­stoff und bil­det dabei 12CO- und 13CO-Mole­kü­le.

Ein spannendes, vorläufiges Szenario

Inter­es­san­ter­wei­se nutz­te der MPIA-Wis­sen­schaft­ler Mat­thieu Ravet bei einem frü­he­ren Ver­such zur Bestim­mung des Dia­gno­se­ver­hält­nis­ses zwi­schen 12CO und dem etwas schwe­re­ren 13CO das ursprüng­li­che GRA­VI­TY-Instru­ment noch vor des­sen Moder­ni­sie­rung. Dabei ergab sich ein ver­gleichs­wei­se nied­ri­ges Ver­hält­nis. Die For­schen­den ver­mu­te­ten bereits damals, dass GRAVITY even­tu­ell unzu­rei­chend war, um die ent­schei­den­den Signa­le in die­sem Daten­satz sau­ber auf­zu­lö­sen, und mahn­ten zur Vor­sicht bei der Interpretation.

Folgt man den­noch der Logik des oben genann­ten Sze­na­ri­os, so deu­tet die­ser Wert dar­auf hin, dass Beta Pic b in der äuße­ren Schei­be jen­seits der Schnee­li­nie gewach­sen sein könn­te, indem er eher CO-Eis statt CO-Gas ansam­mel­te. Mit einer Ent­fer­nung von etwa 10 AE (Astro­no­mi­sche Ein­heit = der mitt­le­re Abstand zwi­schen Son­ne und Erde; 1 AE = 149,6 Mil­lio­nen Kilo­me­ter) von sei­nem Zen­tral­stern zieht Beta Pic b sei­ne Bahn der­zeit jedoch ein­deu­tig wei­ter innen, zwi­schen dem Stern und der Schnee­li­nie, wo CO vor­wie­gend als Gas hät­te vor­lie­gen sol­len. Unter der Annah­me, dass das Ergeb­nis kor­rekt ist, hät­te die­ser Befund dar­auf hin­ge­wie­sen, dass Beta Pic b durch die Schei­be gewan­dert sein könn­te (Pla­ne­ten­mi­gra­ti­on).

Neue und bessere Ergebnisse mit GRAVITY+

Mit­hil­fe von GRAVITY+ lei­te­ten von Stauf­fen­berg und ihre Mit­ar­bei­ten­den nun ein aktua­li­sier­tes und prä­zi­se­res 12CO/13CO-Häu­fig­keits­ver­hält­nis in der Atmo­sphä­re von Beta Pic b ab, das deut­lich höher liegt als der frü­he­re Wert. Wäh­rend 12CO klar nach­ge­wie­sen wur­de und des­sen Anteil ver­gleichs­wei­se ein­fach zu bestim­men ist, erfor­dert die Mes­sung von 13CO einen wesent­lich kom­ple­xe­ren Ansatz.

Inter­es­san­ter­wei­se stimmt das Ver­hält­nis mit dem Wert über­ein, der im Begleit­ar­ti­kel von Gon­zá­lez Picos et al. (2026) ver­öf­fent­licht wur­de. Jene Stu­die nutz­te ein ande­res Instru­ment, was die ver­bes­ser­te Daten­qua­li­tät unter­streicht, die GRAVITY+ im Ver­gleich zu sei­nem ursprüng­li­chen Design lie­fert. Das vor­he­ri­ge GRA­VI­TY-Ergeb­nis war ein­deu­tig durch sys­te­ma­ti­sche Unsi­cher­hei­ten beeinträchtigt.

GRAVITY-Instrument des VLT
Das GRA­VI­TY-Instru­ment des Very Lar­ge Telescope Inter­fe­ro­me­ters (VLTI) am Par­anal-Obser­va­to­ri­um der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO). © G. Rojas/ESO

Zudem fan­den die Astro­nom­in­nen und Astro­no­men sub­ti­le Hin­wei­se dar­auf, dass die vom Pla­ne­ten emp­fan­ge­ne Strah­lung im Lau­fe der Zeit schwankt. Trotz der gerin­gen sta­tis­ti­schen Signi­fi­kanz schei­nen die vor­herr­schen­den Ver­än­de­run­gen mit der Rota­ti­ons­pe­ri­ode des Pla­ne­ten von etwa 8,7 Stun­den ver­knüpft zu sein. Soll­te sich dies bestä­ti­gen, könn­te es auf Wol­ken oder che­mi­sche Pro­zes­se in der Atmo­sphä­re von Beta Pic b hin­deu­ten. Wei­te­re emp­find­li­che­re Beob­ach­tun­gen sind jedoch erfor­der­lich, um das Ergeb­nis abzusichern.

Anto­nia von Stauf­fen­berg sagt dazu: „Die Fähig­keit, sowohl Iso­to­po­lo­ge als auch eine poten­zi­el­le rota­ti­ons­be­ding­te Varia­bi­li­tät mit­hil­fe boden­ge­bun­de­ner Beob­ach­tun­gen eines Pla­ne­ten wie Beta Pic­to­ris b prä­zi­se ein­zu­gren­zen, demons­triert die außer­ge­wöhn­li­che Daten­qua­li­tät, die mit dem moder­ni­sier­ten Instru­ment GRAVITY+ erreicht wird.“

Zweifel an der Aussagekraft von Häufigkeitsverhältnissen

Im vor­ge­schla­ge­nen Modell zur Bestim­mung des Geburts­or­tes rückt das neue, prä­zi­se­re 12CO/13CO-Häu­fig­keits­ver­hält­nis Beta Pic b nun ein­deu­tig in den wär­me­ren, inne­ren Bereich der ursprüng­li­chen pro­to­pla­ne­ta­ren Schei­be. Dies stimmt auch mit dem aktu­el­len Stand­ort des Pla­ne­ten über­ein. Wei­ter­hin deckt sich das Ver­hält­nis weit­ge­hend mit Wer­ten, die übli­cher­wei­se im Son­nen­sys­tem und im inter­stel­la­ren Medi­um (ISM) zu fin­den sind, wel­ches den Raum zwi­schen den Ster­nen in der Milch­stra­ße erfüllt. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit von etwa einem Dut­zend jun­ger Rie­sen-Gas­pla­ne­ten, die hin­sicht­lich ihres CO-Ver­hält­nis­ses unter­sucht wur­den, weist ähn­li­che Wer­te auf.

Die­se Über­ein­stim­mung könn­te aller­dings eine schlech­te Nach­richt sein. Denn das Koh­len­stoff-Iso­to­pen­ver­hält­nis ver­liert damit sei­ne erhoff­te Aus­sa­ge­kraft für die Bestim­mung des Geburts­orts eines Pla­ne­ten. Die wahr­schein­lichs­te Erklä­rung dafür ist, dass mög­li­che Unter­schie­de wäh­rend der Pla­ne­ten­ent­ste­hung schlicht zu gering sind, um mit die­ser Metho­de erfasst zu wer­den. Damit ist das 12CO/13CO-Ver­hält­nis der­zeit nicht aus­sa­ge­kräf­tig genug, um spe­zi­fi­sche Rück­schlüs­se auf die jewei­li­ge Ent­ste­hungs­um­ge­bung eines Pla­ne­ten zu ziehen.

„Es ist nach wie vor schwie­rig, 13CO als Indi­ka­tor für die Ent­ste­hung von Rie­sen­pla­ne­ten zu nut­zen, da sowohl in den Model­len als auch in den Mes­sun­gen wei­ter­hin Unsi­cher­hei­ten bestehen“, sagt Anto­nia von Stauffenberg.

Es ist aber durch­aus wahr­schein­lich, dass die aktu­el­le Theo­rie die che­mi­schen Pro­zes­se im CO-Eis in sol­chen Staub­schei­ben noch nicht voll­stän­dig erfasst. Dann wür­de das 12CO/13CO-Ver­hält­nis schlicht kei­nen mess­ba­ren Unter­schied zwi­schen der mil­de­ren Gas­um­ge­bung und den eis­kal­ten Außen­be­rei­chen abbil­den. Vor­erst behal­ten die Rie­sen­pla­ne­ten mit aus­ge­dehn­ten Umlauf­bah­nen das Geheim­nis ihrer Ent­ste­hung also für sich. Um die ver­schie­de­nen Ent­ste­hungs­sze­na­ri­en künf­tig sau­ber von­ein­an­der zu tren­nen, braucht die Astro­no­mie neue Ana­ly­se­me­tho­den – und GRAVITY+ dürf­te bei deren Ent­wick­lung und Über­prü­fung eine Schlüs­sel­rol­le spielen.

MN

Hintergrundinformationen

Die Ergeb­nis­se beru­hen auf Daten, die im Rah­men des GRAVTY+-Garantiezeitprogramms (GTO) 114.27JS (PI: Lau­ra Kreid­berg) gewon­nen wur­den. Das GRAVITY+-Konsortium umfasst die fol­gen­den Insti­tu­te: MPE, INSU/CNRS, Uni­ver­si­tät zu Köln, MPIA, CENTRA, Uni­ver­si­tät Sout­hamp­ton sowie die asso­zi­ier­ten Part­ner KU Leu­ven, Uni­ver­si­ty Col­lege Dub­lin und die Uni­ver­si­dad Autó­no­ma de Méxi­co, in enger Zusam­men­ar­beit mit der ESO und unter­stützt durch die Max-Planck-Förderstiftung.

Am MPIA an die­ser Stu­die betei­lig­te Astro­nom­in­nen und Astro­no­men waren Anto­nia von Stauf­fen­berg, Jonas Sau­ter, Paul Mol­liè­re, Mat­thieu Ravet (auch am Obser­va­toire de la Côte d’Azur, Niz­za, Frank­reich [OCA] und an der Uni­ver­si­té Gre­no­ble Alpes, Gre­no­ble, Frank­reich), David Tre­vas­cus, Wolf­gang Brand­ner, Gaël Chau­vin (auch am OCA), Lau­ra Kreid­berg und Eli­sa­beth Matthews.

Wei­te­re For­schen­de waren: A. Ber­deu (Obser­va­toire de Paris, Meu­don, Frank­reich), M. Bon­ne­foy (Insti­tut de Pla­né­to­lo­gie et d’Astrophysique de Gre­no­ble, Frank­reich), G. Bour­da­rot (Max-Planck-Insti­tut für extra­ter­res­tri­sche Phy­sik, Gar­ching bei Mün­chen, Deutsch­land [MPE]), J.-B Le Bou­quin (Uni­ver­si­té Gre­no­ble Alpes: Saint-Martin‑d’Hères, Auver­gne-Rhô­ne-Alpes, Frank­reich [UGA]), F. Eisen­hau­er (MPE), M. Houl­lé (UGA), F. Mill­our (OCA), J. Scig­li­uto (OCA), J. Wang (Cen­ter for Inter­di­sci­pli­na­ry Explo­ra­ti­on and Rese­arch in Astro­phy­sics (CIERA) und Depart­ment of Phy­sics and Astro­no­my, Nor­thwes­tern Uni­ver­si­ty, Evan­s­ton, USA), J. W. Xuan (Depart­ment of Astro­no­my, Cali­for­nia Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy, Pasa­de­na, USA [Cal­tech] und Depart­ment of Earth, Pla­ne­ta­ry, and Space Sci­en­ces, Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, Los Ange­les, USA), Y. Zhang (Cal­tech) sowie die GRAVITY+ Kollaboration.

Das von der Euro­päi­schen Süd­stern­war­te (ESO) betrie­be­ne Very Lar­ge Telescope Inter­fe­ro­me­ter (VLTI) ist ein Infra­rot-Inter­fe­ro­me­ter. Es kom­bi­niert das Licht der vier orts­fes­ten 8,2‑Meter-Hauptteleskope (Unit Telesco­pes, UTs) oder der vier beweg­li­chen 1,8‑Meter-Hilfsteleskope (Auxi­lia­ry Telesco­pes, ATs) des Very Lar­ge Telescope (VLT). Das VLTI befin­det sich am Par­anal-Obser­va­to­ri­um der ESO in Chile.

GRAVITY+ ist eine Erwei­te­rung des VLTI und sei­nes ursprüng­li­chen GRA­VI­TY-Instru­ments. Es ermög­licht die Abbil­dung licht­schwä­che­rer und wei­ter ent­fern­ter Him­mels­ob­jek­te als zuvor und ver­bes­sert gleich­zei­tig die kon­trast­rei­che Prä­zi­si­on bei hel­len Objek­ten. Das Kon­sor­ti­um besteht aus 15 For­schungs­in­sti­tu­ten aus sie­ben euro­päi­schen Län­dern, dar­un­ter das MPIA und die ESO.

Link zur Pres­se­mit­tei­lung des MPIA

Andreas

Andreas Schnabel war bis zum Ende der Astronomie-Zeitschrift "Abenteuer Astronomie" im Jahr 2018 als Kolumnist tätig und schrieb dort über die aktuell sichtbaren Kometen. Er ist Mitglied der "Vereinigung für Sternfreunde e.V.". Neben Astronomie, betreibt der Autor des Blogs auch Fotografie und zeigt diese Bilder u.a. auf Flickr.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert